LUZERN: Quartier Wächter am Gütsch – «Weltstadt im Kleinen»

Der älteste Quartierverein Luzerns wird 150-jährig. Präsident Josef Moser glaubt, dass im Gütsch-Quartier noch viel Potenzial schlummert.

Mirjam Weiss
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Quartiervereinspräsident Josef Moser auf einer Aussichtsplattform am Gütschweg mit Blick auf den Sentihof (unten rechts). (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Quartiervereinspräsident Josef Moser auf einer Aussichtsplattform am Gütschweg mit Blick auf den Sentihof (unten rechts). (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Josef Moser, die ersten «Wächter am Gütsch» wollten mit der Gründung des Quartiervereins unter anderem erreichen, dass die Baselstrasse saniert und beleuchtet wurde. Welche Projekte stehen im Quartier heute, 150 Jahre später, an?

Josef Moser: Ein vergleichbares Projekt war kürzlich der Dammdurchbruch, der leider mit nur einer fehlenden Stimme im Stadtparlament gescheitert ist. Das hätte das Quartier zur Reuss hin durchlässig gemacht. Auch dass das Gütschbähnli wieder zum Funktionieren kommt, ist uns ein grosses Anliegen. Wir verstehen uns in erster Linie als Vermittler zwischen Quartierbewohnern und den städtischen Behörden – und nicht als Macher.

Welche Aktivitäten sind zum 150-Jahr-Jubiläum geplant?

Moser: Wir organisieren kein grosses Jubiläumsfest. Dafür reichen unsere finanziellen und personellen Mittel nicht. Stattdessen organisieren wir im Mai und im Juni drei kleine Geburtstags-Ständli für die Bevölkerung. Viele Quartierbewohner sprechen kaum oder gar kein Deutsch, aber Musik ist eine Sprache, die alle verstehen. Ausserdem geben wir eine Jubiläums-Festschrift heraus, unter dem Titel «150 Jahre ‹Wächter am Gütsch›, der Quartier-Verein im Triple-A-Quartier: Aufsteiger – Aussteiger – Aussenseiter». Das 40-seitige Buch beinhaltet viele Fotos und Porträts von Menschen aus dem Quartier. Auch möchten wir Sitzbänke aufstellen, von denen es zwischen Kasernenplatz und Kreuzstutz keinen einzigen gibt.

2007 stand der Quartierverein vor dem Aus. Wo steht er heute?

Moser: Der «Wächter am Gütsch» ist wieder kontinuierlich am Wachsen. Er besteht aktuell aus einem vierköpfigen Vorstand und rund 40 Mitgliedern. Nachdem der Quartierverein während Jahren inaktiv war, hat ihn der inzwischen leider verstorbene Luzerner Journalist Peter A. Meyer 2009 neu gegründet. Es ist somit der älteste und gleichzeitig der jüngste Quartierverein in Luzern.

Was waren die Gründe für den Niedergang des «alten» Quartiervereins?

Moser: Es fehlte an Innovation. Von den immer gleichen Anlässen wurde einer nach dem andern mangels Interesse aufgegeben. Der Quartierverein hat seine Bedeutung eingebüsst. Vor 25 Jahren zählte er 400 bis 500 Mitglieder. Viele Mitglieder von damals starben oder zogen weg. Für viele der heutigen Quartier-Bewohner ist das Baselstrasse-Quartier nur eine Durchgangsstation. Wenige bleiben länger. Kommt hinzu, dass es immer weniger Vereinsanlässe gab.

Und wie ist es jetzt?

Moser: Schon zwei Mal haben wir eine Gütschwaldputzete mit anschliessendem Bräteln durchgeführt. Vor Weihnachten luden wir an ein Adventsfeuer im Dammgärtli ein. Zusammen mit dem Sentitreff organisierten wir eine geologische Exkursion beim ehemaligen Steinbruch an der Baselstrasse.

2013 trat Co-Präsident Hugo Schmidt mitten im Jahr aus dem Vorstand aus. Seiner Meinung nach wurde der Quartierverein kaum wahrgenommen.

Moser: Ich sehe das etwas anders. Eine gute Sache wird nicht erst dadurch gut, dass sie von einem grossen Publikum wahrgenommen wird. Ein Quartierverein, der solide Arbeit leistet, bekommt seine Ausstrahlung.

Im Gütsch-Quartier ist der Verein BaBeL sehr aktiv. Brauchts den Quartierverein überhaupt noch?

Moser: In unserem Quartier gibt es eine Menge Aufgaben. Das Zusammenleben in einer so grossen kulturellen und sozialen Vielfalt ist sehr spannend, aber auch eine grosse Herausforderung. Ein Grossteil der Bevölkerung ist wenig vernetzt. Eine Institution allein kann diese Herausforderung nicht meistern. Unser Quartierverein arbeitet deshalb in vielen Bereichen mit dem Verein BaBeL und dem Sentitreff zusammen. Wir ergänzen einander. Wir sind sehr dankbar, dass sich der Verein BaBeL Themen wie Verkehr, Sicherheit oder Littering annimmt. Gemeinsam organisieren wir den Neuzuzüger-Apéro.

Das Quartier galt lange als Aussenseiter-Quartier. Bis heute hat die Baselstrasse einen zweifelhaften Ruf. Was macht für Sie den Reiz dieses Quartiers aus?

Moser:Die Menschen. Sie sind nicht viel anders als anderswo, aber sie sind spürbar. Die Menschen in einem Einfamilienhaus-Quartier sind vielleicht mehr Aussenseiter. Ich lebe in einer Weltstadt im Kleinen. Die ganze Welt ist hier versammelt, Menschen aus über 70 Nationen. Und es ist gleichzeitig wie in einem Dorf, man trifft immer Bekannte, die auch zu Fuss unterwegs sind. Ich wohne hier seit 32 Jahren. Es ist auch ein Quartier mit einer spannenden Geschichte und mit spannenden Geschichten.

Welche zum Beispiel?

Moser: In diesem Quartier sind Weltkonzerne wie die Schindler Aufzüge AG entstanden, und bekannte Persönlichkeiten wuchsen hier auf. Etwa der Fussballer Karli Odermatt oder der Forscher Richard Vollenweider. Letzterem gelang es unter anderem, die Verschmutzung der grossen Seen Nordamerikas zu bremsen. Ich glaube, auch unter den heutigen Quartier-Bewohnern haben viele ein Potenzial, das es zu nutzen gilt. Vielleicht können wir dazu etwas beitragen.

Josef Moser

Josef Moser (68) ist Gründer des Sentitreffs. Er war von 1989 bis 2011 Co-Geschäftsführer des «Quartierlädelis» an der Baselstrasse. Der gebürtige Ruswiler ist katholischer Priester. Als solcher war er unter anderem während neun Jahren in der Kirche Bern tätig. 1999 verlieh ihm die Stadt Luzern das Ehrenbürgerrecht.