LUZERN: Schüler erhalten Platz zum Beten

An zwei Schulen gibt es seit kurzem einen Raum der Stille. Genutzt wird er vor allen von jungen Muslimen – zum Beten. Das erschwere deren Integration, so Kritiker.

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Niels Jost und Christian Peter Meier

Gebetsräume für Muslime an einer öffentlichen Schule? Solche gibt es laut der gestrigen Ausgabe der «Weltwoche» seit Dezember in den zwei Luzerner Schulhäusern Biregg und Hubelmatt. Dort unterrichtet unter anderem das Zentrum für Brückenangebote des Kantons Jugendliche, die bereits die obligatorische Schulzeit abgeschlossen, aber noch keine Lehrstelle oder eine weiterführende Schule gefunden haben. Viele, die das Brückenangebot nutzen, haben einen Migrationshintergrund.

«Einige muslimische Schüler fragten die Schulleitung nach einem Raum, in den sie sich für Gebete zurückziehen können», wird Christof Spöring, Leiter der kantonalen Dienststelle Berufs- und Weiterbildung, im Zürcher Wochenmagazin zitiert.

Eine «pragmatische Lösung»

Da einige von ihnen auf den Gängen oder in den Treppenhäusern beteten, habe das die Ordnung im Schulhaus gestört, sagt der Luzerner Regierungspräsident Reto Wyss. «Das hätte ein gewisses Konfliktpotenzial bergen können.» Um mögliche Auseinandersetzungen zwischen den Schülern zu vermeiden, nahm die Schulleitung deshalb eine gemäss Wyss «pragmatische Lösung» vor. «In je einem bescheidenen Raum ist es den Schülern erlaubt, sich zurückzuziehen und zu beten», bestätigt der Bildungsdirektor auf Anfrage. Er selber sei vorgängig nicht über diese Massnahme informiert worden. In weiteren Schulhäusern seien ähnliche Räume nicht geplant.

Dieser Raum der Stille sei allerdings nicht nur den Muslimen vorbehalten, sondern allen Schülern zugänglich, unabhängig von Religion und Herkunftsland, betont Wyss. Ebenso sei die Rückzugsmöglichkeit nicht nur zum Beten gedacht. Speziell eingerichtet wurden die Räume nicht. «Einer der Räume ist sogar fensterlos, der andere diente als Abstellraum.»

Genutzt werden die Zimmer in beiden Schulhäusern nur von vereinzelten Schülern – und dies dürfen sie lediglich ausserhalb der Schulzeit, in den Pausen oder direkt nach dem Unterricht. Dass sich die gläubigen muslimischen Schüler von ihren Klassenkameraden abgrenzen und sich die Rückzugsräume negativ auf ihre Integration auswirken könnten, glaubt Reto Wyss nicht.

«Integration wird massiv erschwert»

Kritisch bewertet Valentina Smajli das neue Angebot an den Luzerner Schulen. Die Co-Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam betont, dass eine erfolgreiche Integration durch diese Art von Segmentierung massiv erschwert werde. «Solche Räume gehören ganz klar nicht zum Leistungsauftrag einer Schule – Religion muss auch in Zukunft Privatsache bleiben.» Die gefundene Lösung ist laut Valentina Smajli «sicher gut gemeint, aber nicht zu Ende gedacht».

Kirche: Gebete sollen möglich sein

Die Katholische Kirche Stadt Luzern wiederum reagiert unaufgeregt auf die Gebetsräume: «In der Schweiz haben alle Menschen das Recht, ihren Glauben frei zu bekennen. Dazu gehört auch das Gebet. Wer beten möchte, soll das tun können und die Möglichkeit dazu erhalten», sagt Mediensprecher Urban Schwegler und erinnert daran, dass in der Stadt Luzern unter anderem auch Kirchen und Kapellen allen Menschen für Stille und Gebet offenstehen.

Schwegler: «Ebenso gibt es in einigen öffentlichen Gebäuden Räume der Stille, die Angehörigen aller Glaubensrichtungen zum Gebet zur Verfügung stehen. Zum Beispiel der Raum der Stille der Universität Luzern.»