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LUZERN: «Natürlich gibt es in Eritrea Folter»

Ein Ritterschlag: Das «Time-Magazin» zählt den Eritreer Mussie Zerai zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Er setzt sich wie kein Zweiter für geflohene Landsleute ein.
Thomas Heer
Der katholische Priester Mussie Zerai aus Eritrea bei einem Besuch in Sursee. 2015 war er für den Friedensnobelpreis nominiert. (Bild Roger Grütter)

Der katholische Priester Mussie Zerai aus Eritrea bei einem Besuch in Sursee. 2015 war er für den Friedensnobelpreis nominiert. (Bild Roger Grütter)

Thomas Heer

«Nein, Nein», antwortet Mussie Zerai, als er gefragt wird, ob er etwas trinken möchte. Er habe auch bereits gegessen, also müsse ihm die Kellnerin erst gar nichts bringen. Zerai nimmt seine Sonnenbrille vom Gesicht, lächelt etwas bedrückt und setzt sich an den Tisch im Aussenbereich eines Cafés in Sursee. Er trägt ein weisses Baumwollhemd. Auffallend ist das Kreuz – an einer Halskette fixiert – welches über seinen Oberkörper pendelt. Kreuz tragende Menschen finden sich heutzutage zwar allenthalben. Mit dem Symbol der Christen schmückt sich der 46-Jährige jedoch nicht aufgrund modischer Präferenzen. Als katholischer Priester und Angehöriger der Scalabrini-Missionare gehört das Kreuz im Fall des Exil-Eritreers Zerai quasi zur unverrückbaren Grundausstattung.

Noch keine fünfzehn Jahre sind vergangen, als in der Schweiz nur wenige wussten, wo Eritrea überhaupt genau liegt. Dieses kleine Land am Horn von Afrika interessierte kaum jemanden. Das änderte sich aber allmählich, weil immer mehr Eritreer in die Schweiz einreisten und um Asyl nachfragten. Diese Afrikaner müssen heute fast schon als Synonym für Flüchtlinge herhalten. Hierzulande leben inzwischen zirka 30 000 Eritreerinnen und Eritreer. Allein im zweiten Quartal des laufenden Jahres kamen 1000 neue Asylsuchende dazu.

Er rettet Flüchtlinge in Seenot

Warum nur, fragen sich viele Einheimische, verlassen Menschen in Massen ein Land, das weder durch Krieg noch Hungersnot oder aber mit zerstörerischen Naturereignissen für Schlagzeilen sorgt? Dazu ein kurzer Rückblick: Bis zu Beginn der 1990er-Jahre war Eritrea Teil Äthiopiens. Bevor das Land jedoch die Unabhängigkeit erlangte, tobte während rund 30 Jahren ein Bürgerkrieg. Von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen, lösten sich die Eritreer – nur marginal unterstützt von Drittstaaten – in einem verlustreichen Kampf von ihrem Mutterland (siehe Kastentext). Als starker Mann innerhalb der Eritreischen Volksbefreiungsfront (EPLF) etablierte sich bereits sehr früh Isayas Afewerki, ein in der heutigen Hauptstadt Asmara geborener und später in China militärisch ausgebildeter Kämpfer und ideologischer Leader. Seit 1993 ist Afewerki denn auch Staats- und Regierungschef in Personalunion und mischt sich damit in eine Reihe afrikanischer Führer, mit denen sich aufrichtige Demokraten nur schwerlich anfreunden können. Zerai sagt dazu: «Präsident Afewerki duldet keine Opposition. Er ist», so der Priester, «geradezu paranoid.» In jedem Fremden oder Unbekannten, der ins Land komme, sehe das Regime einen Spion.

Vor rund 20 Jahren entschloss sich auch Mussie Zerai seiner afrikanischen Heimat den Rücken zu kehren. In Rom angekommen, studierte er in Italien Philosophie und Theologie. Die Priesterweihe folgte nach Abschluss des Studiums. Mittlerweile hat Zerai seinen Lebensmittelpunkt in Olten eingerichtet. Vom Kanton Solothurn aus bricht er regelmässig auf und informiert im In- wie im Ausland über das Schicksal seiner Landsleute.

Berichte von Havarien und dem damit verbundenen Massensterben von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer zählen seit Jahren zu den tragischen Regelmässigkeiten in den Nachrichten. Immer wieder finden sich unter den Opfern Zerais Landsleute. Besteigen die Flüchtlinge in Nordafrika die oft seeuntauglichen Boote, haben viele die Handy-Nummer des Priesters gespeichert. Kommt es dann auf hoher See zu lebensbedrohlichen Situationen, passiert es immer wieder, dass die Nummer des Seelsorgers gewählt wird. Sekunden später kreischen dann die Möwen – der einprägsame und unverwechselbare Klingelton von Zerais Natel. Im besten Fall werden die Notrufe auf den Schiffen via Satellitentelefon abgewickelt. Dann nämlich erhält Zerai auch gleich die GPS-Daten, die er dann sofort an die italienische Küstenwache weiterleitet. Damit können die Retter das havarierte Boot punktgenau orten und kommen damit einer erfolgreichen Rettung einen wesentlichen Schritt näher.

UNO berichtet von Sklaverei

In der Schweiz wird viel und oft über die Verhältnisse in Eritrea diskutiert. Dabei spielt der Badener Gynäkologe Toni Locher immer wieder eine wichtige Rolle. Locher bereist das Land seit Jahrzehnten und hat im Kleinstaat im Osten Afrikas zahlreiche Entwicklungsprojekt ins Leben gerufen. Als Dank für seine Arbeit wurde Locher von Eritrea zum Honorarkonsul ernannt. Er verteidigt Eritrea in der Öffentlichkeit beharrlich. In einem Artikel der «Wochenzeitung» kontert er im Juni Vorwürfe, erhoben in einem Bericht zuhanden des UNO-Menschenrechtsrates. Sinngemäss hält er fest: Dabei handle es sich um erfolgreiche äthiopische Propaganda. Die UNO wirft Eritrea gröbste Menschenrechtsverletzungen vor. Die Rede ist von Folter, Sklaverei, willkürlichen Inhaftierungen, Hinrichtungen, sexueller Gewalt und anderer Gräueltaten.

Nie wieder aufgetaucht

Natürlich kennt auch Mussie Zerai die Haltung des Badener Arztes. Der Exil-Eritreer kritisiert, Toni Locher verkenne die Realitäten. Zerai enerviert sich: «Natürlich gibt es in Eritrea Folter. Menschen verschwinden von einem Tag auf den anderen, und niemand weiss wo sie hinkommen.» Und weiter erzählt er von Foltergefängnissen, die in seinem Herkunftsland existieren. Unzählige Personen seien in diese Einrichtungen abgeschoben worden und nie wieder aufgetaucht.

Das Land profitiert von Exil-Eritreern

Und was sagt Zerai zum Massen­exodus aus Eritrea? Kann ein Staatsoberhaupt ein Interesse daran haben, dass ihm jährlich Tausende Bürger einfach so davonlaufen? «Den Präsidenten kümmert das wenig. Erstens verschwinden dadurch Gegner des Regimes. Und zweitens profitiert das Land von den Exil-Eritreern, von denen viele Geld in ihre Heimat schicken.»

Und wie kommt es eigentlich, dass Eritreer, die in der Schweiz um Asyl nachfragen, aber zwecks Urlaub regelmässig in ihr Geburtsland reisen? Zerai erklärt, bei diesen Personen handle es sich um regimetreue Männer und Frauen, die von der Regierung nichts zu befürchten hätten. Etwa fünf Prozent der in der Schweiz lebenden Eritreer, so schätzt Zerai, zählen zu dieser Gruppe. Der Bund hat bereits reagiert und sieben Eritreern deshalb den Asylstatus entzogen.

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