LUZERN: Sexfilme landen im Schüler-Chat

Per Nachrichtendienst verschicken Schüler Videos mit pornografischem Inhalt. Was Jugendliche oft als harmlos einstufen, kann für sie gravierende Folgen haben. Auch darum haben die Schulen im Kanton Luzern reagiert.

Christian Hodel
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Wer Jugendlichen unter 16 Jahren – etwa per Smartphone – Pornografie schickt, macht sich strafbar. (Symbolbild: Keystone/Christof Schuerpf)

Wer Jugendlichen unter 16 Jahren – etwa per Smartphone – Pornografie schickt, macht sich strafbar. (Symbolbild: Keystone/Christof Schuerpf)

Christian Hodel

christian.hodel@zentralschweizamsonntag.ch

Die Szenen, die eine Mutter eines 15-jährigen Schülers aus einer Luzerner Landgemeinde abspielt, sind nicht für Kinderaugen gedacht. Im Video zu sehen sind zwei erwachsene Männer und eine Frau, die Sex haben. Zwei Minuten dauert der Film, den ihr Sohn und weitere «Gspändli» per WhatsApp – einem Nachrichtendienst für Smartphones – von einem Schulkameraden zugeschickt bekamen.

Die Mutter war schockiert, als sie das Video auf dem Smartphone ihres Sohnes entdeckte – und erkundigte sich bei einem befreundeten Lehrer. Er riet ihr, mit dem betroffenen Buben und dessen Eltern das Gespräch zu suchen – und auf eine Anzeige zu verzichten. «Das habe ich getan. Der Junge entschuldigte sich. Für mich ist die Sache damit abgehakt», sagt die Mutter.

Verschicken von Sexfilmen kann strafbar sein

Dass sich Schüler Filme mit pornografischen Inhalten schicken, ist Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern, bekannt. «Es gibt pro Schuljahr vielleicht eine Handvoll Fälle, die zu uns gelangen beziehungsweise in denen die Schulleitungen Unterstützung bei uns holen», sagt er. Da im Kanton Luzern diesbezüglich keine Anzeigepflicht besteht, geht Vincent davon aus, dass es sich bei den Fällen, von denen er Kenntnis hat, nur «um die Spitze des Eisbergs handelt». Viele Schulen würden solche Vorkommnisse intern lösen. Dies ist wohl der Hauptgrund dafür, dass die Luzerner Staatsanwaltschaft keine Kenntnisse von Straftaten in diesem Bereich hat.

Fest steht: Das Verschicken von Sexfilmen kann für die Schüler gravierende Folgen haben. «Wer Jugendlichen unter 16 Jahren Pornografie zugänglich macht, macht sich strafbar. Das ist ein Offizialdelikt», sagt Katrin Birchler, Juristin bei der Dienststelle Volksschulbildung. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Sexfilme handelt, die für Erwachsene legal sind und die nicht als verbotene Pornografie eingestuft werden. «Viele Jugendliche unter 16 Jahren sind sich der Problematik aber gar nicht bewusst.» Anders sieht die Rechtslage für Klassenkameraden aus, die solche Filme per Nachrichten erhalten und konsumieren. «Wenn ein Jugendlicher legale Pornografie anschaut, ist das nicht strafrelevant.» Weil solche Videos zunehmend im Umlauf sind und seit einigen Jahren immer mehr Schulen im Kanton nach Unterstützung fragen, haben Birchler und ihre Kolleginnen und Kollegen von der Dienststelle Volksschulbildung reagiert. «Wir bieten für Schulleiter Kurse in diesem Bereich an», sagt Birchler. «Auf Anfrage besuchen wir auch Lehrer-, Schüler- oder Elternveranstaltungen.»

Neu werden bereits Primarschüler aufgeklärt

Für die Kursinhalte ist unter anderem Urs Utzinger, Dozent Medienpädagogik und Informatik an der Pädagogischen Hochschule Luzern, verantwortlich. «Durch die niederschwelligen Verbreitungsmöglichkeiten von solchen Filmen hat sich die Problematik in den letzten Jahren unglaublich verschärft», sagt er. Auch darum organisiert er seit diesem Schuljahr Weiterbildungen für Lehrer, um sie im Umgang mit den digitalen Medien besser zu schulen. «Die Kurse sind bis Ende 2018 restlos ausgebucht.»

Trotz der Massnahmen der Pädagogischen Hochschule, des Kantons und der Schulen werden die Probleme künftig wohl weiter zunehmen. Zumal bereits heute viele Primarschüler schon im Besitz eines Smartphones sind – und sich in Gruppen zu sogenannten Klassen-Chats zusammenschliessen, notabene ohne Kenntnisse des Lehrers. Dies haben auch die Verantwortlichen des Lehrplans 21 erkannt, der im Kanton Luzern ab Schuljahr 2017/18 in der Primarschule und ab Schuljahr 2019/20 in der Sekundarschule in Kraft tritt. «Bis anhin wurden der Umgang mit Neuen Medien und auch die rechtlichen Fragen, die sich stellen, in der Sekundarstufe im Unterricht behandelt», sagt Charles Vincent. Mit dem neuen Lehrplan sei dies bereits in der Primarstufe vorgesehen. «Indem wir die Thematik im Unterricht aufnehmen, versuchen wir vor allem präventiv tätig zu sein.» Klar ist aber auch: Die Schulen stehen nicht alleine in der Verantwortung, damit Kinder und Jugendliche nicht an pornografisches Material gelangen. Gefordert seien auch die Eltern, sagt Vincent. Die eingangs erwähnte Mutter macht der Schule in ihrer Wohngemeinde sodann auch keine Vorwürfe. Den Sexfilm, den ihr Sohn und seine Kameraden erhalten haben, sei ausserhalb der Schulzeit im privaten Klassen-Chat gelandet. «Das kann die Schule gar nicht kontrollieren», sagt sie. «Ich finde, die Eltern müssten viel mehr ein Auge darauf werfen, was ihre Kinder auf dem Smartphone anschauen und weiter verbreiten.»

In Zug kam es zu Anzeigen

Sexvideos Jugendliche, die sich Videos mit pornografischem Inhalt schicken, beschäftigen derzeit die Behörden in mehreren Kantonen – so etwa in Zug. Die Fallzahlen seien allerdings klein und in den letzten Jahren rückläufig, teilen die Zuger Strafverfolgungsbehörden mit. Jedoch gehe man von einer markanten Dunkelziffer aus, da es sich bei vielen Fällen um Antragsdelikte handelt und diese nicht zur Anzeige gebracht werden.

Ein anderes Thema ist das Verbreiten von verbotener Pornografie – dazu zählen etwa sexuelle Handlungen mit Tieren oder gewaltverherrlichende Aufnahmen. Auch in diesem Bereich gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer und einem Anstieg der Verfehlungen aus. Nur wenige Kantone führen aber Statistik zu einzelnen Delikten. Bekannt sind etwa Zahlen aus dem Kanton Zürich. Zwischen 2013 und 2015 führte die Jugendanwaltschaft 205 Verfahren gegen Jugendliche wegen verbotener Pornografie, wie die «NZZ am Sonntag» jüngst schrieb. In den drei Jahren davor waren es 26 gewesen. (chh)