LUZERN: «O Ofen, o Ofen» – wo bist du?

Die Metzgern-Zunftstube soll wieder in den Originalzustand gebracht werden. Der Ofen aus der legendären Luzerner Mordnacht-Geschichte gibt aber noch Rätsel auf.

Yves Portmann
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Urs Bucher vor dem eingemauerten Tresor in der Zunftstube. (Bild: Nadia Schärli)

Urs Bucher vor dem eingemauerten Tresor in der Zunftstube. (Bild: Nadia Schärli)

«O Ofen, o Ofen, ich muss dir klagen, ich darf es keinem Menschen sagen», sagt der Knabe in der Metzgern-Zunftstube angsterfüllt. Die Legende um die Luzerner Mordnacht ist in aller Munde – auch dank dem gleichnamigen Musical im Innenhof des Stadthauses, das am Samstag die letzte Aufführung präsentierte. Der Legende nach wurde ein Knabe zufällig Zeuge einer Verschwörung von habsburgfreundlichen Luzernern. Da er diesen schwören musste, keinem Menschen etwas von der geplanten Aktion gegen die Eidgenossen zu erzählen, verriet er sein Geheimnis dem Ofen im Zunfthaus zur Metzgern. Die anwesenden Gäste hörten dies und konnten so die Ermordung eidgenössisch gesinnter Luzerner verhindern (siehe Kasten). Auf verschiedenen Gemälden ist die Ofenlegende festgehalten worden

Im 19. Jahrhundert entfernt

Der legendenumrankte Ofen aus dem 14. Jahrhundert ist längst verschwunden, denn das Zunfthaus am Weinmarkt-Platz wurde 1529 neu gebaut. Natürlich verfügte die Zunftstube auch danach über einen Kachelofen, inzwischen ist der Raum aber modernisiert und wird vom Restaurant La Gondola genutzt. Doch jetzt plant der Eigentümer, die Zunftstube originalgetreu zu restaurieren. «Mein Ziel ist es, die Stube wieder in den Originalzustand zu bringen», sagt Urs Bucher auf Anfrage. Klar, dass dabei auch der Kachelofen nicht fehlen darf. «Es wäre mein Wunsch, den ursprünglichen Ofen in die Zunftstube zu installieren», sagt Bucher im Wissen, dass dies schwierig werden könnte.

«Wir müssen davon ausgehen, dass der Ofen im 19. Jahrhundert aus der Zunftstube ausgebaut wurde», erklärt der frühere Luzerner Denkmalpfleger Ueli Habegger. Auch hätten die Öfen seit dem Bau des Hauses immer wieder bauliche Veränderungen erfahren, weshalb es schwierig sei, den ursprünglichen Ofen zu identifizieren. «Es war zudem üblich, dass schöne Öfen ausgebaut und in anderen Häusern wieder eingebaut wurden», weiss Habegger.

Das Gemälde von 1873 zeigt den Ofen aus dem 16. Jahrhundert. (Bild: PD)

Das Gemälde von 1873 zeigt den Ofen aus dem 16. Jahrhundert. (Bild: PD)

Kacheln liegen im Museum

Im Historischen Museum in Luzern lagern über ein Dutzend Ofenkacheln aus dem Zunfthaus zur Metzgern, die Urs Bucher gehören. «Diese Kacheln stammen aus dem 16. Jahrhundert. Die Legendenbildung der Mordnacht ist aber im 14. Jahrhundert anzusiedeln», erklärt Museumsdirektor Heinz Horat. Zudem habe es sich beim «Mordnacht-Ofen» mit grosser Wahrscheinlichkeit um einen gemauerten Ofen mit Keramikeinschlüssen und nicht um einen Kachelofen gehandelt. Klar ist: der «echte» Mordnacht-Ofen wird wohl genauso im Dunkel der Historie verbleiben wie die Legende selbst. Dennoch blieb die Zunftstube mitsamt Ofen über die Jahrhunderte weg symbolisch mit der Legende verbunden. «Dem Ofen als Zentrum einer bekannten Legende ist sicher eine gewisse Bedeutung zugekommen, und es wurde speziell Sorge zu ihm getragen», vermutet Horat.

Ab 2015 wieder original

Urs Bucher jedenfalls will es genauer wissen: Er lässt die Kacheln aus dem Museum untersuchen, um mehr über ihre genaue Geschichte herauszufinden. Eine Spur führt nach Winterthur. Dort lebte ein Ofenbauer, der auch in Luzern sehr aktiv war. Anhand historischer Dokumente soll abgeklärt werden, ob er allenfalls auch das Zunfthaus zur Metzgern beliefert hat. Ausserdem will Bucher auch die restlichen Kacheln finden.

Wenn alles nach Plan verläuft, soll die «neue» alte Zunftstube mitsamt Ofen 2015 eröffnet werden. Dann wird wohl auch das grossflächige Venedig-Bild verschwunden sein, das heute die Wände des Restaurants La Gondola ziert. Stattdessen sollen wieder die alten Steinmauern sichtbar sein. Ebenso sollen Boden, Tische und Stühle wieder den früheren Verhältnissen angepasst werden. Wie die Zunftstube früher ausgesehen hat, ist ebenfalls Gegenstand von Untersuchungen. Aktuell erinnert vor allem ein in die Mauer eingelassener Tresor an den Ursprung der Zunftstube.

Kosten im sechsstelligen Bereich

Der geplante Umbau soll sich übrigens auch auf die Speisekarte des Restaurants auswirken: «Es wird sicher auch historisches Essen geben. Die Gäste sollen Geschichte mit Kulinarik verbinden können», so Bucher, der für die Restaurierung mit Kosten im höheren sechsstelligen Bereich rechnet. Ziel sei es, im Januar 2014 mit den ersten Arbeiten zu beginnen. «Ich bin sehr gespannt, was beispielsweise die Freilegung der Mauern für Geheimnisse preisgibt.»

Mordnächte gabs in ganz Europa

GESCHICHTE red. Mordnacht-Legenden waren in ganz Europa populär, dies als Instrument der mittelalterlichen Geschichtsinszenierung. Allein in der Schweiz seien aus mindestens 14 Städten solche Legenden bekannt, schreibt Historiker Stefan Ragaz in seinem am 25. Juni erscheinenden Buch «Luzern im Spiegel der Diebold-Schilling-Chronik» (die berühmte Bilderchronik ist heuer 500 Jahre alt). Mordnächte seien teils sogar mit Jahrzeiten gefeiert worden.

In Grimm-Brüder-Sammlung

Die Mordnacht-Verschwörung datierte der Luzerner Chronist Diebold Schilling auf das Jahr 1343. Damals gab es tatsächlich einen Habsburg-freundlichen Aufstandsversuch der Luzerner Handwerker, der allerdings scheiterte. Gemäss der Legende verschworen sich die Österreich-freundlichen Luzerner unter dem unbewachten Torbogen vor dem Zunfthaus der Schneider. Sie wollten von Haus zu Haus gehen, um ihre eidgenössisch gesinnten Gegner zu ermorden.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Luzerner Mordnacht-Legende auch in die Sammlung der Brüder Grimm aufgenommen.