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LUZERN: Schützenhaus-Ausverkauf: Nur die Serviertochter darf keiner mit nach Hause nehmen

«Alles muss raus» – in der Wirtschaft zum Schützenhaus war am Samstagmorgen Rampenverkauf angesagt. Während die meisten Besucher ganz auf die Schnäppchenjagd fokussiert waren, beobachteten die Pächter das Geschehen mit Wehmut.
Grossandrang am Rampenverkauf. (Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 24. März 2018))

Grossandrang am Rampenverkauf. (Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 24. März 2018))

Während die meisten Besucher ganz auf die Schnäppchenjagd fokussiert waren, beobachteten die Pächter das Geschehen mit Wehmut. Die Wirtschaft zum Schützenhaus hat am Samstag ab 10 Uhr zum Rampenverkauf geladen. Weil der Andrang gross war, öffnete sich die Tür aber schon vorher. Tische, Stühle, Geschirr, Besteck, Gläser, Tassen, Pfannen, Pizzaofen, Mikrowelle, Gefrierschränke, Standuhren und so weiter – alles musste raus. Dies, weil die Pächterin, die Remimag Gastronomie AG, den Mietvertrag per Ende März aufgelöst hat; die Differenzen mit der Besitzerin, der Schützengesellschaft der Stadt Luzern, waren unüberwindbar.

Im Inneren steht Florian Eltschinger, Co-Geschäftsleiter der Remimag. Mit seinem Sohn Leon auf dem Arm beobachtet er die Szenerie mit ernstem Gesicht. «Das sind sehr emotionale Momente», sagt er, während Schnäppchenjäger an ihm vorbeigehen. «Ein Teller oder ein Glas für ein, zwei Franken – wir tun das nicht, um Geld zu verdienen. Wir sind froh, wenn alles rauskommt, dann müssen wir die Dinge nicht entsorgen.» Eine andere Alternative habe es für sie nicht gegeben, weil alle Investitionsvorhaben vom Eigentümer abgelehnt worden seien (wir berichteten). «Dieses Haus ist komplett sanierungsbedürftig.» Was er damit meint, sieht man im Keller, wo eine Wand schwarz verfärbt ist. «Im letzten Jahr kam es hier am Elektrokasten zu einem Glimmbrand. Nur dank einer Mitarbeiterin, die im Personalzimmer übernachtete und den Rauch roch, wurde Schlimmeres verhindert.»

FCL-Fans hoffen auf Barbetrieb an Heimspielen

Viele finden es schade, dass das Restaurant schliesst, die einen erinnern sich an feine Mittagessen an Arbeitstagen, andere an das Bier nach Feierabend oder den Sonntagsbrunch. Genau informiert, weshalb es zum Ausverkauf kam, waren aber nur wenige. Für Brian (31) und Fabienne (30), die in der Nachbarschaft wohnen, war auf den ersten Blick offensichtlich, dass «hier lange nichts mehr gemacht worden ist. Es wirkt nicht mehr zeitgemäss.» Vor ihnen auf dem Tresen stehen Biergläser, eines für 50 Rappen erworben, und eine Markenteekanne für zwei Franken, die im Laden 35 Franken kostet. «Ich hoffe, dass der FC Luzern etwas macht, dieses Restaurant war früher ein Teil des Allmendstadions. Es wäre toll, wenn man hier nach Heimspielen an einer Bar noch etwas trinken könnte», sagt Brian, der mit seiner Freundin regelmässig FCL-Spiele besucht. Wie es mit der Lokalität weitergeht, steht offiziell aber noch nicht fest.

Neben Privatpersonen fanden auch Gastronomiekollegen den Weg an die Horwerstrasse 93 in Luzern. So wie Georg Wieser, Geschäftsführer des Hotels zum Roten Löwen in Hildisrieden. Er kam zufällig vorbei und sicherte sich einen Regalwagen für 100 Franken (Original: 500 Franken). «Hier geht ein Teil gastgewerblicher Tradition verloren», bemerkte Wieser, selbst in einem geschichtsträchtigen Gebäude tätig. «Nimm noch die Spielzeuge mit», ruft ihm der Verkäufer zu. «Sorry, dafür habe ich keinen Platz», entgegnet Wieser.

Spielzeuge befinden sich eine Treppe weiter unten in einem Raum für Kinder. Die 23-jährige Michaela aus Horw hantiert hier mit dem Schraubenzieher an einer Plastikrutschbahn. «Die möchte ich zu Hause auf unserem Hof aufstellen. Für die Kinder meiner Geschwister.» Daneben stecken bunte Spielbälle in Abfallsäcken. «Nehmen Sie einen ganzen Sack mit», bittet der Verkäufer eine interessierte Dame. «Was soll mein Hund mit so vielen Bällen?», antwortet sie. Und steckt eine Handvoll ein.

Jeder nimmt, was er braucht

Jeder nimmt, was er braucht, auch Cornel Thoma vom Ruderclub Reuss Luzern. Er ist zuständig für die vereinsinterne Gastronomie und hat ein schlechtes Gewissen, als er für 48 Gläser nur 30 Franken bezahlen muss. Drei Afrikaner üben sich derweil im Herunterhandeln von Preisen, das Budget ist knapp und der Bedarf in der Heimat gross. «Wir schicken solche Dinge nach Kenia an Familienangehörige, Schulen oder Vereine», sagt die Frau und zeigt auf einen Gastronormbehälter. Nur die Serviertochter, nach der ein älterer Herr spasseshalber fragt, darf niemand mit nach Hause nehmen. Entlassen werden musste keiner der 20 Angestellten, wer will, arbeitet in einem anderen Gastronomiebetrieb der Remimag weiter. Beispielsweise im «Militärgarten», nur 300 Meter entfernt, für den ein Plakat an der Hauswand des Schützenhauses wirbt.

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

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