LUZERN: Schädling vermehrt sich rasend

Erstmals haben Kirschessigfliegen nachweisbar den Winter überlebt. Der Bund sagt dem Schädling nun den Kampf an – einige Obstbauern haben aber bereits ­resigniert.

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Markus Hunkeler vom Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung wertet auf dem Hof von Xaver Stocker (links) in Eschenbach den Inhalt einer Kirschessigfliegenfalle aus. (Bild: Pius Amrein)

Markus Hunkeler vom Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung wertet auf dem Hof von Xaver Stocker (links) in Eschenbach den Inhalt einer Kirschessigfliegenfalle aus. (Bild: Pius Amrein)

Christian Hodel

Mickriges Insekt, immenser Schaden: Alleine im Kanton Luzern hat die 2,5 bis 3,5 Millimeter kleine Kirschessigfliege (Drosophila Suzukii) im vergangenen Jahr im Weinbau und beim Stein- und Beerenobst einen Verlust von fast 1 Million Franken angerichtet. «Ich habe über einen Drittel meiner Ernte verloren», sagt auf Anfrage Ursula Bucher, Beeren- und Obstproduzentin aus Ebikon, die ihre Produkte auf ihrem Hofladen Vogelsang und dem Luzerner Wochenmarkt verkauft.

Dieses Jahr Produktion eingestellt

Wegen des Schädlings, der seit 2011 in der Schweiz bekannt ist und wohl mit einer Ladung Früchte einst von Asien über Südeuropa in die Schweiz kam, hat Bucher die Produktion von Sommer-Himbeeren und Erdbeeren auf dieses Jahr nun gänzlich eingestellt. «Ich will nicht jede Woche Insektizid spritzen», sagt sie. Sie verarbeite jetzt mehr Äpfel und Birnen. «Zudem arbeite ich wieder in meinem ursprünglichen Beruf als Lehrerin.» Bucher ist überzeugt: «Der Schädling wird auch dieses Jahr wüten mehr als je zuvor.» Ihre Befürchtung wird durch Zahlen gestützt. Erstmals wurde das Insekt im Kanton Luzern von offizieller Stelle auch während der Winter- und Frühlingsmonate entdeckt.

An den vier Standorten Sempach, Uffikon, Hämikon und Eschenbach sind seit drei Jahren Kirschessigfliegen-Fallen aufgestellt. Wurde in den vergangenen zwei Jahren zwischen Januar und Juni keine einzige Fliege gefangen, sind es dieses Jahr bis dato bereits 56. «Dank den milden Temperaturen im vergangenen November und Dezember haben viele dieser Insekten anscheinend überlebt», sagt Markus Hunkeler, Fachbereich Spezialkulturen und Pflanzenschutz am Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung in Hohenrain. Es sei aber «schwierig, abzuschätzen, ob die Population weiter zunimmt». Das komme nun auf das Wetter in den nächsten paar Monaten an. «Die Kirschessigfliege vermehrt sich vor allem bei Temperaturen von 20 bis 25 Grad. Temperaturen über 30 Grad liebt die Kirschessigfliege überhaupt nicht. Die Massenvermehrung dieses Schädlings wird dann gestoppt», sagt Hunkeler. Eine «Panikmache» sei im Moment aber nicht angebracht. Dennoch: Wie der Bund, der in den vergangenen Jahren ein Forschungsprogramm startete und von einer «dramatischen Zunahme» der Population spricht (siehe Kasten), warnt auch Hunkeler vor dem Insekt. «Die Kirschessigfliege ist derzeit neben dem Feuerbrand einer der Schädlinge, der am meisten wirtschaftlichen Schaden im Kanton anrichten kann.»

Bauern tragen Risiko alleine

Erstmals für drastische Ernteeinbussen verantwortlich war die asiatische Fliege im vergangenen Jahr. Gemäss der Antwort der Luzerner Regierung auf eine Parlamentsanfrage betrug der geschätzte finanzielle Ausfall 2014 beim Beerenobst 360 000 Franken, beim Steinobst 55 000 Franken und im Weinbau gar eine halbe Million Franken was 10 Prozent der Ernte entsprach. Jedoch wird die Kirschessigfliege nicht als gemeingefährlicher Schädling eingestuft und ist somit nicht meldepflichtig. Für die Bauern bedeutet dies: Weder Bund noch Kanton kommen für Schäden auf. Damit bleibt das volle Risiko bei den Bauern, denn eine Versicherung gegen Schädlinge gibt es laut Hunkeler nicht.

Betroffen sind vor allem Produzenten von Kirschen, Zwetschgen, Pflaumen und Aprikosen. Die Kirschessigfliege, die bei Temperaturen zwischen 3 und 30 Grad aktiv ist, legt ihre Eier aber auch kurz vor der Ernte in reife Trauben, Feigen und Beeren (etwa Himbeeren, Brombeeren oder Erdbeeren). Die Larven fressen sich dann durch das Fruchtfleisch. Bis zu 400 Eier kann ein Weibchen legen. Die Lebensdauer einer geschlüpften Fliege beträgt zwischen 6 und 9 Wochen.

Dass durch allfällige Ernteausfälle nun auch die Preise für Himbeeren, Erdbeeren oder Kirschen steigen werden, verneint Hunkeler. Entscheidend für die Marktpreise sei die Menge der Früchte, sagt er. Und dabei spiele das Wetter eine grössere Rolle als allfällige Schädlinge.

«Verunsicherung ist zu spüren»

«Es müsste ganz schlimm kommen, wenn die Schäden durch die Kirsch­essigfliege Auswirkungen auf den Markt haben», sagt auch Georg Bregy, Direktor des Schweizer Obstverbands. Im Moment sei bei den Produzenten aber «eine gewisse Verunsicherung zu spüren». Man setze nun grosse Erwartungen in die Forschung, damit man den Schädling in einigen Jahren in den Griff kriege.

Die Erntearbeit der betroffenen Bauern habe sich durch den Schädling im vergangenen Jahr erschwert, sagt Stefan Heller, Geschäftsführer des Luzerner Bauernverbands. Laut Heller sei die Vermehrung der Fliege eine Folge der Klimaerwärmung und werde die Landwirte künftig «immer mehr vor Herausforderungen stellen».

Die Beeren- und Obstproduzentin Ursula Bucher aus Ebikon hat ihren Betrieb aufgrund von Ernteausfällen wegen der Kirschessigfliege aufgegeben. (Bild: Boris Bürgisser)

Die Beeren- und Obstproduzentin Ursula Bucher aus Ebikon hat ihren Betrieb aufgrund von Ernteausfällen wegen der Kirschessigfliege aufgegeben. (Bild: Boris Bürgisser)