LUZERN: Reifeprüfung im Quotencheck

In vielen «reicheren» Gemeinden geht jeder dritte Jugendliche ans Gymnasium, in ländlichen Gebieten weniger als jeder zehnte. Doch wie hoch soll die Maturaquote sein?

Alexander von Däniken
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Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Musegg während dem Biologieunterricht. (Bild: Pius Amrein  /  Neue LZ)

Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Musegg während dem Biologieunterricht. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Alexander von Däniken

In diesen Tagen sind schweizweit Tausende Jugendliche in Feierlaune: Sie haben die gymnasiale Matura bestanden. Es sind auch Anlässe der Quoten. An der Stadtluzerner Kantonsschule Alpenquai, dem grössten Gymnasium im Kanton, traten 245 Kandidaten an – 98 Prozent kamen durch. An der Kanti Willisau schafften es 100 Prozent der 99 Kandidaten. Wie jetzt eine Auswertung von Lustat Statistik im Auftrag unserer Zeitung zeigt, konnten sich vor allem Restaurants in «reicheren» Gemeinden darauf einrichten, Maturanden und ihre Familien für ein Festessen zu bewirten. In Meggen, Schenkon oder Eich hat praktisch jeder dritte 19-Jährige ein Maturazeugnis (siehe Tabelle). Es handelt sich hierbei um einen Durchschnittswert der Jahre 2012 bis 2014. Ausreisser bei kleinen Gemeinden sind trotzdem nicht ausgeschlossen, wie die Beispiele von Mauensee (1331 Einwohner per Ende 2015, höchste Quote) und Roggliswil (661 Einwohner, tiefste Quote) zeigen.

Quelle: Lustat (Bild: Grafik)

Quelle: Lustat (Bild: Grafik)

Schulweg entscheidend

Dass jeder zweite 19-Jährige in Mauensee die gymnasiale Matura hat, ist laut Bildungsvorsteherin Priska Häfliger-Kunz (CVP) nicht nur ein statistischer Ausreisser: «Der Schulweg zur Kantonsschule Sursee ist kurz.» Häfliger sieht den Hauptgrund in der guten Arbeit der Primarschule Mauensee: «Die Basisstufe und das stufenübergreifende Lernen fördert die Kinder individuell und erhält die Freude am Lernen.» Der Steuerfuss sei indes nicht alleine ausschlaggebend.

Trotzdem gibt es zwölf Gemeinden, in denen zwischen 2012 und 2014 durchschnittlich weniger als jeder zehnte Jugendliche die Kantonsschule besucht hat – und von diesen Gemeinden hat mit Schlierbach nur eine einen tieferen Steuerfuss als 2,0 Einheiten. Doch auch Brigitte Purtschert-Heller, Bildungsvorsteherin von Roggliswil, führt es in erster Linie auf den Schulweg zurück, dass im besagten Zeitraum kein 19-Jähriger aus ihrer Gemeinde das Gymi besucht hat: «Sowohl nach Sursee als auch nach Willisau ist es ziemlich weit.» Darum können durch ein Schulabkommen die Roggliswiler das Kurzzeitgymnasium in Zofingen besuchen, was auch ab und zu genutzt wird. Darum erscheinen diese Maturanden dann nicht in der Luzerner Statistik. Darüber hinaus habe die Leh- re mit Berufsmatura an Attraktivität gewonnen, seit an der Sek das Niveau A eingeführt worden ist.

Wie die Eltern, so die Kinder

Dass in tendenziell wohlhabenderen Gemeinden die Maturitätsquote höher ist, überrascht Experten nicht. Laut Aldo Magno, Leiter der kantonalen Dienststelle Gymnasialbildung, ist es ein nationales Phänomen. Gaudenz Zemp, Direktor des kantonalen Gewerbeverbands, macht unter anderem drei Gründe geltend. Erstens sei vermutlich bereits bei den Eltern die Maturitätsquote höher. «Die Eltern neigen dazu, ihre Kinder ebenfalls in Richtung Gymnasium zu führen.» Zweitens sei der Stellenwert des Handwerks in bäuerlich geprägten Gemeinden höher. Drittens sei der Fahrtweg ans Gymi in abgelegenen ländlichen Gemeinden wesentlich weiter.

Der Anteil der 19-Jährigen im Kanton Luzern mit einer gymnasialen Matura ist zwischen 1985 und 2015 von 8,3 auf 18,5 Prozent gestiegen. Laut Zemp ist das vor allem durch die gesellschaftliche Akzeptanz von Frauen im Berufsleben zu erklären. In der gleichen Zeitspanne sei der Dienstleistungssektor rasch gewachsen, was nach entsprechend ausgebildeten Fachkräften verlangt hat. Ausserdem sind zahlreiche Personen zugewandert, die aus Ländern mit höherer Maturitätsquote stammen. Das habe unter anderem zu einer «gesellschaftlichen Überbewertung der schulischen Bildung im Vergleich zur Bildung durch die Praxis» geführt. Aldo Magno kann das bestätigen und ergänzt: «Wir bilden in der Schweiz gleichwohl nicht zu viele Akademiker aus.»

Magno: Qualität stimmt

Welche Maturitätsquote ist für die Wirtschaft gesund? Weder Magno noch Zemp wollen von einer «richtigen» Quote sprechen. Für Magno ist «die Frage falsch gestellt. Es geht um die Qualität der Ausbildung und die Passung im Arbeitsmarkt.» Und diese stimme, was Zahlen zur Integration von Uniabgängern auf dem Arbeitsmarkt belegen.

Für Zemp geht es darum, «dass jeder leistungsstarke Jugendliche den für ihn geeigneten Weg findet». Das könne für den einen das Gymi sein, für den anderen eine Lehre mit Berufsmatur oder eine schulisch organisierte Grundbildung wie die Wirtschaftsmittelschule. «Es braucht einen gesunden Mix.» Diese Weichenstellung passiere idealerweise in einem geordneten Prozess in der zweiten Sekundarklasse. «Es muss vermieden werden, dass der Weg übers Gymi gewählt wird, obwohl eine beruflich organisierte Grundbildung sinnvoller wäre», sagt Zemp. Und er fügt an: «Es können bereits jetzt Lehrstellen nicht besetzt werden. Ein weiteres Wachstum der Maturitätsquote ist aus Sicht des Gewerbes deshalb zu vermeiden.»

Kampf um Nachwuchs

Mit mehreren Massnahmen will der Gewerbeverband gegenüber den Gymnasien in der Oberstufe für gleiche Spiesse sorgen. Gaudenz Zemp zieht ein positives Zwischenfazit. «Botschafter der Berufsbildung» nehmen an Elternabenden der Fünft- und Sechstklässler teil und bringen ihnen die Vorteile der Lehre näher. Und Gymnasiasten, die nicht studieren wollen, können heute mit einer verkürzten Lehre für die Berufsbildung zurückgewonnen werden.

Auch die Dienststelle Gymnasialbildung ist für die Zukunft gerüstet. So hat die Erziehungsdirektorenkonferenz kürzlich beschlossen, eine Reihe von Massnahmen zur Schärfung der gymnasialen Maturität umzusetzen. Eines der Themen ist eine harmonisierte Maturitätsprüfung. Während in einzelnen Kantonen zwischen den Schulen noch grosse Unterschiede bestehen, sind die Prüfungen laut Magno in Luzern bereits recht harmonisiert. Andere Themen wie eine verbesserte Studienberatung sollen in Arbeitsgruppen bearbeitet werden.