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LUZERN: Seniorenbetreuung: Unseriöse Anbieter locken mit Billigangeboten

Für die Betreuung von Senioren werden zunehmend Frauen aus Osteuropa geholt – auch illegal und zu Dumpingpreisen. Jetzt werden der Bund und die zuständige Kontrollkommission des Kantons aktiv.
Alexander von Däniken
Die Nachfrage nach Betreuungshilfen wächst, das Angebot auch. Vorsicht ist vor allem bei Online-Vermittlern geboten. (Symbolbild: Getty)

Die Nachfrage nach Betreuungshilfen wächst, das Angebot auch. Vorsicht ist vor allem bei Online-Vermittlern geboten. (Symbolbild: Getty)

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@luzernerzeitung.ch

Was tun, wenn der betagte Vater Hilfe im Haushalt braucht, nicht ins Alters- und Pflegeheim will und die Kinder beruflich stark engagiert sind? Eine relativ günstige Lösung sind Betreuungshilfen aus Osteuropa. Entweder finden die Angehörigen selber eine geeignete Hilfe oder lassen sich eine vermitteln (Ausgabe vom 29. September 2016).

Im Internet finden sich zahlreiche Plattformen, die ihre Hilfe zum Dumpingpreis anbieten. Ein Beispiel: www.getcare.ch lockt mit einer 24-Stunden-Betreuung für 1990 Franken im Monat. Nur: Gemäss geltendem Normalarbeitsvertrag gilt für ungelernte Haushaltshilfen ein Mindestlohn von 18.90 Franken pro Stunde. Das macht bei einer maximal gültigen 50-Stunden-Woche einen Brutto-Monatslohn von 4095 Franken. Damit ist aber noch lange keine Betreuung rund um die Uhr abgedeckt.

Vermittler brauchen Bewilligung

Diese Vorgabe gilt auch für Frauen aus der EU, die im Rahmen der Personenfreizügigkeit für drei Monate in die Schweiz kommen. Viele Online-Plattformen bewegen sich allein deshalb «nur» in einem Graubereich, weil sie explizit lediglich eine Vermittlerrolle einnehmen. Doch auch Vermittler sind bewilligungspflichtig. Im Fall von Getcare fehlt die Bewilligung, wie ein Blick in das entsprechende Register des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigt. Pikant: Auch die Seiten www.gutes-herz.ch und www.seniorenbetreuung-24.ch (die 24-Stunden-Betreuung kostet hier 2350 beziehungsweise 3900 Franken pro Monat) haben keine Bewilligung – und hinter allen Plattformen steht eine Person aus Bratislava in der Slowakei.

Die Tätigkeit aller drei Plattformen ist illegal, wie Fabian Maienfisch, Mediensprecher des Seco, auf Anfrage bestätigt. Für Getcare sei früher ein Brüderpaar aus dem Baselbiet verantwortlich gewesen. Das Seco habe mehrfach interveniert und auch Anzeigen eingereicht, als der Betrieb seinen Sitz noch in der Schweiz hatte. Beide Brüder wurden mittlerweile durch die Staatsanwaltschaft Baselland zu einer Busse verurteilt. In der Zwischenzeit haben sich die Brüder gemäss Kenntnissen des Seco in die Slowakei abgesetzt und dort die Firma Getcare verkauft. Die Firma ist nun von dort aus tätig, gibt aber vor, einen Geschäftssitz in Winterthur zu haben. Maienfisch: «Das Seco wird bei allen drei Betrieben mittels Schreiben vorstellig werden. Es ist jedoch absehbar, dass die Personen, die hinter den genannten Betrieben stehen, sich davon wohl nicht abhalten lassen, in der Schweiz weiterhin illegal tätig zu sein.»

Die Strafverfolgung der verantwortlichen Drahtzieher ist laut dem Seco-Sprecher nicht einfach. Denn die Strafbehörden sehen fast immer davon ab, eine Strafverfolgung gegen Personen im Ausland durchzuführen, wenn es sich nicht um ein Kapitalverbrechen handelt. Aber auch falls die Personen tatsächlich verurteilt würden, wäre die Durchsetzung im Ausland nicht möglich. Denn für die genannten Delikte ist jeweils «nur» eine Verurteilung zu einer Busse vorgesehen. Eine Durchsetzung von Bussen ist im Ausland nur möglich, falls dies mit dem Gegenstaat durch einen Staatsvertrag geregelt ist. «Dies ist aber vorliegend zurzeit nicht der Fall», sagt Maienfisch.

Darum würden sich die Behörden auf die Privathaushalte – sprich: die Kunden – konzentrieren. Diese riskieren, wenn sie mit einer illegalen Plattform zusammenarbeiten, dass sie wegen Schwarzarbeit, der Zusammenarbeit mit einem Vermittler oder Verleiher ohne Bewilligung und wegen fehlender Meldung nach Ausländerrecht strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Ebenfalls riskieren sie, Sozialversicherungen und Steuern für die nicht angemeldeten und sozialversicherten Betreuungspersonen nachzahlen zu müssen. «Es ist deshalb ratsam, als Privathaushalt von Angeboten von Betrieben, die nur unsichere Angaben über ihren Sitz und ihre Herkunft machen, und die sich auch nicht im Handelsregister finden lassen, abzusehen», sagt Maienfisch. Auch ein Blick auf das erwähnte Verzeichnis des Seco ist hilfreich (siehe Hinweis).

Legale Anbieter: Kosten ab 6200 Franken

Es gibt aber auch Anbieter, die gesetzeskonform arbeiten. So etwa Caritas Schweiz mit dem Projekt «In guten Händen»: Die Caritas-Organisationen in Osteuropa arbeiten mit Betreuerinnen und bereiten sie ihrem Heimatland auf ihren Einsatz in der Schweiz vor. Nach ihrem dreimonatigen Einsatz arbeiten sie dann wieder in ihrem Heimatland. Beat Vogel von der Caritas: «Billigangebote für die 24-Stunden-Betreuung sind illegal und haben sowohl für die Betreuerinnen wie auch für die Kunden negative Auswirkungen. Caritas Schweiz setzt sich für eine faire Care-Migration ein.» Dazu gehöre auch die Entwicklung in den Herkunftsländern. Die Betreuungspauschale der Caritas bewegt sich zwischen 6200 und 6950 Franken pro Monat, je nach individuellem Betreuungsbedürfnis und Region. Hinzu kommen Naturalkosten für Kost und Logis.

Ebenfalls eine seriöse Anbieterin ist das weltweit tätige Unternehmen «Home Instead». Guido Müller ist SVP-Kantonsrat und Teilhaber der eigenständigen Geschäftsstelle in Luzern. Er sagt: «Wir setzen neben der fachlichen Ausbildung auch bewusst auf Angestellte mit viel Lebenserfahrung.» Diese sei im Umgang mit älteren Menschen genauso entscheidend. Neben Schweizerinnen beschäftigt Müller auch temporär Frauen aus Deutschland oder Österreich. Fast allen gemeinsam ist ein Teilzeitpensum. Das ermögliche eine hohe Flexibilität bei der Kundenbetreuung. «Selbstverständlich vergüten wir unsere Angestellten zu einem branchenüblichen Lohn inklusive allen Sozialleistungen. Wir haben uns schon vor über einem Jahr freiwillig dem Gesamtarbeitsvertrag Personalverleih unterstellt und entlöhnen alle unsere Mitarbeitenden nach diesen Vorgaben.» Eine Stunde Betreuung kostet bei «Home Instead» zwischen 44 und 53.50 Franken.

Müller schätzt, dass im Raum Luzern rund 100 osteuropäische Betreuerinnen mehr oder weniger schwarz arbeiten. Ob sie von einer Agentur vermittelt oder direkt angestellt worden sind, spiele eine untergeordnete Rolle: «Für die Betreuerinnen bedeutet eine solche Anstellung eine Ausbeutung, für die betroffenen Senioren kann es heikel werden, wenn sie auch auf Pflege angewiesen sind, die Betreuerinnen dafür aber keine Ausbildung haben.»

Hinweis

Die in der Schweiz bewilligten Vermittlungs- und Verleihbetriebe finden sich im Verzeichnis: www.avg-seco.admin.ch. In der Suchmaske kann der Name des Betriebs eingegeben werden, welchen man zur Betreuung beziehen will. Erscheint der Betrieb nicht, ist er vermutlich illegal tätig.

«Für die Betreuerinnen bedeutet eine solche Anstellung eine Ausbeutung.» Guido Müller, Teilhaber der Geschäftsstelle Home Instead in Luzern. (Bild: Eveline Bachmann / LZ)

«Für die Betreuerinnen bedeutet eine solche Anstellung eine Ausbeutung.» Guido Müller, Teilhaber der Geschäftsstelle Home Instead in Luzern. (Bild: Eveline Bachmann / LZ)

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