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LUZERN: Raubkunst? Luzerner Kunstmuseum untersucht 100 Werke

Das Kunstmuseum will mit Hilfe von Bundesgeldern mögliche Raubkunst in der Sammlung entdecken. Auf jüdischer Seite ist man erfreut, fordert aber noch mehr Anstrengungen.
Guy Studer
Heinz Stahlhut, Sammlungskonservator am Kunstmuseum Luzern, präsentiert ein Gemälde von Friedrich von Amerling – eines der Werke, deren Herkunft nun genauer untersucht wird. (Bild Dominik Wunderli)

Heinz Stahlhut, Sammlungskonservator am Kunstmuseum Luzern, präsentiert ein Gemälde von Friedrich von Amerling – eines der Werke, deren Herkunft nun genauer untersucht wird. (Bild Dominik Wunderli)

Guy Studer

Es ist eines der dunklen Kapitel des Holocausts, das bis heute noch mit vielen «Altlasten» behaftet ist. In zahlreichen Museen und Kunstsammlungen befinden sich Kunstwerke, die den jüdischen Eigentümern einst von den Nazis geraubt, enteignet oder erpresst wurden. Auch in der Schweiz werden Raubkunstwerke vermutet. Bisher sind aber erst verhältnismässig wenige Werke davon ausfindig gemacht worden.

Mit dem Schwabinger Kunstfund 2012 ist die Diskussion um Raubkunst wieder ins Rollen geraten. Zur Erinnerung: Der 2014 verstorbene Cornelius Gurlitt, Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, hatte in seiner Wohnung im Münchner Stadtteil Schwabing einen wahren Kunstschatz gehortet. Bei einer Wohnungsdurchsuchung im Februar 2012 entdeckten Steuerfahnder dort 1280 Kunstwerke. Wegen des Verdachts auf Raubkunst wurden und werden die Bilder durch eine eigens dazu eingesetzte Task Force auf ihre Herkunft überprüft. Das Interesse daran ist auch in der Schweiz gross, denn als Alleinerbin hatte Gurlitt das Kunstmuseum Bern eingesetzt.

Bundesgeld für Herkunftsforschung

Der Fall hat zudem in der Schweiz den Druck erhöht, mehr in die Herkunftsforschung zu investieren. Denn Schweizer Museen und Sammlungen sehen sich nach wie vor dem Vorwurf ausgesetzt, ein Hort von Nazi-Raubkunst zu sein. Gleichzeitig werde hierzulande viel zu wenig dagegen unternommen. Wohl auch deshalb hat das Bundesamt für Kultur im Rahmen der Kulturpolitik 2016 bis 2020 Beiträge ausgeschrieben für Museen und Sammlungen. 2 Millionen Franken stellt das Bundesamt als Anschubfinanzierung für fünf Jahre zur Verfügung. In zwei Ausschreibungen können sich Institutionen, welche Herkunftsforschung betreiben wollen, um Gelder bewerben. Die Frist für die erste Ausschreibung galt bis zum 30. April und dient für Forschungsprojekte bis Ende 2017.

15 Museen haben sich gemäss dem Bundesamt um Gelder beworben, darunter auch das Kunstmuseum Luzern, wie Sammlungskonservator Heinz Stahlhut auf Anfrage bestätigt. «Es handelt sich um etwa 100 Werke in unserer Sammlung, bei denen zwischen 1933 und 1945 eine Handänderung möglich ist», sagt er. Insgesamt verfügt das Museum über fast 5000 Werke vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart.

Von «öffentlichem Interesse»

Doch worin besteht das Interesse eines Museums, freiwillig die Herkunft zu überprüfen? «Die Motivation besteht darin, sicherzustellen, dass sich tatsächlich keine widerrechtlich erworbenen Kunstwerke im Besitz des Museums befinden», sagt Stahlhut. Durch die Provenienzforschung liesse sich im besten Fall die Herkunft der Werke soweit möglich lückenlos rekonstruieren. «Damit kann belegt werden, dass die Werke nicht widerrechtlich konfisziert oder unter Druck verkauft wurden.» Da zudem bei Kunstwerken, bei denen dies zutreffe, jeder Fall besonders sei, «ist die Erforschung dieser Vorgänge von grundlegendem öffentlichem Interesse». Darüber hinaus gebe die Provenienzforschung wichtige Einblicke in das damalige private und öffentliche Sammeln.

Dass das Luzerner Kunstmuseum bisher noch kein gross angelegtes Projekt zur Klärung der Herkunft fraglicher Bilder angestrengt hat, dürfte am hohen Aufwand liegen. «Diese Recherche ist sehr personalintensiv und kann daher von kaum einem Museum komplett aus dem eigenen Personalstamm geleistet werden», sagt Stahlhut. Als Vergleich zieht er den Fall Gurlitt heran: «Bei der Recherche waren zwischen 2013 und 2015 etwa 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unterschiedlichen Pensen eingesetzt.» Darum begrüsse es das Kunstmuseum Luzern, dass das Bundesamt für Kultur den Schweizer Museen Unterstützung anbiete.

Projekt kostet 100 000 Franken

Der Bund zahlt bis zu 50 Prozent der Kosten eines Projekts. Maximal gibt es 100 000 Franken. Stahlhut rechnet für das Luzerner Kunstmuseum mit Kosten von 100 000 Franken für die Untersuchungen von Herbst 2016 bis Ende 2017. Allerdings wird in dieser Zeit kaum die Herkunft aller 100 fraglichen Bilder geklärt werden können. «In dieser ersten Tranche konzentrieren wir uns auf die bedeutendsten Werke und sehen, wie weit wir kommen.» Im Fokus stehen dabei drei grosse Schenkungen von Privaten aus den 1950er-Jahren. Es sei kaum abzusehen, wie schnell die Nachforschungen vorangehen, weshalb Stahlhut auch keine Prognose machen kann und will. «Je nachdem müssen wir Reisen unternehmen, um in anderen Archiven zu recherchieren.» Danach sei es möglich, 2018 in einem zweiten Schritt nochmals Gelder beim Bund zu beantragen.

Dass der Bund zwei Ausschreibungen macht, begründet BAK-Sprecherin Anne Weibel mit den Anforderungen an die Bewerber: «Die Vorbereitung von Projekten ist generell zeitaufwendig.» Ein Museum muss ein Dossier einreichen, worin es unter anderem aufzeigt, welche Werke untersucht werden sollen, wie das Projekt durchgeführt wird und mit welchem Budget. Die Gesuche werden durch das BAK nach den folgenden Kriterien beurteilt: Bedeutung und Ansehen der Institution, kulturelle und künstlerische Bedeutung der Kulturgüter, Dringlichkeit der Massnahmen, Kosten-Nutzen-Verhältnis sowie Höhe der Eigenfinanzierung und Beiträge Dritter.

«Zeitraum ist viel zu kurz»

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) begrüsst das Bundesprojekt und die Anstrengungen des Kunstmuseums. «Das Bewusstsein dafür, dass die Herkunft von Kunst geklärt werden muss, ist stärker geworden – auch beim Bund», teilt SIG-Präsident Herbert Winter auf Anfrage mit. Er würde sich jedoch wünschen, dass auch nach Ablauf der fünf Jahre die Provenienzforschung vom Bund weiter finanziell unterstützt würde. «Der Zeitraum ist viel zu kurz, um alle Forschungs­lücken zu schliessen.»

Allgemein könnte aus Sicht von Winter in dieser Hinsicht mehr getan werden in der Schweiz. «Bei staatlichen Museen ist das Bewusstsein heute deutlich grösser als früher, als viele das Thema sträflich vernachlässigten.» So würden der Bund und zahlreiche Museen schon seit Jahren ihre Bestände aufarbeiten. «Anders sieht es bei den privaten Sammlungen aus: Vielen privaten Sammlern fehlt es am Willen. Manchen fehlen auch die Ressourcen, um die Herkunft ihrer Kunstwerke zu recherchieren.» Dennoch rät der SIG-Präsident auch Privaten, den Aufwand nicht zu scheuen. Aus gutem Grund: «Gerade wer Werke eines Tages öffentlich zeigen oder verkaufen will, ist gut beraten, in die Provenienzforschung zu investieren.»

Rückgabe ist Ultima Ratio

Was, wenn Raubkunst in der Sammlung des Luzerner Kunstmuseums auftaucht? «Dann werden wir versuchen, mit deren Rechtsnachfolgern zu einer einvernehmlichen Einigung über das weitere Schicksal der betreffenden Werke zu kommen», sagt Stahlhut. Eine Rückgabe an die Erben sei aber die Ultima Ratio, wenn es zu keiner gütlichen Einigung komme. Er ist aber überzeugt, «dass wir darlegen können, dass wir uns um ein Werk gut kümmern und dies auch auf Wohlwollen stösst». Auf jeden Fall würde man sich nur sehr ungern von einem solchen Werk trennen.

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