Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Opfer von Gewalt kritisiert Luzerner Justiz

Es ist ein kalter Novemberabend im Jahr 1998, der das Leben von Lukas D.* für immer verändert. In seiner Wohnung wird er brutal überfallen. Jetzt, wo der Täter bald freikommen könnte, durchlebt er den Horror erneut.
Lena Berger
Plötzlich stand der Täter vor seiner Haustür: Vor 20 Jahren wurde Lukas D.* in seiner Wohnung attackiert – bis heute lässt ihn das Erlebnis nicht los. (Bild: Illustration: Oliver Marx)

Plötzlich stand der Täter vor seiner Haustür: Vor 20 Jahren wurde Lukas D.* in seiner Wohnung attackiert – bis heute lässt ihn das Erlebnis nicht los. (Bild: Illustration: Oliver Marx)

Er hat eine Wollmütze auf, trägt eine Brille und einen etwas verfransten Bart. Der Mann, der während der Gerichtsverhandlung in der ersten Reihe sitzt, hinterlässt einen etwas seltsamen Eindruck. Ganz anders der Mann, der einige Wochen später im Sitzungszimmer der Redaktion einen Kaffee trinkt. «Ich habe mein Aussehen an dem Tag bewusst verändert, damit er mich nicht gleich erkennt, wenn er rauskommt», erklärt Lukas D., während er an der Tasse nippt.

«Er», das ist der Mann, von dem sich Lukas D. wünschte, er hätte ihn nie im Leben getroffen. Im November 1998 hat er Lukas D. in seiner Wohnung brutal überfallen und verprügelt. Es handelte sich nicht um eine Zufallstat. Der Täter hatte den Angriff angekündigt.

Das Opfer bereitet sich auf einen erneuten Angriff vor

In zwei Jahren könnte der Täter aus dem Gefängnis kommen. Vielleicht schon früher. Seine Anwältin hat das kürzlich gefällte Urteil des Kriminalgerichts (Ausgabe vom 13. Dezember) weitergezogen und fordert eine sofortige Freilassung. Dass sich Lukas D. im Hinblick auf die Gerichtsverhandlung im Dezember den Bart hat wachsen lassen, sagt viel über das Leben aus, das er heute führt. Was er bei dem Überfall erlebte, war die reine Todesangst. Der Täter – ein ehemaliger Bodybuilder – hatte ihm in den Monaten davor gedroht, ihn umzubringen. Als der körperlich überlegene Mann Lukas D. in seinen eigenen Wänden angriff, kämpfte er um sein Leben. Er konnte kaum was ausrichten, fühlte sich ausgeliefert und ohnmächtig – ein Gefühl, das er schildert, als wäre der Angriff erst gestern passiert.

Seit das Kriminalgericht im Dezember entschieden hat, dass der Täter in den Genuss von Vollzugslockerungen kommen soll, ist Lukas D. in Alarmbereitschaft. Während der Täter auf ein Leben in Freiheit vorbereitet wird, bereitet sich Lukas D. darauf vor, sich zu verteidigen. Er ist davon überzeugt, dass der ehemalige Bodybuilder ihn wieder ausfindig machen und für die Jahre im Gefängnis zahlen lassen will. «Er ist noch ganz genau der gleiche wie damals. Er kann warten. Nichts hat sich geändert», ist Lukas D. überzeugt.

Morddrohung wegen einer Lappalie

Wie kam es überhaupt zu der Tat? Um das zu verstehen, muss die Zeit 21 Jahre zurückgedreht werden. Der unglückselige Tag, an dem Lukas D. seinem Peiniger das erste Mal begegnet, ist ein trüber Nachmittag im November 1997. Lukas D. fährt mit seinem Auto einer Landstrasse entlang, als ein Töfffahrer ihn überholt. Just in dem Moment kommt von rechts ein Lastwagen herangefahren, der den Töff beinahe touchiert. Glücklicherweise kommt es nicht zu einem Unfall. So hätte die Geschichte enden können.

Doch es kommt anders. An der nächsten Kreuzung wartet der Töfffahrer auf Lukas D. Er steigt vom Motorrad, er haut den Helm auf die Motorhaube und spuckt in das Auto. Als Lukas D. aussteigt, schlägt der Mann auf ihn ein. «Wenn du mich anzeigst, werde ich dich finden und erschiessen», sagt er zu seinem Opfer. «Seine Drohung aber machte mich nur noch entschlossener», erinnert sich D.

Ein paar Monate später wiederholt der Bodybuilder seine Drohung am Telefon. Lukas D. ausfindig zu machen, war ein Leichtes – weil auf der Strafanzeige die Wohnadresse des Opfers vermerkt war. Was Lukas D. nicht weiss: Der Täter kommt gerade aus dem Gefängnis, wo er wegen Überfällen eine mehrjährige Freiheitsstrafe absass. Er wurde vorzeitig entlassen, ist also noch auf Bewährung. «Das war das erste Experiment der Behörden, bei dem sie mein Leben aufs Spiel gesetzt haben. Warum hat man ihn wieder rausgelassen? Warum hat man ihn nach dem Vorfall nicht gleich wieder ins Gefängnis gebracht?», fragt sich Lukas D. bis heute. Er habe nach der Begegnung geahnt, dass mit dem Mann etwas nicht stimme. «Der Amtsstatthalter allerdings empfahl mir – obwohl er von der gewalttätigen Vergangenheit des Täters wusste – die Anzeige zurückzuziehen. Das habe ich nach einigem Zögern auch gemacht. Ein Opfer, das sich wehrt, hat immer zwei gegen sich: die Justiz und den Täter.» So empfindet es Lukas D.

Einige Monate lang passiert nichts. «Ich dachte, seine Wut sei verraucht und die Sache hätte sich erledigt», erzählt Lukas D. Erst später erfährt er, dass der Bodybuilder in der kurzen Zeit seit der Freilassung eine Frau vergewaltigt, einen VBL-Chauffeur spitalreif geprügelt, mehrfach einen IV-Rentner ausgeraubt und einen Videoladen demoliert hat. Die Verfahren laufen, doch vorerst bleibt er auf freiem Fuss. In einer Befragung bei der Polizei kündigt er im November 1998 an, er hole eine Waffe, damit «endlich etwas» gehe. «Das hätte man ernst nehmen müssen», kritisiert Lukas D. Denn nur zehn Tage später attackiert der Bodybuilder sein nächstes Opfer: Lukas D.

«Ich habe damals versucht, mich nebenberuflich mit einem Reparaturservice für Elektrogeräte selbstständig zu machen. Ich arbeitete von zu Hause aus, nach Feierabend konnte man mir die defekten Geräte vorbeibringen.» So kommt es, dass sich der Bodybuilder unter falschem Namen als Kunde ausgibt. «In dem Moment, in dem ich die Tür öffnete, war es schon zu spät. Zu zweit drangen sie in meine Wohnung ein. Der Komplize sollte wohl eine allfällige Ehefrau und Kinder in Schach halten. Der Täter griff mich mit Tränengas an und schlug mit den Fäusten auf mich ein. Ich wehrte mich mit allem, was ich hatte.» Als Nachbarn auf den Krach aufmerksam werden, ergreifen die Angreifer die Flucht. «Als es zu Ende und ich verarztet war, war da nur noch unendliche Wut. Wut auf den Täter, Wut auf die Behörden, die mein Leben aufs Spiel setzen, Wut auf die ganze Gesellschaft.» Wieder zeigt Lukas D. den Bodybuilder an. Kurz darauf wird er verhaftet.

Der Mann wird vom Kriminalgericht zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten verurteilt. Ein psychiatrisches Gutachten kommt zum Schluss, dass er äusserst gefährlich sei. Auf Weisung des Bundesgerichts wird er 2003 vom Kantonsgericht verwahrt. Nach der Annahme der Verwahrungsinitiative wird dieser Entscheid 2007 überprüft. Der zuvor als untherapierbar geltende Mann soll nun doch therapiert werden. Er allerdings verweigert sich. Trotzdem wird die stationäre Massnahme 2012 erneut verlängert und nicht die lebenslange Verwahrung angeordnet. Als diese im Dezember 2017 nochmals um zwei Jahre verlängert wird, geschieht dies mit der Idee, dass Vollzugslockerungen gewährt werden. Der Bodybuilder aber will umgehend entlassen werden. Daher kommt der Fall demnächst vor das Kantonsgericht.

Für Lukas D. ist das der blanke Horror. Während seine körperlichen Verletzungen nach zwei Monaten weitgehend verheilt waren, gehen die seelischen Verletzungen weit tiefer. «Meine Arbeitsleistung liess langsam nach, fünf Wochen später erfolgte die Kündigung. Es ging mir echt nicht mehr gut. Lungenentzündung, Asthma, Kreislaufprobleme und Haarausfall waren die Folge.»

Das Opfer ist bis heute traumatisiert

Lukas D. lebt in einem Gefängnis der Angst. Angst vor dem Komplizen, der nie gefasst wurde. Angst vor der Rache des Mannes, den er angezeigt hat. «Ich bin nicht mehr belastbar, mein Grundvertrauen in die Menschen ist erschüttert.» Arbeitsfähig ist er nicht, er bezieht eine IV-Rente. «Früher hatte ich einen Beruf, ich war politisch engagiert. Das alles wurde mir genommen. Mein Leben wäre ganz anders verlaufen, wäre ich diesem Menschen nie begegnet.» Schadenersatz hat Lukas D. nie bekommen. Auch psychologisch betreut wurde er nach dem Angriff nicht. Es ist offensichtlich, dass Lukas D. bis heute traumatisiert ist. Der Fall wirft aus seiner Sicht ein Schlaglicht auf eine Schwäche im Schweizer Justizsystem: dass die Opfer von Gewalttaten oftmals «im Stich gelassen werden und die Justiz Kollateralschäden fahrlässig in Kauf nimmt».

Sein Peiniger lebt seit 20 Jahren hinter Gittern. Dies, obwohl die Strafe längst abgesessen ist. Auch sein Leben hätte eine glücklichere Wendung haben können. Seine Gewaltexzesse haben mehrere Leben zerstört.

«Lukas D.» ist ein Pseudonym, der Betroffene heisst anders. In diesem Artikel wird die Geschichte aus der Sicht des Opfers erzählt. Wie der Täter zu seinen Taten steht und mit welchen Argumenten seine Anwältin um seine Freiheit kämpft, lesen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/gericht

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.