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LUZERN: Nach drei Tagen durfte der Kettensäge-Mann die Klinik verlassen

Der Mann, der CSS-Mitarbeiter in Schaffhausen mit einer Motorsäge angegriffen haben soll, fiel der Luzerner Polizei schon 2016 durch sein seltsames Verhalten auf. Ein Arzt wies ihn zwangsweise in die Psychiatrie ein – doch diese liess ihn drei Tage später wieder ziehen. Wurde die Gefahr unterschätzt?
Wegweiser zur Luzerner Psychiatrie in St. Urban. Im Hintergrund sind die Türme des angrenzenden Klosters zu sehen. (Bild: Pius Amrein (St. Urban, 18. April 2017))

Wegweiser zur Luzerner Psychiatrie in St. Urban. Im Hintergrund sind die Türme des angrenzenden Klosters zu sehen. (Bild: Pius Amrein (St. Urban, 18. April 2017))

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Der 11. April 2016 beginnt wie jeder andere Tag auch. Doch es wird kein guter für jenen Mann, der seit dieser Woche wegen seines ungeheuerlichen Angriffs auf mehrere Krankenkassenmitarbeiter im Fokus der Öffentlichkeit steht. In Beromünster, wo er zu der Zeit wohnt, ist bekannt, dass er manchmal seltsames Zeug redet. Im Gespräch mit dem örtlichen Apotheker kommt er immer und immer wieder auf ein «Trauma» zu sprechen, das er erlitten habe. Er scheint fast davon besessen zu sein, über seinen Gesundheitszustand zu sprechen. An diesem Montag macht er zudem einen derart wirren Eindruck, dass er der Polizei auffällt. Die Polizisten nehmen ihn mit. Ein Notfallpsychiater soll prüfen, ob mit dem Mann alles in Ordnung ist. Man ist sich offenbar nicht sicher, was diesen Kerl umtreibt. Er ist nicht nur mit einem Elektroschockgerät bewaffnet, sondern trägt auch ein Rasiermesser mit sich.

Wegen ersterem wird er ein paar Tage später zu einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen à je 100 Franken verurteilt. Die Staatsanwaltschaft Luzern entscheidet zudem, dass nun auch die Strafe vollzogen werden muss, welche die Kollegen aus Burgdorf knapp zwei Jahre zuvor bedingt verhängt hatten. Damals hatte er eine Pistole auf sich getragen.

Der jetzt hinzugezogene Arzt macht sich Sorgen, dass der Mann sich selbst oder jemand anderem etwas antun könnte. Er beschliesst deshalb, ihn in die psychiatrische Klinik St. Urban zu überweisen. Der Rettungsdienst bringt ihn hin – die Polizei begleitet den Transport.

Er verlässt Scuol, ohne eine Adresse zu hinterlassen

Unsere Zeitung weiss aus sicherer Quelle: Es vergehen gerade mal drei Tage, bis der Mann die Psychiatrie bereits wieder verlassen darf. Wie ist das möglich? Fakt ist: Eine ärztlich angeordnete fürsorgliche Unterbringung ist an strenge Voraussetzungen gebunden: Es muss eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegen, damit eine Person auch gegen ihren Willen in der Klinik festgehalten werden darf. Im vorliegenden Fall müssen die Ärzte nach drei Tagen zum Schluss gekommen sein, dass dies nicht (mehr) zutrifft. Der Mann darf nach Hause gehen.

Die Klinikleitung darf aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nichts zu dem Fall sagen. Generell sei es aber tatsächlich so, dass Patienten entlassen werden müssen, wenn dies ihr Wunsch sei und die Voraussetzungen für eine fürsorgerische Unterbringung nicht mehr gegeben seien. «Wir versuchen uns in solchen Fällen zu vernetzen und eine Nachbetreuung zu organisieren», sagt Klinikleiter Thomas Glinz. Da der Mann im vorliegenden Fall gemäss Medienberichten ein Einzelgänger war, dürfte das aber schwierig gewesen sein.

Sein Vermieter jedenfalls erfährt nichts von dem Zwischenfall. Er merkt jedoch, dass irgendetwas vorgefallen sein muss, wie er später sagt. Wenige Wochen nach dem Klinikaufenthalt kündigt der Mann seine Wohnung in Beromünster und lässt seine Habseligkeiten zurück. Er zieht nach Scuol. Aber nicht für lange. Im November 2016 bricht er auch dort seine Zelte ab. Er verlässt den Bündner Ferienort, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Danach verliert sich seine Spur.

War der Angriff vorhersehbar?

In dieser Zeit muss es mit ihm psychisch bergab gegangen sein. Schon vorher scheint er ein misstrauischer Mensch gewesen zu sein, der sich vor irgendetwas fürchtete. Deshalb hatte er nach eigenen Angaben früher eine Waffe auf sich getragen. Nun aber macht es den Anschein, als sei er regelrecht auf der Flucht. Alle paar Wochen wechselt er den Aufenthaltsort, meldet sich bei den Gemeinden aber nicht mehr an. Im April 2017 taucht er in Laax auf, verbringt eine Nacht im Hotel und haut dann ab, ohne zu bezahlen. Kurze Zeit später wird er in Feuerthalen und in Uhwiesen gesehen. Dort lebt er im Wald und fällt gemäss Medienberichten durch unfreundliches Gebaren auf. Er wirkt auf Augenzeugen verwahrlost. Anfang letzter Woche passiert dann das Unglaubliche: Der Mann stürmt mit einer Motorsäge bewaffnet in die Schaffhauser CSS-Filiale und verletzt mehrere Menschen. War das ein Ausraster? Oder der Höhepunkt einer gefährlichen Entwicklung, die sich seit Monaten abgezeichnet hatte?

Er verhielt sich gegenüber den Behörden korrekt

Die Frage, die jetzt alle beschäftigt, ist, ob der Angriff vorhersehbar gewesen wäre. Weniger als ein Jahr vorher wurde der Mann von den Ärzten noch nicht als akut gefährlich eingeschätzt. War das ein Fehler? Hätte die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) aktiv werden müssen? Tatsache ist: Die meisten Zwangseinweisungen in die Psychiatrie werden von Ärzten angeordnet. Die Kesb wird in diesen Fällen nicht zwingend informiert. Es ist also möglich, dass sie gar keine Kenntnis von dem Fall hatte. Nur wenn der Aufenthalt nach sechs Wochen verlängert werden soll, läuft dies über die Kesb. Ob die zuständige Kesb Hochdorf-Sursee vorliegend überhaupt involviert war, ist daher nicht bekannt. Man dürfe sich zu konkreten Einzelfällen aufgrund des Amtsgeheimnisses nicht äussern, heisst es auf Nachfrage.

Die häufigen Wohnortwechsel dürften dazu beigetragen haben, dass der Mann lange Zeit nicht ins Visier der Behörden geriet. Kommt hinzu: Er meldete sich bei den Gemeinden bis im November 2016 jeweils korrekt ab und wieder an – dadurch fiel er kaum auf.

Auch gegenüber der CSS sprach er nie Drohungen aus. Zwar liegt aufgrund der Aussagen seines Vermieters der Schluss nahe, dass ihn sein Gesundheitszustand, sein wie auch immer geartetes «Trauma», heftig umtrieb. Da er keine Adresse mehr hatte, suchte er in der Region denn auch verschiedene Filialen der Krankenkasse persönlich auf, um seine Anliegen vorzubringen. Diese sollen sich auch immer wieder um das gleiche Thema gedreht haben. Dabei blieb er gemäss CSS aber immer anständig. Nichts deutete darauf hin, dass er einen derartigen Angriff geplant hätte. Warum er am Montag plötzlich ausrastete, bleibt vorerst ein Rätsel.

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