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LUZERN: Schulimpfung spaltet die Ärzteschaft

Seit Schulimpfungen vor zwei Jahren wieder eingeführt wurden, streiten sich Ärzte über deren Nutzen. Im Entlebuch wird das Programm gar ganz boykottiert.
Der Kinderarzt verabreicht Impfungen. (Gestellte Szene) (Bild: Archiv / LZ)

Der Kinderarzt verabreicht Impfungen. (Gestellte Szene) (Bild: Archiv / LZ)

Seit im Schuljahr 2013/14 die freiwillige Schulimpfung im Kanton Luzern wieder eingeführt wurde, herrscht bei vielen Ärzten dicke Luft. Schulärzte wurden oder werden vom aufwendigen Impfprogramm abgeschreckt.

Doch nicht nur das, wie sich nun zeigt. Der Widerstand vieler Ärzte gegen das Impfprogramm geht noch weiter. Eklatant ist die Situation im Entlebuch: Kein einziger der rund 8 Schulärzte beteiligt sich am Impfprogramm. Stephan Ammermann, Allgemeinpraktiker und Schularzt in Hasle, sagt kurz und bündig, warum: «Das ist Quatsch.» Gerade Kindergartenkinder würden durch eine Impfung im Rahmen der Reihenuntersuchung abgeschreckt. Richtig schwierig werde es, wenn eine Gruppe von Kindern es mit der Angst zu tun bekäme «und sich die Kinder gegenseitig hochschaukeln».

Für Ammermann ist klar, dass eine Impfung in Begleitung der Eltern viel mehr Sinn macht. «Deshalb haben wir uns im Entlebuch geschlossen gegen den Vertrag ausgesprochen.» Hierbei geht es um den zwischen Krankenkassen und Ärzteverband ausgehandelten Tarifvertrag für die Schulimpfungen.

Hohe Impfrate im Entlebuch

Auch ohne Schulimpfung sei die Durchimpfungsrate im Entlebuch ohnehin sehr hoch, bei rund 90 Prozent, schätzt Ammermann. Also wesentlich höher als im restlichen Kanton. Dies vor allem, weil die meisten Hausärzte auch Schulärzte seien und eine enge Kontrolle dadurch schon gegeben sei. Die impfkritischen Eltern werde man durch die Schulimpfungen ohnehin nicht erreichen, so Ammermann.

Das Schulimpfprogramm war 1996 abgeschafft worden. Infolge der Masernepidemie, die zwischen 2006 bis 2009 im Kanton grassierte, wurde sie 2013 wieder eingeführt. Ziel: Die tiefe Durchimpfungsrate im Kanton, besonders bei den Masern, soll erhöht werden. Diese lag 2013 bei Kindern und Jugendlichen bei 82 Prozent. Ziel von Bund und Kantonen wäre eine Rate von 95 Prozent. Nebst dem Kanton Luzern führen 16 weitere Kantone Schulimpfungen durch.

In einem Artikel in der aktuellen Ausgabe des «Luzerner Arzt» zieht Hans-Peter Roost, stellvertretender Kantonsarzt, Bilanz für das erste Jahr. Demnach wurden insgesamt 2149 Impfdosen verabreicht und via das Schulimpfprogramm abgerechnet (siehe Box unten). Geimpft werden Kinder auf den Stufen Kindergarten, 4. Primarklasse und 2. Oberstufe. Roost kommt zum Schluss: «Die Maserndurchimpfung hat sich verbessert (...).» Und zwar um durchschnittlich 2 Prozent. Von der kantonalen Dienststelle Gesundheit und Sport war am Freitag aufgrund einer Fachtagung niemand erreichbar.

«Verschiebung statt Zunahme»

Zwar steht der Ärzteverband des Kantons Luzern hinter dem Impfprogramm. Auch wurde die Administration nach einem Jahr in Zusammenarbeit mit dem Kanton vereinfacht, sodass der Aufwand für Ärzte verringert wurde. Unverändert bleibt indes der verhältnigsmässig tiefe Tarifansatz von 17.25 Franken, den der Schularzt pro Impfung verdient.

Das ist allerdings kaum der Hauptgrund dafür, dass nicht nur im Entlebuch viele Ärzte gegenüber den Schulimpfungen skeptisch sind. Auch der Stadtluzerner Kinderarzt Urs Schumacher äussert grosse Zweifel, ob das Programm zu einer höheren Durchimpfungsrate führt. «Man kann die Schulimpfungen nicht einfach zu den bisherigen Impfungen in der Praxis addieren und als Zunahme ansehen.» In Tat und Wahrheit seien die Schüler, die zur Schulimpfung gingen, einfach nicht mehr in die Praxen zum Impfen erschienen. «Es findet also keine Zunahme der Durchimpfung, sondern eine Verschiebung der Impfstelle von der Praxis zum Schulprogramm statt.»

Ins selbe Horn stösst Hansjakob Roelli, Kinderarzt aus Sursee: «Es hat sich gezeigt, dass der Aufwand für Ärzte und Schulen riesig ist. Der Nutzen aber ist an einem sehr kleinen Ort.» Für ihn ist das schlicht eine «Verschwendung von Geld und Energie».

Eltern, die gegen das Impfen sind, könnten «nur durch eine vertrauensvolle und fachlich gut fundierte Information» gewonnen werden, sagt Urs Schumacher. Gerade aber dies fehle im Schulimpfprogramm im Gegensatz zu den Kinderarztpraxen. «Es ist zu befürchten, dass mit dem aufwendigen Impfprogramm der Schulen die Impfkritiker noch weniger erreicht werden.»

Reihenuntersuchung abschaffen

Roelli geht gar noch einen Schritt weiter und würde nicht nur die Schulimpfungen, sondern auch die Reihenuntersuchungen in der heutigen Form abschaffen. «Früher, als noch keine Vorsorgeuntersuchungen im Vorschulalter durchgeführt wurden, habe ich als Schularzt behandlungsbedürftige Befunde erhoben, die vorher nicht bekannt waren – wie etwa Herzfehler oder Hodenhochstand. Dies sei heute kaum mehr der Fall. Eine Tätigkeit des Arztes als Berater der Schule bei Projekten der Gesundheitsförderung oder bei medizinischen Problemen, die an der Schule auftreten, kann sich Roelli jedoch gut vorstellen.

Urs Schumacher seinerseits hat einen anderen Ansatz: Der Kanton solle stattdessen den Eltern Vorsorgegutscheine abgeben, «mit denen sie kostenfrei bei dem von ihnen gewählten Kinder- oder Hausarzt die Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen durchführen lassen können». Der Kanton könnte diese Untersuchungen im Schulalter als verbindlich erklären und von den Eltern eine ärztliche Bestätigung einfordern

2149 Impfungenwurden 2013/14 in den Luzerner Kindergärten und Schulen durchgeführt. 11,5 Prozentder rund 19'000 Kinder bis zum 9. Schuljahr wurden 2013/14 in den Schulen geimpft. 10 Prozentoder 220 der 2149 Schulimpfungen waren gegen Masern/Mumps/Röteln.

Guy Studer

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