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LUZERN: Regierung hofft auf freiwillige Mitarbeiter

Die Regierung will das Asylwesen selber führen. Um dennoch nicht auf die Arbeit von Freiwilligen verzichten zu müssen, greift sie auf einen Trick zurück.
Lena Berger
«Wenn Menschen unentgeltlich für den Staat arbeiten sollen, ist das seltsam.» Georg von Schnurbein, Freiwilligenarbeit-Experte (Bild: pd)

«Wenn Menschen unentgeltlich für den Staat arbeiten sollen, ist das seltsam.» Georg von Schnurbein, Freiwilligenarbeit-Experte (Bild: pd)

Seit 20 Jahren kümmert sich die Caritas Luzern im Auftrag des Kantons um Asylbewerber und Flüchtlinge. Ab Januar ist damit Schluss. Die Regierung hat entschieden, das Asylwesen in Eigenregie zu führen. Einer der Gründe, die Sozialdirektor Guido Graf nannte: So könne nicht nur die aktuelle Sparrunde besser umgesetzt werden, sondern auch weitere künftige Sparentscheide (Ausgabe vom 1. Mai 2015). Ab 2016 soll bei den Personal- und Sachkosten für Asylsuchende 900 000 Franken eingespart werden.

Dabei könnte sich der Kanton allerdings verrechnet haben: Aktuell arbeiten für die Caritas nämlich rund 150 Mitarbeiter freiwillig im Migrationsbereich. Sie begleiten Asylsuchende und Flüchtlinge im Alltag, unterstützen sie bei Behörden- oder Arztbesuchen und helfen beim Deutschlernen. Rund 12 000 Stunden unentgeltliche Arbeit haben sie letztes Jahr geleistet. Würde man jedem Freiwilligen 20 Franken die Stunde zahlen, kostete das 240 000 Franken.

Caritas soll Freiwillige anwerben

Werden diese Menschen bereit sein, sich auch für den Kanton gratis zu engagieren? Georg von Schnurbein, ein Experte für Freiwilligenarbeit, hat starke Zweifel. «Freiwillige Arbeit ist grundsätzlich ein Charakteristikum von Non-Profit-Organisationen. Wenn Menschen unentgeltlich für den Staat arbeiten sollen, ist das seltsam, denn für die Erfüllung von Staatsaufgaben zahlen sie ja schon Steuern», erklärt der Professor für Stiftungsmanagement an der Universität Basel. Ihn würde es daher nicht überraschen, wenn ein grosser Teil der Freiwilligen das Engagement zurückzieht. «Sicher steht für manche bei ihrem Engagement der Zweck im Vordergrund. Aber viele werden sich wohl auch mit der Organisation Caritas verbunden fühlen.»

Der Kanton will auf die 150 Gratis-Mitarbeiter aber nicht verzichten. Der Trick: Die Caritas darf zwar das Asylwesen nicht mehr führen, soll aber Freiwillige anwerben. «Der Kanton ist daran interessiert, dass wir weiterhin Freiwillige vermitteln, Gespräche mit ihnen führen und für ein Engagement werben», bestätigt Caritas-Geschäftsleiter Thomas Thali auf Anfrage. Derzeit sei man deshalb dabei, eine Leistungsvereinbarung in kleinerem Rahmen auszuhandeln. Thali meint, dass es den meisten Freiwilligen um die Sache selbst geht. «Sie wollen Asylsuchende auch in Zukunft unterstützen.»

Auch Sozialdirektor Guido Graf findet: «Freiwilligenarbeit sollte die Aufgabe, also die asylsuchenden Menschen, im Fokus haben und nicht die Organisation, welche die Aufgabe erfüllt.» In den Diskussionen um die Neueröffnung der verschiedenen Notunterkünfte in Zivilschutzanlagen sowie im ehemaligen Restaurant Löwen in Ebikon seien schon viele Anfragen für Freiwilligeneinsätze beim Kanton und den Standortgemeinden eingegangen. Es spreche nichts dagegen, dass die Caritas Luzern als Hilfswerk Freiwilligeneinsätze für Asylsuchende vermittle.

Freiwillige nur für Zusatzleistungen

Experte Georg von Schnurbein ist skeptisch: «Mit dem eigentlichen Zweck der Caritas hat das Vermitteln von Freiwilligen an den Kanton nur wenig zu tun.» Wenn, dann sei dafür eher die Dachorganisation der Fach- und Vermittlungsstellen für Freiwilligenarbeit Benevol zuständig. «Ich glaube aber nicht, dass diese Hand bieten würde. Die Zahl der Menschen, die Freiwilligenarbeit leisten wollen, sinkt seit Jahren. Es mutet komisch an, wenn diese nun ausgerechnet Staatsaufgaben übernehmen sollten.» Auch hätten diverse Studien gezeigt, dass es entscheidend ist, wie mit Freiwilligen umgegangen wird. «Wenn sich diese durch die Einbindung in die kantonale Verwaltung unter Druck gesetzt fühlen, ist die Gefahr gross, dass sie sich abwenden. Enttäuschungen können dazu führen, dass sich die Freiwilligen für längere Zeit zurückziehen und gar nichts mehr machen. Da könnte viel Potenzial verloren gehen», warnt von Schnurbein.

Nach Ansicht von Sozialdirektor Guido Graf ist die Unterbringung und Betreuung von Asylsuchenden eine gesetzliche Aufgabe, die staatlich finanziert werden muss. Freiwillige erbrächten demnach keine Staatsaufgabe, sondern «Zusatzleistungen, die wegfallen würden, wenn die Bereitschaft für Freiwilligenarbeit sinkt.»

Der Luzerner Verein Asylnetz setzt andere Fragezeichen, was das künftige Engagement von Freiwilligen im Asylbereich angeht. Freiwillige waren bisher vor allem bei Asylsuchenden in Wohnungen aktiv. «Die Absicht des Kantons, alle Asylsuchenden in Zentren unterzubringen, wird zu einer Abschottung von der Öffentlichkeit führen und damit die Freiwilligenarbeit eher behindern», schreibt der Vorstand auf Anfrage in einer Stellungnahme.

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