LUZERN: Plötzlich stand die Polizei vor der Tür

Ein Job wurde Judith Meier* zum Verhängnis. Anstatt zum Sprachaufenthalt in die USA führte ihr Weg eine Nacht ins Gefängnis. Nicht kriminelle Energie, sondern Naivität ist der Grund dafür.

Thomas Heer
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Symbolbild Neue LZ / Pius Amrein

Symbolbild Neue LZ / Pius Amrein

Thomas Heer
 

Judith Meier sitzt am Küchentisch, zu Hause bei ihren Eltern, die in einer Luzerner Vorortsgemeinde eine Viereinhalb-Zimmer-Wohnung mieten. Die knapp 20-Jährige erzählt, warum sie heute nicht in Florida die Schulbank drückt, sondern ins Visier der Strafuntersuchungsbehörden geriet.

Nach abgeschlossener KV-Lehre entschloss sich Meier ein Zwischenjahr einzuschalten. Ihr Ziel: Mit einem Temporärjob Geld verdienen und danach in die USA verreisen. Über eine entsprechende Seite im Internet ging sie auf Jobsuche. Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. Anfang Sommer wurde ihr eine Stelle als Paket-Botin offeriert. «Das könnte passen», dachte ich mir damals. «Ich versandte den Lebenslauf sowie die IBAN-Nummer meiner Bankverbindung an die angegebene Internet-Adresse.» Kurz danach erhielt Meier einen Benutzernamen sowie ein Passwort. Damit konnte sich die junge Frau auf die firmeneigene Website einloggen.

Pro Päckli 16 Franken erhalten

Wer hinter dem Unternehmen steckt und wo dieses domiziliert ist, weiss Meier bis heute nicht. «Das sind wir am Ermitteln», sagt Thomas Bader von der Luzerner Kriminalpolizei, der sich mit dem Fall Meier beschäftigt.

In der Folge erhielt die Lehrabgängerin Paket um Paket. Sie erinnert sich: «Insgesamt waren es etwa 100 Stück.» Pro Päckli, das sie an Adressen in der Schweiz, Finnland und Russland auf postalischem Weg weiterleitete, erhielt Meier 16 Franken auf ihr Bankkonto überwiesen. «Anfänglich hatte ich schon ein mulmiges Gefühl. Die Zweifel wurden aber immer wieder ausgeräumt.» Die Konversation zwischen ihr und der ominösen Firma lief vorwiegend über den Gratisdienst Skype-Chat.

Bis fünf Jahre Haft

Meier leitete die Pakete nicht nur weiter, sondern musste den Inhalt – meist elektronisches Gerät wie Computer-Konsolen oder I-Phones – in neue Kartons verpacken. Damit verwischte sie Spuren. Der Empfänger der Ware in der Schweiz oder Finnland wusste also nicht, von welchem Fabrikanten oder Händler die Lieferung kam. Zudem musste Meier die Produkte auf der firmeneigenen Website fein säuberlich auflisten. Dafür erhielt sie, wie erwähnt, ihren Benutzernamen und das persönliche Passwort. Nach dem Versand scannte sie zu Handen ihres Arbeitgebers die Postquittung ein. Ihre unbekannten Bosse wussten also immer genau, wann und wohin die Produkte weitergeleitet wurden. Der Endabnehmer bezahlte die Ware schliesslich per Kreditkarte.

Das Hinterhältige an der ganzen Sache: Weil Meiers Arbeitgeber die Computer-Konsolen und Handys mit gestohlenen Kreditkarten-Daten erwarb, schlitterte die junge Frau in die Mühlen der Justiz. Denn ohne sich bewusst zu sein, betätigte sich Judith Meier während Wochen als eine Art Hehlerin, indem sie unrechtsmässig erworbenes Gut gegen Entgelt weiterleitete. Konkret aber wird sie nun des mehrfachen betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage bezichtigt. Dafür drohen bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe.

Vor zirka zwei Wochen beendete die Polizei dann das üble Tun und nahm Judith Meier an ihrem Wohnort fest. «Eine Nacht musste ich in einer Gefängniszelle verbringen», erinnert sich die Frau an die schlimmsten Stunden in ihrem noch jungen Leben.

Die Behörden kamen dem Teenager auf die Schliche, weil sich einerseits jene Kreditkartenbesitzer meldeten, mit deren geklauten Codes Ware bestellt wurde. Andererseits tauchten in dieser Betrugskaskade einzig Judith Meiers persönliche Daten im Internet auf.

Keine persönlichen Daten senden

Mit ihren kriminellen Machenschaften gelang es den Internet-Betrügern, ihre Identität zu verschleiern. Gleichzeitig aber lieferte sie Judith Meier ans Messer der Strafverfolgungsbehörden. Thomas Bader von der Luzerner Kriminalpolizei sagt: «Wir bearbeiten derzeit noch andere, gleich gelagerte Fälle.» Bader warnt: «Bei Geschäften übers Internet ist höchste Vorsicht angezeigt.» Er rät: «An unbekannte Firmen oder Personen sollten per Internet nie Adressen, Kontonummern oder Telefonnummern übermittelt werden.» Grundregel: Je verlockender das Angebot ist, desto kritischer sollte man sein.

* Name von der Redaktion geändert.