LUZERN: Schweizer Erdgas-Firma setzt auf Luzern

Die Erdölgesellschaft Seag erneuert ihr Gesuch, um im Kanton Luzern nach Erdgas suchen zu können. Ein Experte misst dem Projekt grosse Chancen bei.

Rahel Schnüriger
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Bohrturm in Finsterwald, Entlebuch: Hier wurde 1985 bis 1994 Erdgas abgebaut. (Bild Keystone)

Bohrturm in Finsterwald, Entlebuch: Hier wurde 1985 bis 1994 Erdgas abgebaut. (Bild Keystone)

In den Tiefen des Luzerner Untergrunds schlummern möglicherweise Bodenschätze, die zur Lösung von Energie- und Umweltproblemen beitragen könnten. Die Seag (Aktiengesellschaft für schweizerisches Erdöl) will sich diese zu Nutze machen. Sie hat schon vor zwei Jahren ein Gesuch zur Verlängerung ihrer bisherigen Konzession für das Schürfen nach Kohlenwasserstoffen im Kanton Luzern gestellt.

Während der Überarbeitung des entsprechenden Gesetzes war das Gesuch sistiert. Mit dessen Inkrafttreten sind nun Anpassungen nötig: Der Kanton fordert unter anderem genauere Angaben zu Gebiet, Finanzierung und Grund der geplanten Erkundung.

Viele Gasaustritte im Norden

Die Seag hat die geplante Exploration in den vergangenen Wochen mit ihrem texanischen Partner eCorp besprochen und wird das ergänzte Gesuch demnächst einreichen, wie Geschäftsleiter Conrad Frey Recherchen der «Zentralschweiz am Sonntag» bestätigt. Genaue Ortschaften, wo sie nach Erdgas suchen wollen, könne er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht nennen.

Zuerst müsse die Forschung vorangetrieben werden, um die geeigneten Standorte ausfindig zu machen. Grundsätzlich seien im Kanton Luzern aus geologischer Sicht zwei Dinge zu berücksichtigen: Im Süden dürfte es Gasvorkommen haben, diese sind aber bis zu 5000 Meter tief im Boden. Das macht allfällige Bohrungen teuer.

Im Norden gebe es dagegen viele Gasaustritte. «Das könnte bedeuten, dass es Gas nahe der Oberfläche hat», sagt Frey. Gleichzeitig sind die Austritte aber ein Nachteil: «Sie zeigen auch, dass es vermutlich schwieriger ist, Lagerstätten zu finden.» Ziel der Seag ist es nämlich nicht nur, Gas zu fördern, sondern es auch zu speichern. So könnte man bei Lieferengpässen auf vorhandenes Gas zurückgreifen und den Schwankungen des Marktpreises entgegentreten.

Zwei Optionen zur Gasförderung

Der Geologe Beat Keller, Geschäftsführer der Keller + Lorenz AG, hat im Kanton Luzern für den im Jahr 2012 erschienenen Geothermiebericht potenzielle Gasvorkommen analysiert, begleitete die Geothermiebohrung Weggis (1992 und 1993) geologisch und kennt das Kerngut der Erdgasbohrungen in Finsterwald (bis 1994). Er sagt: «Die Erfolgschancen für Bohrungen im Kanton Luzern sind sehr hoch.» Es sei bekannt, dass im Untergrund des Kantons Luzern sogenannte Permokarbon-Tröge mit Gasvorkommen vorhanden sind. In den darüberliegenden verkarsteten Kalken finden sich die zugehörigen Speichergesteine. «Erdgasaustritte aus diesen Vorkommen wurden nicht nur in der Geothermiebohrung Weggis nachgewiesen, sie können auch in der ganzen Zentralschweiz an verschiedenen Stellen beobachtet werden», sagt Keller.

Beat Keller weiss auch, wo er die Gasvorkommen in der Zentralschweiz suchen würde: «Die Zone südlich der Achse Reuss und Kleine Emme ist sehr Erfolg versprechend. Ich würde am ehesten unter dem Rontal, in der Talebene von Kriens oder in Küssnacht suchen.»

Als zweite Möglichkeit für die Erdgassuche sieht Keller die Schiefergasvorkommen. Um diese zu finden, müsste man aber die umstrittene Fracking-Methode anwenden. Dabei wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und teilweise giftigen Chemikalien in tief liegendes Schiefergestein gepresst. Das Gestein wird so aufgebrochen und offen gehalten. Kritikpunkte bisheriger Bohrungen sind: grosser Wasserverbrauch, Gefahr einer Grundwasserverschmutzung durch den Einsatz von Chemikalien und das Erdbebenrisiko. Allerdings werden zur Vermeidung solcher Nachteile bereits neue Techniken ohne Verwendung von Wasser und Chemikalien erprobt.

Welche Methode bei einer allfälligen Bohrung im Kanton Luzern zum Einsatz kommt, ist zurzeit noch nicht definiert.

Frage der Wirtschaftlichkeit

Falls der Kanton Luzern der Seag eine Bewilligung erteilt, sind die weiteren Schritte laut Conrad Frey die folgenden: «Wir suchen die geologisch interessanten Punkte und überprüfen dann die Wirtschaftlichkeit.» Hier kommt die texanische Firma eCorp ins Spiel. Sie finanziert die gesamten Forschungstätigkeiten bis und mit der ersten Produktionsbohrung – auf eigenes Risiko. Bei Erfolg gehört 90 Prozent der Produktion eCorp, 10 Prozent der Seag.

Ebenfalls entscheidend, ob Bohrungen im Kanton Luzern durchgeführt werden, ist die vom Regierungsrat definierte Abgabe für die Konzession. Sie wird – im gesetzlichen Rahmen – von Fall zu Fall festgelegt. Conrad Frey sagt klar: «Wenn der Gesetzgeber utopische Vorstellungen einer Abgabe hätte, könnte er das Projekt zu Fall bringen.» Realistisch seien je nach Menge 3 bis 15 Prozent der Produktion.

Zweites Gesuch zurückgezogen

Beim Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartement spricht man zurzeit noch nicht über die Konzessionsabgabe: «Für die Bewilligung der Seag werden lediglich die Verfahrenskosten entsprechend dem Verwaltungsaufwand erhoben», sagt der Kommunikationsbeauftragte Urban Henzirohs. Für die geplanten Erkundungsmassnahmen sei eine Konzessionsabgabe noch nicht nötig.

Bis jetzt ist die Seag die einzige Organisation, die im Kanton Luzern nach Kohlewasserstoffen suchen will. Ein anderes Gesuch ist laut Urban Henzirohs wieder zurückgezogen worden.

Falls alle Faktoren stimmen, will sich die Seag nach den bevorstehenden Bohrungen im Waadtland weiteren Bohrungen in den Kantonen Bern und Luzern zuwenden. Mit Prognosen ist Conrad Frey allerdings zurückhaltend: «Es hat sich gezeigt, dass immer wieder Hindernisse auftauchen können und wir unsere Zeitpläne anpassen müssen.»

Bis tatsächlich erste Bohrungen auf dem Kantonsgebiet von Luzern durchgeführt werden könnten, dürften noch ein paar Jahre vergehen. Zuerst muss der Kanton der Seag die Bewilligung erteilen, Erkundungen auf dem Gebiet vorzunehmen. Urban Henzirohs erklärt, dass vorher die Dienststellen dazu Stellung nehmen könnten und die betroffenen Gemeinden angehört würden. «Vor Sommer ist nicht mit der Bewilligung zu rechnen».