Luzern: Schutz vor Wutbürgern und Gewalttätern

Das Netzwerk kantonales Bedrohungsmanagement Luzern ist seit Januar aktiv. Damit will der Kanton das Personal des öffentlichen Dienstes gezielt vor potenziellen Gewalttätern schützen. Die Organisation hilft aber auch Privatpersonen.

Thomas Heer
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Im Symbolbild: Waffen, die von der Luzerner Polizei sichergestellt worden sind. (Bild: Nadia Schärli)

Im Symbolbild: Waffen, die von der Luzerner Polizei sichergestellt worden sind. (Bild: Nadia Schärli)

Das Verbrechen sorgte landesweit für Schlagzeilen. Im April 1997 stach ein damals 46-jähriger Mann die Schötzer Sozialvorsteherin in ihrem Büro nieder. Die zum Tod führenden Verletzungen fügte der Verbrecher seinem Opfer mit einem Küchenmesser zu. Die Tat kam nicht aus heiterem Himmel. Denn zwischen der Sozialvorsteherin und ihrem späteren Mörder kam’s bereits Tage zuvor zu Spannungen. Die Gemeindevertreterin weigerte sich nämlich aus gutem Grund, dem Gesuchsteller 600 Franken, auszuzahlen, die er gefordert hatte. Ihr konsequentes, geradliniges Handeln hat die Exekutivpolitikerin schliesslich mit ihrem Leben bezahlt.

Dieses Beispiel ist glücklicherweise ein krasser Ausnahmefall. Noch in viel ausgeprägterem Ausmass gilt das für die Amoktat jenes Mannes, der den Zuger Behörden jahrelang als Querulant auf die Nerven ging. Dieser rastete am 27. September 2001 unerwartet vollkommen aus und erschoss im Kantonsparlament 14 Menschen.

Gewaltandrohungen gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes, wie Angestellten von Bau- oder Sozialämtern gehören leider immer häufiger zum Berufsalltag. Über die Gefahr, die von Wutbürgern und gewaltbereiten Personen ausgeht, haben sich auch die zuständigen Behörden im Kanton Luzern Gedanken gemacht und nun entsprechend gehandelt. Seit Januar gibt es das sogenannte Kantonale Bedrohungsmanagement Luzern, kurz KBM genannt. Verantwortlich für dessen Aufbau ist Andrea Wechlin.

Das KBM muss man sich zum einen als eine Art Radarstation vorstellen. Es geht also um die Früherkennung von potenziell gefährlichen Menschen, aber auch von heiklen Situationen für Private. Erscheint eine Frau oder ein Mann auf dem KBM-Radar, wird abgeschätzt, welche Bedrohung von ihr oder ihm wahrscheinlich ausgeht. Handelt es sich bloss um grossmaulige Wichtigtuer oder aber um Personen, die tatsächlich zu einem Gewaltverbrechen bereit sind?

Auch Kriminalpolizei sitzt mit im Boot

Das KBM hat auch die Aufgabe, gewaltbereite Personen frühzeitig zu stoppen. Wie dabei vorgegangen wird, dazu gibt es kein Standardprozedere. Sicher ist: Es wird nicht sofort mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Genügt das Gespräch durch eine Fachperson, lässt man es dabei bewenden. Grundsätzlich gilt das Prinzip der «Verhältnismässigkeit», so Wechlin. Im Umgang mit uneinsichtigen und als gefährlich eingestuften Zeitgenossen kann das KBM auf das Know-how von Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachgebieten zurückgreifen. Dazu zählen sechs Mitglieder der Luzerner Kriminalpolizei, aber auch Personen von der Staatsanwaltschaft, des Kindes- und Erwachsenenschutzes sowie der forensischen Psychiatrie.

Andrea Wechlin fasst zusammen: «Bedrohungsmanagement als neue Fachdisziplin zeichnet sich aus durch enge und verbindliche interdisziplinäre Zusammenarbeit. Mitarbeitende des KBM Luzern müssen deshalb über fundierte Fachkenntnisse in ihrem jeweiligen Bereich verfügen und zusätzliche Kompetenzen in der Gefährdungs- und Risikoeinschätzung mitbringen.»

In Zeiten, in denen der Kanton jeden Franken zweimal umdrehen muss, bevor er ihn ausgeben kann, stellt sich natürlich die Frage: Wie viel kostet diese neu geschaffene Fachstelle eigentlich? Die Aufbauarbeit wird mit zirka 60 000 veranschlagt. Das genaue Jahresbudget lasse sich nicht beziffern, heisst es seitens des Kantons. Die Anlaufstelle des KBM wird durch 90 Stellenprozente abgedeckt, was zirka einen finanziellen Aufwand von 110 000 bis 120 000 Franken bedeutet. Davon entfallen 70 Prozent auf das Pensum von Wechlin. Bei einer kostenmässigen Betrachtung der Gesamtleistung würde das Ganze natürlich anders aussehen. In diesem Fall müsste das KBM zusätzlich jede Stunde, die beispielsweise ein Mitarbeiter der Kriminalpolizei für die neu geschaffene Organisation arbeitet, mit rund 100 Franken vergüten, was den Aufwand erheblich in die Höhe treiben würde.