LUZERN: Polizeikontrolle mit üblem Nachspiel

Bei einer Personenkontrolle gehen zwei Polizisten laut Augenzeugen «gewalt­tätig» vor. Trotzdem kassieren die zwei kontrollierten Männer einen Strafbefehl. Dagegen wehren sie sich nun.

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A.* soll von einem Polizisten am Hals verletzt worden sein. (Bild: zur Verfügung gestellt)

A.* soll von einem Polizisten am Hals verletzt worden sein. (Bild: zur Verfügung gestellt)

Thomas heer

Über der Stadt Luzern wölbte sich an jenem Tag ein wolkenloser Himmel. Die Luft war auf maximale 16,6 Grad gewärmt. Das jedenfalls zeigen die Daten, die sich im Archiv der Meteo Group Schweiz für den Freitag, 14. März 2014, finden. Die angenehmen Bedingungen wollte auch Christian Sterchi nicht ungenutzt verstreichen lassen. Zusammen mit seinem Lebenspartner S. A.* schlenderte er durch die Luzerner Altstadt.

Es war zirka 15 Uhr, als A. auf der Höhe des Warenhauses Manor versuchte, ein Natelgespräch zu führen. Der Empfang war schlecht. Die Konversation blieb bruchstückhaft. Sterchi und A. gingen weiter durch die Weggisgasse. Beim Kleidergeschäft PKZ Women klingelte das Handy von A. Ein paar Worte wurden gewechselt. Dann war auch diese Konversation beendet.

Unmittelbar danach fand die entspannte Atmosphäre ein jähes Ende. Sterchi erinnert sich: «Plötzlich verstellten uns zwei Männer den Weg.» Sterchi und sein Partner waren völlig perplex, zumal die beiden Luzerner von den zwei Fremden in Gebäudenähe eingeklemmt wurden, «sodass sie nicht flüchten konnten», wie sich später einer der Polizisten bei der Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft äusserte. Die erwähnte Telefonierei machte Sterchi und A. verdächtig. «In der Regel kennen wir dieses Verhalten von rumänischen Taschendieben», sagte einer der Polizisten vor der Staatsanwaltschaft.

Polizist wirkte ungepflegt

Die Fremden gaben sich den beiden Passanten als zivile Polizisten aus, zückten ihre Ausweise und verlangten von Sterchi und A. dasselbe. Sterchi dachte auch nachdem er die Papiere ein zweites und drittes Mal betrachtet hatte – nicht daran, der Aufforderung Folge zu leisten. Mehrere Gründe sprachen seiner Ansicht nach dagegen. Erstens wusste er von Vorfällen, bei denen falsche Polizisten Touristen über den Tisch zogen. Tatsächlich warnte die Polizei 2008 via Flyer vor derartigen Kriminellen. Diese täuschten Personenkontrollen vor und entwendeten einem Touristen aus China 1000 Franken. Zweitens erweckte einer der Polizisten mit seinem Dreitagebart auf Sterchi den Eindruck eines Randständigen. Und drittens sagt der 51-Jährige in Bezug auf die Polizeiausweise: «Ich hatte zwar meine Brille nicht dabei. Aber diese Papiere sahen aus, als seien sie zu Hause auf einem PC hergestellt worden.» Dass Sterchi mit seiner Einschätzung nicht völlig danebenliegt, wird durch die Aussage eines der Polizisten belegt, die er vor der Staatsanwaltschaft machte: «Wir sind auch nicht glücklich mit diesen Ausweisen.»

Im Kastenwagen abgeführt

Die Personenkontrolle weitete sich innert weniger Minuten zu einem Rencontre aus. Das hatte offenbar mehrere Gründe. Gemäss Sterchi seien sie beispielsweise von Anfang an geduzt worden. Das eine Wort ergab das andere. A. zum Beispiel stellte den Polizisten folgende Frage: «Haben Sie nichts Gescheiteres zu tun?» Worauf der eine Beamte gemäss Einvernahme antwortete: «Ich habe ihm gesagt, wenn er sich nicht an unsere Gesetze halten wolle, könne er die Schweiz wieder verlassen.» A., seit mehr als zehn Jahren in der Schweiz beheimatet, wurde 1975 in der Nähe von Bangkok geboren. 2013 zog er sich eine Hirnverletzung zu. Seitdem gerät er «leicht in Panik» und bekundet «Mühe damit, Situationen richtig einzuordnen», wie in einem Arztzeugnis vom 17. März 2014 festgehalten ist.

Die Situation in der Weggisgasse wurde immer ungemütlicher. Sterchi schob mit der Hand einen der Polizisten von sich weg. Das hätte er besser unterlassen. Unmittelbar danach lag er nämlich auf dem Boden. Eine Kabelbinde zurrte sich um seine Handgelenke. Eine Zeugin gab Folgendes zu Protokoll: «Es hat sehr gewalttätig ausgesehen, nicht verhältnismässig.» A. geriet in Panik, schrie nach Hilfe. So wurde auch er gefesselt und im Bereich des Schlüsselbeines leicht verletzt. Das jedenfalls wurde gleichentags im Luzerner Kantonsspital festgestellt, wo «Kratzwunden und Kontusionsmarken an Hals und Schultern» diagnostiziert wurden.

Weit reichende Konsequenzen

Obwohl sich Sterchi und A. zwischenzeitlich längst ausgewiesen hatten, wurden sie mit dem Kastenwagen auf den Polizeiposten gefahren und vorläufig festgenommen. Sterchi sagt: «Hätte sich auf dem Posten jemand entschuldigt, wäre für mich die Angelegenheit erledigt gewesen.» Anstatt einer Entschuldigung wurden die beiden aber mit einem Strafbefehl bedacht. Grund: Hinderung einer Amtshandlung. Sterchi wurde mit 400, A. mit 300 Franken gebüsst. Diese Verdikte akzeptieren die beiden nicht. Am 20. August wollen sie vor Bezirksgericht einen Freispruch erwirken. Ist dieser Fall einmal abgeschlossen, wird sich die Justiz mit einer Strafanzeige befassen müssen, welche Sterchi und A. ihrerseits eingereicht haben. Im Zentrum steht Amtsmissbrauch seitens der Polizei.

Besonders für A. hat der Vorfall weit reichende Konsequenzen: Seine Jobs als Übersetzer bei Luzerner Behörden ist er los. Und das Einbürgerungsverfahren wurde vorläufig sistiert.

* Name der Redaktion bekannt.