LUZERN: Sagt Schussopfer die Wahrheit?

Es sei ein Versehen gewesen, sagt der Eritreer, der in St. Urban angeschossen wur­de. Die Polizei hat ihre Zweifel. Klar ist: Die Familie des Opfers ist dorfbekannt.

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Das Opfer von St. Urban gab an, dass er versehentlich angeschossen wurde. (Symbolbild Neue LZ)

Das Opfer von St. Urban gab an, dass er versehentlich angeschossen wurde. (Symbolbild Neue LZ)

Yasmin Kunz und Guy Studer

Nur einen Tag nach der Schussabgabe auf dem Parkplatz der psychiatrischen Klinik in St. Urban hat das Opfer* am Donnerstag den Tathergang aus seiner Sicht geschildert. Gegenüber dem Aargauer Fernsehsender Tele M1 sagte der 20-jährige Eritreer vom Spitalbett aus: «Die Schussabgabe war ein Versehen, ein Unfall und keine Absicht.» Der junge Mann hatte offensichtlich viel Glück: Der Schuss drang durch seinen Oberarm in die Brust. Er sei nur knapp dem Tod entkommen, erklärt er dem TV-Sender. Auf dem Parkplatz vor der Klinik beschreibt zudem der Bruder* des Opfers, der bei der Tat anwesend war, die Situation und kommentiert sie mit den Worten: «Niemand will das sehen.» Gemäss Angaben der beiden Brüder hätten sie zuvor einen weiteren Bruder* besucht, der in der Klinik behandelt wurde.

War die Schussabgabe tatsächlich nur ein Versehen oder steckt doch eine geplante Tat dahinter? Auch der Luzerner Staatsanwaltschaft ist die Schilderung des Opfers im erwähnten TV-Interview bekannt. Auf Anfrage unserer Zeitung sagt deren Sprecher Simon Kopp: «Diese Aussage ist mit Vorsicht zu geniessen. Wir ermitteln weiterhin in alle Richtungen.»

Familie beschäftigt Dorf seit Jahren

Derweil zeigen Recherchen unserer Zeitung, dass das 20-jährige Opfer und seine Brüder bei den Behörden keine Unbekannten sind. Die aus Eritrea stammende Familie lebt seit Jahren in einer Luzerner Gemeinde. Deren Sozialvorsteher bestätigt auf Anfrage, dass der Vorfall in St. Urban vom Mittwoch kein Einzelfall war. Die Flüchtlingsfamilie sei im Dorf bekannt und beschäftige die Gemeindebehörden bereits seit langem. «Vor vier Jahren habe ich mein Amt angetreten, und seither begleitet mich dieser Fall», sagt der Sozialvorsteher. Auch habe die Gemeinde bereits mehrmals wegen Vorfällen Meldung bei der Polizei und beim Bundesamt für Migration erstattet. Auch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) sei bereits involviert gewesen.

Ob die Familie Sozialhilfe bezieht, darf der Gemeinderat aus Datenschutzgründen nicht sagen. Aber unabhängig davon, ob die Familie der Gemeinde finanziell zur Last fällt oder nicht: «Ein solcher Fall bedeutet für uns sehr viel Aufwand und ist auch für die Bevölkerung nicht leicht.» Dabei hält der Sozialvorsteher fest, dass nicht die ganze Familie für Probleme sorge, sondern es sich um einzelne Mitglieder handle.

Angetrunken in Baum gefahren

Eines dieser Mitglieder dürfte der in der psychiatrischen Klinik St. Urban behandelte Bruder des Schussopfers sein. Wie unsere Zeitung weiss, war dieser bereits in verschiedene Verkehrsdelikte involviert. Im letzten Oktober etwa fuhr er in seinem Wohnort mit einem Mietauto in einen Baum und verursachte einen Sachschaden von 20 000 Franken. Dabei war der 21-Jährige angetrunken und ohne Führerschein unterwegs.

Noch etwas lässt aufhorchen: Am Mittwochabend, also noch am Tag der Schussabgabe, verfasste der dabei anwesende Bruder einen Facebook-Post, adressiert an seinen verletzten Bruder. Sinngemäss steht darin: «Egal was passiert, ich werde immer über dich wachen und folge dir bis zu meinem letzten Atemzug. Wir stehen zusammen und wir fallen zusammen.» Ein Indiz, dass die Schussabgabe doch kein Unfall war?

Klar ist nur: Noch am Tag des Vorfalls hat die Polizei vier Personen identifiziert, die mit der Tat in Verbindung stehen könnten. Diese Personen würden nun von der Luzerner Polizei vernommen, sagt Simon Kopp. Neben dem Bruder des Opfers waren auch ein Kosovare und zwei Schweizer anwesend. Nach wie vor in Haft sind ein Kosovare und ein Schweizer (Ausgabe von gestern).

Kein Waffenschein für Revolver

Was die Tatwaffe, einen Revolver, anbelangt, steht fest: Für diese gab es gemäss Kopp keine Bewilligung, also keinen Waffenschein.

Der Bruder des Opfers, der in der psychiatrischen Klinik in St. Urban behandelt wurde, hat diese inzwischen verlassen. Dies bestätigt auf Anfrage Thomas Lemp, Sprecher der psychiatrische Klinik in St. Urban. «Es handelt sich dabei um einen regulären Austritt.»

* Namen der Redaktion bekannt.