LUZERN: Nur drei Imame für 14 000 Muslime

Islamische Prediger, die für drei Monate in die Schweiz geflogen werden – das ist auch im Kanton Luzern Realität. Vehbija Efendic, Präsident der bosnischen Gemeinde, fordert mehr Kontrollen.

Interview Alexander von Däniken
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Vehbija Efendic, Vereinspräsident der bosnischen Muslime und ausgebildeter Imam, gestern in der Moschee in Emmenbrücke. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Vehbija Efendic, Vereinspräsident der bosnischen Muslime und ausgebildeter Imam, gestern in der Moschee in Emmenbrücke. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Interview Alexander von Däniken

Das wandfüllende Bücherregal widerlegt, dass der Islam nur aus Koranversen gebaut ist. An der Wand gegenüber, hier in der Moschee in Emmenbrücke, stapeln sich am Boden noch mehr Bücher über die Geschichte der Religion und die Propheten. «Unser Ziel ist es, mehr Bücher auf Deutsch zu führen», sagt Vehbija Efendic (59), Präsident des Vereins der bosnischen Muslime im Kanton Luzern. Er ist auch ausgebildeter Imam, aber als solcher nicht tätig. Efendic setzt sich für das Gespräch an einen Tisch in der Bibliothek, neben ihm seine Tochter Izeta Saric. Sie übersetzt, da Efendic sich zwar auf Deutsch verständigen kann, ihm das Bosnische aber mehr liegt. Er sei mehr ein Macher als ein Sprachkünstler, sagt Saric über ihren Vater.

«Noch offener geht gar nicht»

Die Bibliothek ist öffentlich, betont Efendic. Öffentlich sind auch die Moschee und das Restaurant im unscheinbaren Haus in Emmenbrücke. Seine Augen funkeln, wenn er mit der Aussage konfrontiert wird, die Moscheen und Vereine müssten sich noch mehr öffnen. «Noch offener sein geht gar nicht.» Der Verein und seine Moschee gelten in muslimischen Kreisen seit Jahren als Musterbeispiel. «Leider wird das von politischen Entscheidungsträgern zu wenig gewürdigt.»

Vehbija Efendic, vor dem Terrorakt von Paris machte der Islamische Zentralrat (IZRS) in der Region Luzern mit dem Videodreh Schlagzeilen. Müssen wir uns auch hier wegen der Radikalisierung Sorgen machen?

Vehbija Efendic*: Es gibt ja keine offiziellen Statistiken über radikale, extremistische Muslime in der Schweiz. In unserem Verein mit rund 550 Mitgliedern stelle ich jedenfalls überhaupt keine radikalen Tendenzen fest. Das ginge auch gar nicht. Wir haben eine Hausordnung. Jeder Imam wird bei uns streng überprüft.

Trotzdem: Für das IZRS-Video trafen sich die Jugendlichen in der Moschee an der Luzerner Baselstrasse. Regelmässig trat dort auch Zentralratspräsident Nicolas Blancho auf.

Efendic: Das war dort früher auch nicht möglich. Leider gibt es beim dortigen Moscheeverein keine Strukturen und keinen Imam. Dieses Vakuum hat der IZRS ausgenutzt.

Wie bedeutsam ist der Imam?

Efendic: Der Imam ist nicht nur die erste Ansprechperson in religiösen Fragen. Er muss Werte vermitteln und entsprechend die Schweizer Gesellschaft kennen. Bei uns bestimmt der Imam zusammen mit mir auch, wer Gastpredigten und Vorträge halten darf.

Wie viele fest installierte Imame gibt es für die rund 14 000 Muslime im Kanton Luzern?

Efendic: Neben unserem Imam Cazim Mehmedovic, der seit 23 Jahren bei uns tätig ist, nur noch zwei: bei der türkischen und der albanischen Gemeinschaft. Alle drei stehen auch regelmässig im interreligiösen Dialog mit Vertretern der katholischen und der reformierten Kirche.

Bloss drei Imame?

Efendic: Leider gibt es viele «Reise-Imame». Ein Verbot ist aber erst realistisch, wenn in der Schweiz eine entsprechende Ausbildung angeboten wird. Besser ist es, die Kontrollen zu verstärken. In unserer bosnischen Gemeinde funktioniert das schweizweit gut. Ein Gast-Imam darf nur in die Schweiz kommen, wenn hier der Moscheeverein und auch das Oberhaupt in Bosnien das Einverständnis geben. Auch sprechen wir uns mit der Botschaft ab und verlangen entsprechende Nachweise. Wie gut die Kontrolle bei anderen ethnischen Gruppierungen funktioniert und was die Schweizer Behörden unternehmen, kann ich nicht beurteilen.

Welche Ausbildung hat Ihr Imam?

Efendic: Er hat in Sarajevo Theologie studiert und mit Bestnoten abgeschlossen. Der albanische Imam hat übrigens an der gleichen Hochschule Theologie studiert.

Werden die Predigten bei Ihnen auch in Deutsch abgehalten?

Efendic: Noch nicht. Allerdings wird es immer mehr Mitglieder geben, die kein Bosnisch verstehen. Hier werden wir uns entsprechend anpassen. Schon jetzt wirkt meine Tochter Izeta Saric bei verschiedenen Vorträgen als Übersetzerin.

Laut Valentina Smajli, Vizepräsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, ist die Mehrheit der Muslime schlecht integriert (Ausgabe vom 23. Januar).

Efendic: Diese Aussage ist zu pauschal. Unserer Gemeinde ist sehr vielfältig: Vom Arbeiter bis zum Architekten ist alles vertreten. Integration ist ein Prozess, der Zeit und gegenseitiges Verständnis erfordert.

Zurück zum Vakuum in der Moschee an der Baselstrasse. Wie kann dieses gefüllt werden?

Efendic: Ich kann und will nicht zu stark auf andere Vereine eingehen. Tatsache ist, dass die Politik klare Rahmenbedingungen schaffen muss. Zum Beispiel soll die Islamische Gemeinschaft Luzern (IGL) als Dachorganisation gestärkt werden. Es liegt ja im Interesse der Behörden, einen verlässlichen und starken Ansprechpartner zu haben. Im Gegenzug kann die IGL mit Hilfe der Behörden die ihr angeschlossenen Vereine stärken und deren Strukturen verbessern. Es braucht eine gemeinsame Strategie und auf beiden Seiten den Willen, diese umzusetzen. Und zwar jetzt.

Braucht es dafür die öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islams im Kanton Luzern?

Efendic: Es braucht sie nicht im Sinne, dass muslimische Organisationen Steuern erheben können. Sondern als Zeichen einer gemeinsamen Strategie. Abgesehen davon gibt es noch die persönliche Ebene. Ich liebe die Schweiz. Ich würde sie im Ernstfall immer verteidigen. Aber als Muslim bin ich hier nicht anerkannt. Dabei gibt es auch positive Beispiele: In Norwegen und in Österreich werden die Imame sogar vom Staat bezahlt. Dafür wird garantiert, dass die Imane auch westliche Werte vermitteln.

* Zur Person: Vehbija Efendic (59) stammt aus Bosnien und ist ausgebildeter Imam. Seit über 30 Jahren lebt der verheiratete Vater von vier erwachsenen Kindern in der Schweiz. In Emmenbrücke gründete er 1991 den Luzerner Dzemat (Verein) der bosnischen Muslime. Seit 2000 ist der Verein in der Moschee an der Emmenweid­strasse 4 in Emmenbrücke beheimatet. Der Verein mit rund 550 Mitgliedern hat unter anderem auch eine Folkloregruppe und eine Fussballmannschaft.

Kantonsrätin rät zur Zurückhaltung

Replik avd. Die Forderungen der gemässigten Muslime Valentina Smajli und Ahmed El Ashker sind klar: Moscheevereine und Dachverbände müssen mehr unternehmen, sich stärker öffnen, um Ängste der einheimischen Bevölkerung abzubauen (Ausgabe vom 23. Januar). Ylfete Fanaj (32, Bild), SP-Kantonsrätin und kosovarische Muslimin, ergänzt: «Zu viel von den Vereinen und Verbänden zu verlangen, ist unrealistisch.»

Ebenso wichtig sei es, dass die Gesellschaft und die Politik einen Schritt machen. «Aber bisher ist weder die öffentlich-rechtliche Anerkennung noch die Imam-Ausbildung Realität. Es fehlt den engagierten Muslimen zunehmend an einer Perspektive und an einem Zeichen, dass die Bemühungen gegenseitig sind.» Erschwerend komme hinzu, dass auch die muslimischen Vereine auf Freiwilligenarbeit basieren und demnach vom Einsatz von Einzelpersonen abhängen.

Seltene Moscheebesucher

Fanaj stellt auch in Frage, dass die Mehrheit der hier lebenden Muslime überhaupt über die Kultur-/Moscheevereine erreicht werden könnten. Denn die meisten hätten kaum Kontakt zu diesen Institutionen: «Aus meinem Umfeld weiss ich, dass man höchstens dann in die Moschee geht, wenn Bajram ist (Zuckerfest nach dem Ramadan; d. Red.). Ähnlich wie viele Christen nur zu Weihnachten in die Kirche gehen.» Bei öffentlichen Diskussionen – ob zur Minarettinitiative oder zu Terrorismus – fühlen sich laut Fanaj viele gemässigten Muslime überhaupt nicht angesprochen, «weil sie sich gar nicht über die Religion definieren».

Muslime in der Schweiz (Bild: Grafik)

Muslime in der Schweiz (Bild: Grafik)