LUZERN: Pendler sollen Auto zu Hause lassen

Der Stadtrat will möglichst nur noch «wirtschaftlich notwendigen» Autoverkehr. Eine Studie sagt nun: Jeder Verkehr ist wirtschaftlich relevant. Gerade deshalb solle der ÖV gefördert werden.

Beatrice Vogel
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Feierabendverkehr beim Schweizerhofquai: Autos und Busse stehen im Stau. Der VCS will, dass mehr Pendler den öffentlichen Verkehr nutzen. (Bild Boris Bürgisser)

Feierabendverkehr beim Schweizerhofquai: Autos und Busse stehen im Stau. Der VCS will, dass mehr Pendler den öffentlichen Verkehr nutzen. (Bild Boris Bürgisser)

Beatrice Vogel

Wie sollen die Luzerner Verkehrsprobleme gelöst werden? Der Stadtrat hat darauf eine klare Antwort: Bei jeder Gelegenheit betont er, man wolle möglichst nur noch den «wirtschaftlich notwendigen Verkehr» in der Innenstadt. So ist eines der Ziele in der Mobilitätsstrategie der Stadt Luzern: «Der Stadtrat befreit die Innenstadt weitgehend vom motorisierten Durchgangsverkehr, damit der wirtschaftlich notwendige Autoverkehr die Innenstadt zuverlässig erreichen kann.»

Doch welcher Verkehr ist denn überhaupt «wirtschaftlich notwendig»? Das ist in den städtischen Positionspapieren nicht ersichtlich. Der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) ging dieser Frage nach und legt nun eine Studie vor, die er beim Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme der ETH Zürich in Auftrag gegeben hatte.

«Umsteigepotenzial ist erheblich»

Die Studie definiert «wirtschaftlich erforderlichen Verkehr» als «für das Funktionieren der Stadt und Agglomeration notwendig» und kommt zum Schluss, dass eigentlich jeder Verkehr wirtschaftlich notwendig sei: Auch wenn eine Familie aus der Agglomeration in der Freizeit das Verkehrshaus besuche, sei dies wirtschaftlich relevant. «Die Frage ist deshalb: Welche Fahrten müssen mit dem Auto zurückgelegt werden, und wo kann man auf den öffentlichen oder den Langsamverkehr umsteigen?», sagt Michael Töngi, grüner Kantonsrat und Präsident der VCS-Sektion Luzern. «Die Studie zeigt, dass das Umsteigepotenzial erheblich ist, aber auch, dass gewisse Rahmenbedingungen nötig sind, damit überhaupt umgestiegen wird.»

Das Resultat der Studie: In sämtlichen Bereichen des motorisierten Individualverkehrs sind Verlagerungen auf den ÖV möglich. Am einfachsten wäre dies im Bereich Arbeit und Ausbildung umzusetzen, da Arbeitnehmer auf fixen Routen, mit wenig Gepäck und in etwa zu denselben Zeiten ihren Arbeitsweg zurücklegen. Gemäss Studie könnte man den Umstieg auf den ÖV in diesem Bereich durch Busspuren, Velowege und konsequente Parkplatzbewirtschaftung auch bei Firmen fördern. Konkret bedeutet dies: den ÖV stark ausbauen und Parkplätze teurer machen, sodass es letztendlich attraktiver ist, mit Bahn und Bus zur Arbeit zu fahren.

Im Bereich Freizeitverkehr müsste der Anreiz, auf den ÖV zurückzugreifen, ebenfalls erhöht werden. Beispielsweise mit der Koppelung von Eintritts- und ÖV-Tickets, besserer Verkehrsanbindung von Freizeitanlagen und auch hier mit Parkplatzbewirtschaftung.

Aus diesen Resultaten formuliert der VCS folgende Forderungen:

 

  • Das ÖV-Konzept Agglomobil due, welches die Attraktivität des ÖV-Systems in der Agglomeration Luzern erhöht, soll stärker durch Kanton und Gemeinden unterstützt werden.
  • Konsequente Parkplatzbewirtschaftung in Stadt und Agglomeration, auch bei Firmenparkplätzen.
  • Aufhebung der Parkplatz-Erstellungspflicht bei Wohnbauten, kombiniert mit einem Mobilitätskonzept.
  • Verzicht auf den Bypass; stattdessen Einführung eines Verkehrsleitsystems.

 

Sind diese Forderungen überhaupt umsetzbar? Michael Töngi: «Viele dieser Massnahmen sind mit wenig Kosten verbunden, das Potenzial für eine Verlagerung ist gross. Letztendlich ist es eine Frage des politischen Willens.»

«Zwangsumlagerung auf den ÖV»

Zu den Forderungen äussert sich Alexander Gonzalez, Präsident des städtischen Wirtschaftsverbands und Initiant der IG Wirtschaft und Mobilität Luzern, kritisch: «Wir sind für das Miteinander von verschiedenen Verkehrsmitteln. Aber eine Zwangsumlagerung auf den ÖV können wir nicht unterstützen.» Jeder Verkehr sei wirtschaftlich notwendig. Auch der Verzicht auf den Bypass komme nicht in Frage. «Der Bypass ist eine unserer Hauptzielsetzungen», so Gonzalez. Die IG lege ausserdem Wert darauf, mit verschiedenen Partnern inklusive Politik und Verwaltung gemeinsam Lösungsansätze auszuarbeiten.

Schwammiger Begriff

Der städtische Verkehrsdirektor Adrian Borgula (Grüne) räumt ein, dass der Stadtrat keine «scharfe Definition» für den Begriff «wirtschaftlich notwendiger Verkehr» hat: «Um zu beurteilen, welche Fahrten welche wirtschaftliche Wirkung erzielen, müsste eine sehr aufwendige Untersuchung gemacht werden.» Die Ergebnisse der VCS-Studie seien nicht überraschend, findet Borgula. «Es leuchtet ein, dass im Bereich Arbeit und Ausbildung die Verlagerung auf den ÖV am einfachsten ist. Das Verlagerungspotenzial beim Gewerbe und beim Warentransport ist dagegen geringer.» Viele der vorgeschlagenen Massnahmen seien in der Mobilitätsstrategie bereits aufgegriffen, und die Stadt Luzern sei daran, diese umzusetzen – beispielsweise mit Erstellung von Busspuren. Die Forderung nach konsequenter Parkplatzbewirtschaftung richte sich eher an die Agglomeration. «In der Stadt haben wir bereits flächendeckende Parkplatzbewirtschaftung. Bei Firmen haben wir wenig Einfluss darauf, welche Arbeitswegstrategie sie verfolgen, bieten aber Mobilitätsberatung an.»

Studie: Die VCS-Studie zum Verkehr finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/bonus