LUZERN: Seit 35 Jahren fährt er dieselbe Strecke

Lokführer Peter Gloor fährt seit 1979 von Luzern nach Lenzburg und zurück. Verleidet ist ihm dies nie – obwohl er auch schlimme Erlebnisse verarbeiten musste.

Michael Stadler
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Zwischen Luzern und Lenzburg hat Lokführer Peter Gloor, im Bild gestern Abend beim Bahnhof Luzern, viel erlebt. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Zwischen Luzern und Lenzburg hat Lokführer Peter Gloor, im Bild gestern Abend beim Bahnhof Luzern, viel erlebt. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Fahrplan der S9. (Bild: Quelle: SBB / Grafik: Oliver Marx)

Fahrplan der S9. (Bild: Quelle: SBB / Grafik: Oliver Marx)

Die Mitteilung war ausserordentlich. Bei den SBB arbeite seit 35 Jahren ein Mann, der als Lokführer täglich dieselbe Strecke fährt: Luzern–Lenzburg und zurück, jeweils 47 Kilometer. Was steckt dahinter?

Peter Gloor ist eine treue Seele. Wir treffen ihn am Bahnhof Luzern, er fährt mit seiner S9 von Lenzburg kommend ein. Wir dürfen bei ihm im Führerstand mitfahren, «seine» Seetal-Bahn mit ihm erleben. Wieso er nur immer diese Strecke fährt, erklärt er gleich zu Beginn. Der Grund ist ein einfacher: Er wohnt an der Strecke, in Beinwil am See. Dort im Depot beginnt er seinen Einsatz, dort hört er nach Schichtende auf. Und von Beinwil gibt es nur zwei Richtungen mit dem Zug: Luzern und Lenzburg. Diese Strecke wird von der Seetal-Bahn abgedeckt. Der kurze Arbeitsweg ist also der Grund für seine Treue. «Eine Stunde zum Arbeitsort fahren, am Abend dasselbe wieder zurück. Das ist nichts für mich», sagt er.

Peter Gloor fährt die Strecke zweimal pro Tag hin und zurück. Er ist 62-jährig, Ende Jahr wird er pensioniert. Seit Mai 1972 sei er bei den SBB tätig, erzählt er, während wir aus dem Bahnhof Luzern fahren. Er fing als Handwerker im Depot Olten an. Ein Jahr später begann er die Ausbildung zum Lokführer in Bellinzona. 1979 sei eine Lokführerstelle für das Depot Beinwil am See ausgeschrieben gewesen. Er, der in Beinwil aufgewachsen war, hatte seine Traumstelle gefunden.

Extrahalt für einen Bauern

Seine Eltern seien einfache Leute gewesen. Beide waren Fabrikarbeiter und hatten ihre Stelle in Beinwil. Heute sind diese Fabriken verschwunden. Als wir an seinem Wohnort halten, sagt Peter Gloor traurig: «Es gibt nur noch einen Volg im Dorf.» Generell habe sich vieles verändert. Früher habe es viel mehr Personal für die Seetal-Bahn gehabt. Jede Haltestelle sei besetzt gewesen, man kannte und unterstützte sich. Und auch an den Gleisen entlang kannte Gloor viele Leute, er zeigt immer wieder auf alte Häuser, wo er Personen kannte. Einmal habe er bei einem Bauern, der seinen Hof gleich neben dem Trassee hatte, den Zug angehalten, um diesem zu seinem 60. Geburtstag zu gratulieren. So etwas sei heute natürlich nicht mehr möglich, schmunzelt er.

Früher begleiteten auch noch Kondukteure den Arbeitsweg von Peter Gloor. «Das war wie eine Familie, man war nie allein.» Heute fährt er den Zug alleine von Luzern nach Lenzburg. Aber dieses Alleinsein habe auch seine Vorteile, sagt Peter Gloor: «Man hat seine Ruhe.» Die Zeit brachte einen enormen technologischen Fortschritt in den Zügen mit sich. «Das ist wie von der Steinzeit in die Zukunft», sagt er. Peter Gloor arbeitete immer wieder auch selber bei der Entwicklung neuer Züge mit. So konnte er für den Führerstand der neuen S-Bahn bei der Produktionsfirma Ideen vorbringen. Diese seien auch umgesetzt worden.

Der Lokführer war aber nicht immer mit der S-Bahn unterwegs. Früher habe er auf derselben Strecke auch Güterzüge gefahren. Er setzte sich auch immer für den Erhalt der Seetal-Bahn ein und organisierte Bahnfeste und Loktaufen.

Mehrere tödliche Unfälle

Lenzburg ist die letzte Haltestelle, Gloor wechselt die Kabine und fährt zurück Richtung Luzern. Der Beinwiler erzählt weiter von seinen Erlebnissen. Man sagt, dass jeder Lokführer durchschnittlich einen tödlichen Personenunfall miterlebt. Peter Gloor war ein Pechvogel, wie er es selber ausdrückt. Er hat mehrere tödliche Unfälle miterlebt. Der letzte, ein Unfall mit einem Auto im November 2006, sei der schlimmste gewesen. Er habe gedacht, eine Arbeitskollegin seiner Frau sitze im Auto. Dies sei dann zwar nicht der Fall gewesen, trotzdem träume er noch heute manchmal von diesem Unfall. Mittlerweile sei die Strecke aber sicherer geworden, die unbewachten Bahnübergänge sind reduziert worden. Er fügt jedoch gleich an: «Es braucht auch heute noch Nerven wie Drahtseile.» Denn teilweise verlaufen die Strassen parallel zu den Gleisen, ohne Leitplanken dazwischen. In Ballwil fährt der Zug sogar mitten durch einen Kreisel.

Um einen Unfall verarbeiten zu können, brauche er jemanden, mit dem er sprechen könne. Sei es seine Frau oder ein Kollege. So ist es für Peter Gloor auch wichtig, für Kollegen da zu sein, wenn sie einen Personenunfall erleben würden.

Landschaftlich reizvolle Strecke

Weggezogen hat es Peter Gloor nie. Früher sei er gerne reisen gegangen. Kinder hat er keine, aber zusammen mit seiner Frau wohnt er in einem Haus mit fünf Katzen und zwei Hunden. Da habe man immer etwas zu tun. Und ausserdem könne er zu Hause gut entspannen bei einem Feierabendbier oder einem Spaziergang im Wald mit seinen Hunden. «Das ist Erholung pur», sagt er.

Klar wäre eine andere Strecke auch mal schön gewesen, sagt er. Aber es sei nun mal so, wie es ist. Ihm gefällt die Strecke auch heute noch. Landschaftlich sei sie mit den Seen sowie den Alpen im Hintergrund sehr reizvoll. Jede Jahreszeit bringe etwas Neues. So könne man bei einer Föhnlage die Alpen fast anfassen. Die Herbstfarben der Bäume hätten auch ihren speziellen Reiz. Während der Fahrt fachsimpelt er über die Berge und gibt dem ortsunkundigen Mitfahrer Tipps für Tagesausflüge.

Ein bisschen später: Endstation Luzern. Bald ist Feierabend. Bald ist auch sein Dienst bei den SBB vorbei. Peter Gloor arbeitet noch bis am 2. Dezember. «Um 12.32 Uhr bin ich fertig», sagt er. Danach habe er noch Ferien bis Ende Jahr, und dann sei Schluss. Nach mehr als vierzig Jahren bei den SBB hört eine eindrückliche Karriere auf. Peter Gloor freut sich auf das Leben danach, auch ohne grosse Pläne: Das Haus und seine Tiere würden ihn genug beschäftigen.