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LUZERN: Schärfer, als das Auge es erlaubt

Das Luzerner Kunstmuseum hat den Fotografen Tobias Madörin auf die Mission geschickt, die berühmten Zentralschweizer Landschaftsmotive des Luzerner Malers Robert Zünd (1827–1909) neu zu entdecken.
Derselbe Standort, verschiedene Ansichten: Gemälde von Robert Zünd, «Blick auf Luzern vom Stollberg», (1887) und eine Fotografie von Tobias Madörin, «Stollberg», 2017. (Bild: Kunstmuseum Luzern/Tobias Madörin)

Derselbe Standort, verschiedene Ansichten: Gemälde von Robert Zünd, «Blick auf Luzern vom Stollberg», (1887) und eine Fotografie von Tobias Madörin, «Stollberg», 2017. (Bild: Kunstmuseum Luzern/Tobias Madörin)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Ein Gedankenspiel vorweg: ­Wären sich der Basler Fotograf Tobias Madörin und der Luzerner Maler Robert Zünd je begegnet, wenn man sie zur selben Epoche in ihre künstlerischen Jagdgebiete geschickt hätte?

Mit Sicherheit nein. Der Basler Gegenwartsfotograf Madörin fotografiert am liebsten den Moloch Grossstadt, reist mit seiner unhandlichen analogen Grossformatkamera um die Welt. Zünd ist, mit Ausnahme von Bildungsreisen nach Paris und Dresden, zeit seines Lebens am liebsten zu Hause geblieben und hat sich auf der Suche nach Freilichtmotiven, die er mit wenig Gepäck in der Kutsche ansteuerte, schon beim kleinsten Vorboten der Industrialisierung weggedreht. Zünd war ein Schönwettermaler ohne den schlechten Beigeschmack, den dieses Wort verbreitet. Im Gegenteil: Meisterhaft beherrschte er es, seine lichtdurchfluteten Wälder und hügeligen Zentralschweizer Landschaften auf Leinwand oder Glas anzuskizzieren, um sie später in seinem Atelier an der Luzerner Moosmattstrasse, dem heutigen Pfarrhaus St. Paul, zu vollenden.

Mehr Gemeinsames als Trennendes

Dennoch verbindet beide Künstler mehr, als ein erster Augenschein verrät. Zu sehen ist das wunderbar in der von Direktorin Fanni Fetzer kuratierten Ausstellung im Luzerner Kunstmuseum, die beide Künstler miteinander vereint. Sowohl Zünd wie Madörin machen in ihren Werktiteln geografische Angaben und lassen dem Betrachter viel Interpretationsspielraum. Und nicht nur Madörins gestochen scharfe C-Prints machen mehr sichtbar, als das menschliche Auge aufnimmt. Auch Zünds Werke sind berühmt für ihren Fotorealismus. Eine Schwarz-Weiss-Reproduktion von Zünds berühmtem Eichenwald (1882), die das Kunsthaus Zürich der Luzerner Ausstellung ausgeliehen hat, war für Zeitgenossen einer Fotografie zum Verwechseln ähnlich.

Trotz seinem Festhalten an denselben Motiven war Zünd kein Technologieverweigerer. Er besass sogar eine Fotokamera. Wo Madörin für seine Vorstudien eine einfache Digitalkamera verwendet – ein Beispiel aus Walenstadt ist in der Ausstellung zu sehen –, nahm Zünd die Fotokamera als Erinnerungsstütze zu Hilfe.

Während Madörin das Serielle zum Konzept seiner Foto­bücher macht – eines seiner Vereinsgruppenbilder hängt gerade im Museum Bellpark in Kriens –, hat Zünd Motive, die bei seinen Zeitgenossen auf Anklang stiessen, je nach Portemonnaiegrösse seiner Auftraggeber auch mehrmals über die Jahrzehnte wiederholt. Im ersten Saal, wo sich Zünds gestochen scharfer Realismus in Form von Waldlandschaften darbietet, lässt sich das anhand der von Privatsammlungen und aus Kunstmuseen zusammengetragenen Gemälde wunderbar nachvollziehen.

Die grösstmögliche Beiläufigkeit

Der grösste gemeinsame Nenner der beiden liegt darin, dass sie in der Luzerner Ausstellung nicht die Erhabenheit und die Dramatik des Augenblicks, sondern die grösstmögliche Beiläufigkeit in der Zentralschweizer Landschaft suchen. Bei Zünd ist der Vierwaldstättersee oft nur eine Spiegelfläche im Hintergrund, bei Madörin will die sattgrüne Wiese vor der Schellenmatt, präsentiert als Diapositiv im Leuchtkasten, gar nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch sie nicht im Vordergrund steht.

Gerade diese Gemeinsamkeiten, gepaart mit der offensichtlichen Differenz bei der Motivwahl, machen eine Zusammenführung der beiden Künstler so reizvoll. Denn diese Mischung hat verhindert, dass Madörin Zünds berühmte Zentralschweizer Motive über die Sommermonate 2016/17 nicht eins zu eins kopiert hat – wie langweilig wäre das! –, auf der anderen Seite aber auch keine allzu radikale und damit wiederum langweilige, weil vorhersehbare Dekonstruktion derselben wagte. Auf Zünds Pilatusgemälde reagiert Madörin mit einer ungewöhnlichen Perspektive auf den Luzerner Hausberg, die auch den Lopper in den Fokus nimmt.

Die Gegenüberstellung erzählt auch viel über den Wandel der Kulturlandschaft Zentralschweiz. Zünds Ährenfelder sind in der für die landwirtschaftliche Bepflanzung zu hügeligen Zentralschweiz heute fast verschwunden. Und nirgendwo treffen in Luzern Urbanität und Ländlichkeit frontaler zusammen als auf der Allmend, die Madörin an erhöhter Lage fotografiert hat. Das Messe-, Sport- und Militärgelände ist – macht man wenige Schritte ins Grüne – heute noch ein Idyll wie zu Zünds Zeiten.

Hinweis

«Robert Zünd (1827–1909) und Tobias Madörin (* 1965). Bellevue.» Kunstmuseum Luzern. 8. 7. bis 15. 10. Sa, 8. 7., 16 Uhr: Tobias Madörin im Gespräch mit Jonathan Steinberg. www.kunstmuseumluzern.ch

Eine Fotografie von Tobias Madörin, «Stollberg», 2017. (Bild: PD)

Eine Fotografie von Tobias Madörin, «Stollberg», 2017. (Bild: PD)

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