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LUZERN: Schwerbehinderten droht der Rauswurf

Im Zentrum Rodtegg wohnen und leben rund 50 Personen mit teils sehr schweren körperlichen Behinderungen. Aufgrund des Spardrucks seitens des Kantons sieht die Direktorin das Wohnheim aber akut gefährdet.
Thomas Heer
Symbolbild Keystone (Archiv) / Alessandro Della Bella

Symbolbild Keystone (Archiv) / Alessandro Della Bella

Zirka 17 Uhr des vorvergangenen Freitags war es, als sich eine Frau daran machte, das Areal der Stiftung Rodtegg zu verlassen. Ihr Arbeitstag war beendet, und sie trat den Heimweg an, um den wohlverdienten Feierabend zu geniessen. Aus Neugier angesprochen auf die Grösse der Institution und der darin betreuten Menschen, nannte die Frau eine Zahl im tiefen dreistelligen Bereich. Der spontane Talk über ihre Tätigkeit in der Rodtegg plätscherte vor sich hin, ohne dass Erwähnenswertes ausgetauscht wurde. Dann aber nahm das Gespräch eine unerwartete Wende. Das Thema Finanzen kam auf den Tisch, und der verbale Austausch wurde spürbar lebhafter und interessanter. Im Fokus stand die Frage, wie eine Stiftung – deren Zweck in der Betreuung von Menschen mit körperlicher Behinderung besteht – in Zeiten anhaltenden Spardrucks seitens der öffentlichen Hand längerfristig überleben kann. Unvermittelt liess die Frau dann die Katze aus dem Sack. Bereits ihr nachdenklicher Gesichtsausdruck verhiess nichts Gutes. Denn ausgerechnet an diesem ominösen 13. Tag des laufenden Monats wurde die Belegschaft offensichtlich von der Unternehmensleitung darüber informiert, dass der Betrieb auf der Rodtegg in seiner Existenz gefährdet sei, da die Tarife nicht mehr kostendeckend seien. Die Frau nannte dabei einen Zeithorizont von drei bis vier Jahren.

Direktorin bestätigt

Das waren schlechte Nachrichten und Grund für eine Nachfrage bei der Direktorin der Stiftung Rodtegg, Luitgardis Sonderegger-Müller. Ihr steht die Aufgabe zu, den Betrieb nach unternehmerischen Kriterien zu führen. Missmanagement kann auch bei einer Stiftung wie der Rodtegg damit enden, dass dem Unternehmen finanziell die Luft ausgeht und schlussendlich die Bilanz deponiert werden muss. Und dies gilt es natürlich unter allen Umständen zu verhindern.

Das düstere Szenario, das die eingangs erwähnte Angestellte skizzierte, bestätigt Sonderegger-Müller, zumindest in einem ganzen wichtigen Teil. Und der betrifft den Wohnbereich, wo 50 Personen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – das ganze Jahr über wohnen. All diese Menschen werden rund um die Uhr intensiv betreut und brauchen Hilfe bei allen Alltagsverrichtungen. Dieses Angebot gibt es nicht zum Nulltarif. Die Personalkosten sind entsprechend hoch. Sonderegger-Müller sagt: «Bereits Ende 2016 sind die Reserven in diesem Bereich aufgebraucht.»

Ein «Drama» für die Betroffenen

Das heisst, ab 2017 kann die Stiftung die roten Zahlen des Betriebsteiles «Wohnen» nicht mehr mit eigenen Mitteln ausgleichen. Wie jeder Firmenchef muss die Direktorin angesichts der Verlust bringenden Sparten handeln, um am Schluss nicht die Existenz des gesamten Unternehmens, in dem insgesamt 120 Personen betreut werden, zu gefährden. Um den worst Case abzuwenden, spricht Sonderegger-Müller von der Möglichkeit einer Umnutzung des Wohnbereiches, sollten die Tarife nicht angehoben werden.

Für die Familien der betroffenen Klienten käme diese Massnahme einem «Drama» gleich, wie die Direktorin gleich selber sagt. Denn an Wohn- und Tagesplätzen herrscht im Kanton Luzern bereits heute grosser Mangel. Gemäss Rolf Maegli, Direktor der Stiftung für Schwerbehinderte Luzern, gibt es derzeit 72 Anmeldungen für Wohn- und Tagesplätze. Also 72 Personen respektive deren Familien suchen dringend einen geeigneten Ort, wo sie sich die nötige Betreuung erhoffen.

Sonderegger-Müller hinterlässt nicht den Eindruck einer Person, die präventiv, unnötig und vorauseilend auf Alarmismus macht. Zum Befund der mittelfristigen Gefährdung des Wohnheimes kam die Direktorin, nachdem sie sich in den letzten Tagen mit ihren Finanzfachleuten vertieft mit den Details rund ums Budget befasste.

Das musste sie auch. Denn bereits früher in diesem Herbst hatte die operative Leiterin der Stiftung eine Hiobsbotschaft zu verdauen. Die schlechten Nachrichten kamen aus dem Regierungsgebäude. Wie die «Zentralschweiz am Sonntag» bereits am 1. November berichtete, plant der Staat nämlich, Institutionen der Rodtegg den Geldhahn noch stärker als ursprünglich vorgesehen zuzudrehen.

Weniger Personal?

Ohne jetzt nochmals detailliert auf die Spar-Arithmetik einzugehen, führt die vorgesehene zusätzliche Kürzung für Sonderegger-Müllers Betrieb im kommende Jahr zu zusätzlichen Mindereinnahmen von nochmals 270 000 Franken. Also, wo soll das Geld eingespart werden? Beim Personal? Sonderegger-Müller sagt: «Das steht überhaupt nicht zur Diskussion. Wir betreuen derart schwer behinderte Menschen, dass wir den Personalbestand im August sogar aufstocken mussten.» Die Konsequenz: besser gar nichts als irgendwelche halben Sachen, die gemäss der Direktorin nicht mehr zu verantworten sind.

Thomas Heer

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