LUZERN: Neubau frühestens in 10 Jahren

Es braucht ein neues Kinderspital, Regierung und Spitalleitung versprechen eine schnellstmögliche Lösung. Bloss: Das Projekt wird nun erneut verschoben.

Yasmin Kunz
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So hätte der Innenhofbereich des neuen Luzerner Kinderspitals gemäss dem Siegerprojekt von 2010 aussehen sollen. (Bild: Visualisierung Webereinhardt Generalplaner AG)

So hätte der Innenhofbereich des neuen Luzerner Kinderspitals gemäss dem Siegerprojekt von 2010 aussehen sollen. (Bild: Visualisierung Webereinhardt Generalplaner AG)

Das Luzerner Kantonsspital (Luks) plant bis voraussichtlich 2030 die Realisierung des Grossprojekts Osterweiterung für rund 900 Millionen Franken. Dabei sollen längerfristig diverse der älteren Gebäude Neubauten weichen. Immer wieder betont man seitens des Luks und der Regierung, in diesem Gesamtprojekt den Neubau des Kinderspitals zu priorisieren (wir berichteten). Weiter wird am Standort Wolhusen das Spital für 110 Millionen Franken neu gebaut und voraussichtlich 2019 eröffnet.

Eine bevorzugte Behandlung ist auch nötig, wie Michèle Graber, Luzerner Kantonsrätin (GLP), in zwei eingereichten Postulaten an den Regierungsrat schreibt: «Das Kinderspital ist in einem desolaten baulichen und betrieblichen Zustand.» Graber und ihre Mitunterzeichner verlangen, dass das neue Kinderspital, das jetzt 94 Betten und 400 Mitarbeiter zählt, vor allen anderen Bauprojekten umgesetzt wird. Die Kinderklinik wurde im Jahr 1971 gebaut.

Nebst Eltern und Pflegeangestellten weisen inzwischen auch Spitalärzte öffentlich auf die Dringlichkeit hin. Marco Rossi, Luks-Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene, betonte im September gegenüber unserer Zeitung, dass ein Neubau «so schnell wie möglich realisiert» werden soll. Er wies auf ungenügende Infrastruktur hin, es gebe Zimmer mit sechs Betten «auf engstem Raum».

Neubau sollte 2020 stehen

Ein Neubau wird schon seit Mitte des letzten Jahrzehnts geplant. Spitaldirektor Benno Fuchs sagte 2010: «Das ist ein jahrelanges Anliegen. Wir haben ein Platzproblem. Ausserdem ist das Haus in jeder Beziehung baufällig.» Bis vor kurzem hat der Bauplan so ausgesehen, als ob das Kinderspital wirklich bald neu gebaut würde. 2014 teilte das Luks mit, dass die Inbetriebnahme 2020 geplant sei, und noch im September 2015 bestätigte man diesen Fahrplan.

Doch jetzt ist alles wieder anders, wie Recherchen unserer Zeitung zeigen. Denn Spitaldirektor Benno Fuchs teilte Mitarbeitern des Kinderspitals Ende 2015 mit, dass es noch verfrüht sei, zum heutigen Zeitpunkt verlässliche Aussagen zum genauen Bezugstermin des neuen Kinderspitals zu machen. Als Richtwert gab er an, dass der Neubau zwischen 2025 und 2030 stehen werde. Fuchs bestätigte dies auf Anfrage unserer Zeitung und fügt an, dass man alles daransetzen werde, dass das Kinderspital 2025 stehen werde.

Grund für die erneute Verschiebung: Bei den Bauprojekten handle es sich um eine Gesamtspitallösung auf dem Campus Luzern, so Fuchs. Deswegen könne das Kinderspital nicht mehr als separates Projekt realisiert werden. «Diese Gesamtspitalrealisierung beansprucht deutlich mehr Zeit als eine Einzellösung.» Weiter sei man aufgrund der beschränkten Platzverhältnisse am Standort Luzern auf Rochademöglichkeiten angewiesen. «Deshalb ist das neue Kinderspital abhängig von der Realisierung von laufenden Projekten.»

Von einer Priorisierung im Sinn eines schnellen, vorgezogenen Neubaus kann man also nicht sprechen. Das erstaunt, zumal der Regierungsrat in der Antwort auf das GLP-Postulat vom 15. Dezember 2015 schreibt, dass das Kinderspital priorisiert und demnach «schnellstmöglich realisiert» werde.

Postulat versenkt

Die Regierung hält aber ebenfalls fest, dass ein Neubau nicht ohne Einbindung in die Gesamtplanung umgesetzt werden kann. Für GLP-Kantonsrätin Michèle Graber sind das Ausreden. «Die Regierung sagt immer wieder, dass sie den Umbau nicht forcieren kann, weil das Spital eine öffentlich-rechtliche Anstalt ist. Doch: Die Regierung kann den Leistungsauftrag und die Investitionen genehmigen.» Das Postulat ist am Dienstag vom Kantonsrat mit 82 zu 21 Stimmen deutlich abgelehnt worden.

Interessant: Der Gesundheitsdirektor Guido Graf (CVP) machte in der Kantonsratsdebatte für die Bauverzögerung auch finanzielle Gründe geltend.

Fertiges Projekt 2012 sistiert

Bereits 2008, als die Spitalimmobilie noch Eigentum des Kantons Luzern war und unter dessen Bauherrschaft stand, wollte man mit dem Kinderspital-Neubau starten. Die Planung war weit fortgeschritten: Ein öffentlicher Architektur-Wettbewerb war bereits durch, der Gewinner 2010 öffentlich vorgestellt. Die Zürcher Webereinhardt Generalplaner AG schwang obenaus (siehe Box).

Das 60-Millionen-Projekt musste 2012 sistiert werden, weil es laut Luks nicht umsetzbar gewesen wäre. Das Kantonsspital begründete dies gegenüber unserer Zeitung vergangenen September so: «Aus medizinischer und wirtschaftlicher Sicht war die Umsetzung ausserhalb einer Gesamtarealplanung nicht sinnvoll.» Weiter erklärte man, dass der laufende Betrieb zu stark hätte eingeschränkt werden müssen.

Das Projekt Kinderspital landet also wieder auf der Wartebank. Für Kantonsrätin Graber ist das Aufschieben des Neubaus «sehr unbefriedigend». Vor allem auch in Anbetracht dessen, dass man ständig Geld in andere Projekte steckte.

«Man erntet keine Lorbeeren»

Ein Blick auf die Investitionen zeigt: Seit 2008 hat das Luks 50 Millionen Franken für die Sanierung und Erweiterung der Augenklinik investiert (2012), weitere 50 Millionen Franken wurden für das provisorische Zentrum für Notfall- und Intensivmedizin gesprochen (2015), und erst kürzlich baute man die Privatabteilung für 8 Millionen aus.

Graber kann sich vorstellen, warum das Kinderspital nicht wirklich priorisiert wird: «Es ist nicht reizvoll in ein Kinderspital zu investieren, weil man damit keine Lorbeeren erntet.» Anders gesagt: Ein Neubau ist keine lukrative Angelegenheit, weil es bei den Kindern keine Privatpatienten gibt.

Der Wettbewerb für die Osterweiterung des Luzerner Kantonsspitals wurde noch nicht ausgeschrieben. Zurzeit erarbeitet das Luks die Grundlagen für das Betriebskonzept des Kinderspitals – dieses bildet einen wesentlichen Baustein für einen neuen Wettbewerb. Gemäss Regierung soll voraussichtlich Mitte 2016 die interne Planung so weit sein, dass die Vorstudienphase der ersten Etappe mit Kinderspital und der Parkieranlage vorliegt.

Architekt will Projekt umsetzen

Die Zürcher Webereinhardt Generalplaner AG hat den 2008 ausgeschriebenen Wettbewerb für den Kinderspital-Neubau in Luzern für sich entschieden. 2012 teilte man den Planern dann mit, dass das Projekt doch nicht umgesetzt wird. Claude Reinhardt, Architekt und Mitglied der Geschäftsleitung, sagt: «Das war für uns ein grosser Rückschlag.» Am Projekt hat er mit 30 Mitarbeitern wie Architekten, Bau- und Heizungszeichnern knapp anderthalb Jahre gearbeitet. «Die Aufwendungen waren riesig, hatten uns aber auch grosse Freude bereitet.» Gemäss Reinhardt beliefen sich die Planungskosten auf etwa 200 000 Franken, der Kanton zahlte eine Abfindungssumme von 250 000 Franken. «Machtkampf» in den Spitälern Visualisierungen des Siegerprojekts zum Kinderspital-Neubau hat die Generalplaner AG Webereinhardt auf ihrer Website publiziert. «Wir sind nach wie vor sehr interessiert am Bauprojekt. Wir würden den geplanten Neubau gerne in die Tat umsetzen», so Claude Reinhardt. Als er durch unsere Zeitung erfuhr, dass bis 2020 gebaut werden soll, hat er noch Ende September 2015 den Luks-Leiter Bau und Architektur, Pius Jenni, kontaktiert und sein Interesse kundgetan. Bis dato hat er jedoch keine Rückmeldung erhalten. Reinhardt weiss, dass sich die Zusammenarbeit mit den Spitälern generell eher schwierig gestaltet. Er erklärt: «Es ist jeweils ein Machtkampf zwischen den Ärzten und der politischen Leitung – die Vorstellungen gehen da massiv auseinander.» So hätten er und seine Mitarbeiter 2008 noch zwei weitere Architektur-Wettbewerbe für Spitalbauten gewonnen, aber keinen realisieren können.

Yasmin Kunz