Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LUZERN: Schulen führen Sitzstreiks ein

Lehrer haben frechen Schülern den Kampf angesagt und setzen dabei auf aussergewöhnliche Methoden. Mit Sitzstreiks wollen sie die Kinder in die Schranken weisen.
Lena Berger
Ein Schülerin hebt im Unterricht die Hand. (Symbolbild Neue LZ)

Ein Schülerin hebt im Unterricht die Hand. (Symbolbild Neue LZ)

Lena Berger

Wer ist hier der Boss? Die Frage liegt in der Luft. Die 9-Jährige kritzelt auf ihre Unterlage. Das Blatt mit der Rechenaufgabe hat sie demonstrativ auf die andere Seite des Pults geschoben. Damit wird sie sich nicht beschäftigen. Und wenn die Lehrerin noch so tobt.

Energie raubender Machtkampf

Die Verweigerung des Mädchens ist pure Provokation. Sie weiss, dass sie die Frau vor der Wandtafel damit zur Weissglut treibt. Sie wartet nur darauf, dass sie aufgefordert wird, mit dem Zeichnen aufzuhören. Dann wird sie aufstehen und lässig zum Wasserhahn gehen. «Setz dich wieder hin!», wird die Lehrerin rufen. Und sie wird es ignorieren. Die Lehrerin wird sie anschreien. Sie wird zurückschreien. Die Diskussion wird die Aufmerksamkeit der Klasse auf sie ziehen – und spätestens dann ist an Nachgeben nicht mehr zu denken. Am Ende wird die Lehrerin ihr eine Strafarbeit aufbrummen, die sie nicht machen wird.

Tägliche Machtkämpfe bringen selbst erfahrene Pädagogen an ihre Grenzen. Man kann es ihnen nicht verdenken, wenn sie das Kind am liebsten festhalten und schütteln würden. Aber das geht natürlich nicht. Ein Gefühl der Ratlosigkeit macht sich breit, Ohnmacht. Irgendwann gibt man vielleicht auf – und lässt das Kind halt Zeichnen statt Rechnen.

Überwältigender Ansturm

Irgendwo zwischen Rohrstock und der Resignation suchen Lehrpersonen heute nach einer neuen Form der Autorität. Einen möglichen Weg hat Vera Lang, Präsidentin einer Kreisschulpflege der Stadt Zürich, diese Woche an einer Informationsveranstaltung in Luzern vorgestellt: Die Autorität durch gemeinsame Stärke (siehe Kasten). Über 200 Lehrerinnen und Lehrer aus dem ganzen Kanton waren gekommen, um den Vortrag zu hören. Der grosse Saal war bis auf den letzten Platz besetzt.

«Die grösste Herausforderung an den Schulen ist die Integration von verhaltensauffälligen Kindern», stellte Lang gleich zu Beginn fest. Dazu kämen täglich kleine Nadelstiche. «Kinder, die ‹blöd tun›. Eltern, die sich beschweren. Strafen, die wirkungslos bleiben – bis das Fass überläuft.» Das Ziel müsse daher nicht sein, «einen Kampf zu gewinnen, sondern mit gewaltlosem Widerstand die Eskalation zu durchbrechen».

Um das zu erreichen, greifen die Zürcher Pädagogen auf «Tricks» zurück, die Laien eher von den Bürgerrechtsbewegungen her kennen. Die Rede ist von sogenannten Sit-ins, zu Deutsch Sitzstreiks. Diese werden eingesetzt, wenn Schüler massiv gegen die Regeln verstossen. Vera Lang nennt ein Beispiel aus der Praxis: Da hatte eine Gruppe von Jungs beim Kerzenziehen mit einem wasserfesten Filzstift eine Tafel verschmiert. «Es hagelte natürlich Beschwerden.» Die Intervention bestand darin, dass der ganze Jahrgang zusammengerufen wurde – ebenso alle Lehrer. Die Schulkreispräsidentin schilderte, was passiert war. Sie kündigte an, dass solches Verhalten nicht toleriert werde und forderte die Verantwortlichen auf, sich zu melden und einen Vorschlag zur Wiedergutmachung zu machen.

Dann herrschte Stille. Geschlagene 15 Minuten sagte keiner in der proppenvollen Aula ein Wort. Eine gefühlte Ewigkeit. Dann brach Lang die Sache ab und kündigte an, dass man sich zu Beginn der Pause am nächsten Tag wieder hier einzufinden habe. Und so wiederholte sich das Prozedere. Zusätzlich kamen tags darauf noch Eltern dazu, die der Forderung schweigend Nachdruck verliehen. Irgendwann gaben die «Schmierfinken» auf und boten von sich aus an, einen Nachmittag beim Hausdienst mitzuarbeiten.

Eltern kommen in den Unterricht

Entscheidend für den Aufbau dieser «neuen Autorität» ist, dass nicht nur alle Lehrpersonen, sondern auch die Eltern einbezogen werden. Sie werden um Hilfe gebeten, wenn ihr Kind sich nicht an die Regeln hält – und kommen persönlich in den Unterricht. Gemeinsam für die gleichen Werte einstehen und gegen Ungerechtigkeiten, Gewalt oder Beschimpfungen beharrlich Widerstand leisten – auch das erinnert an die Bürgerrechtsbewegung. «Es geht darum, dass alle an einem Strick ziehen und sich nicht ausspielen lassen», fasst Charles Vincent, Leiter der Luzerner Dienststelle Volksschulbildung (DVS), zusammen. Auch an verschiedenen Luzerner Schulen wird bereits nach diesem Ansatz gearbeitet. Die Schulberatung der DVS bietet seit letztem Jahr entsprechende Teamweiterbildungen an.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.