LUZERN: «Sich distanzieren allein reicht nicht»

Nach dem Attentat von Paris fordern bekannte Luzerner Muslime mehr Offenheit seitens der Moscheen – und restriktive Einreiseregeln für ausländische Islamprediger.

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Gebet in der Moschee der Bosnischen Muslimischen Gemeinschaft in Emmenbrücke. (Bild: Archiv Keystone)

Gebet in der Moschee der Bosnischen Muslimischen Gemeinschaft in Emmenbrücke. (Bild: Archiv Keystone)

In Paris schockieren islamische Attentäter ganz Europa, in der Schweiz findet der radikale Islamische Zentralrat bei Jugendlichen regen Zulauf. Nur wenige gemässigte Muslime erheben ihre Stimme. Zum Beispiel die Luzernerin Valentina Smajli, Vizepräsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, und der Grosswanger Zahnarzt Ahmed El Ashker, gebürtiger Ägypter.

Was hat das Attentat von Paris bei Ihnen ausgelöst?

Valentina Smajli: Gemischte Gefühle. Jegliche Art von Terrorismus ist eine Abscheulichkeit. Das macht mich wütend und ohnmächtig. Das Pariser Attentat war höllisch. Wir müssen aber aufpassen, dass wir Menschenleben nicht in solche erster und zweiter Klasse unterteilen. Denn praktisch zeitgleich zu dem Attentat in Paris wurden Hunderte Nigerianer vom radikalislamischen Boko Haram massakriert. Nur, davon sprach niemand.

Ahmed El Ashker: Ich fühlte mich tief betroffen. Dazu kamen Trauer und Wut. Mit dem Terrorakt ist versucht worden, einen Keil zwischen dem Westen und den Muslimen zu treiben. Leider wird alles mit dem Islam verbunden.

Die Attentäter berufen sich aber auf den Islam. Da gibt es keine Zweifel.

El Ashker: An den Gedenkfeiern in Paris waren auch viele Muslime dabei. Es ist wichtig, zu erkennen, dass die Terrorakte in erster Linie von ideologisch fehlgeleiteten Menschen verübt wurden. Die Anschläge von 2011 in Norwegen hat der Täter mit dem Verteidigen der christlichen Kultur begründet. Trotzdem wurde er nicht als christlicher Extremist bezeichnet.

Smajli: Dieser terroristische Islam, das ist nicht ansatzweise die Religion, die mir von meiner Mutter vermittelt wurde. Ich höre von vielen gemässigten Muslimen: Wir haben auch Angst vor diesem Terror.

Wie haben Sie die Reaktionen der muslimischen Organisationen in der Schweiz aufgenommen?

Smajli: Es haben sich mit Ausnahme von radikalen Bewegungen alle deutlich vom Attentat distanziert. Aber das reicht nicht. Moscheevereine und Dachverbände müssen mehr unternehmen, um Ängste der einheimischen Bevölkerung abzubauen. Dafür müssen sich Muslime innerhalb der eigenen Religion einem kritischen innerislamischen Dialog stellen und sich auch in öffentlichen Diskussionen mehr einbringen. Es darf nicht mehr sein, dass sich radikale Konvertiten anmassen, für die gemässigten Muslime zu sprechen.

El Ashker: Die Schweiz hätte dabei beste Voraussetzungen. Ich war schon Anfang der Neunzigerjahre an Diskussionen zur Integration von Muslimen dabei. Die Schweiz bindet Minderheiten ein, ist multikulturell und pflegt auch eine sehr lokale Kultur. Wichtig ist die Identität einer Region. Das geht auch mit der Religion.

Den innerreligiösen Dialog, den Sie, Frau Smajli, angesprochen haben, gibt es doch gar nicht. Laut Religionsforschern ist eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen religiösen Texten im Islam gar nicht möglich.

El Ashker: Unter den Muslimen findet durchaus ein Austausch statt. Auch Reformbemühungen gibt es. Vielerorts werden Fatwas erlassen: Richtlinien, wie Gläubige in verschiedenen Fragen des täglichen Lebens den Koran zu interpretieren haben. Das hat natürlich Vor- und Nachteile, je nach Thema und Ausrichtung.

Smajli: Es ist möglich, aber dazu braucht es selbstkritisches Denken und Mut. Kommt dazu, dass in der Schweiz nur 10 bis 12 Prozent aller Muslime einem Moschee- oder einem Kulturverein angeschlossen sind. Die Mehrheit der Muslime will nicht von einer Organisation vertreten werden. Dann kommen die Medien und sprechen mit radikalen muslimischen Vertretern, die sich pointiert radikaler ausdrücken. Ich wünsche mir mehr Recherche- statt Sensationsjournalismus.

Wir stellen fest: Gemässigte Muslime verweigern sich oft den Medien. Nach dem Videodreh des Islamischen Zentralrats (IZRS) in Kriens dauerte es lange, bis wir mit dem Moscheeverein beziehungsweise der Dachorganisation Islamische Gemeinschaft Luzern (IGL) sprechen konnten. Und kürzlich hat der Gefängnisimam vom Grosshof in Kriens unsere Anfragen abgewimmelt.

Smajli: Da gibt es tatsächlich ein grosses Problem. Auch wenn in der Schweiz viele starke Frauen den gemässigten Muslimen eine Stimme geben – und das schon, bevor überhaupt der IZRS existiert hat. Es kann aber nicht sein, dass Organisationen, die sich die Integration der Muslime auf die Fahne geschrieben haben, dem öffentlichen Diskurs aus dem Weg gehen.

Woran liegt das?

El Ashker:Es mangelt an professionellen Strukturen und Geld. Und es gibt zu wenig qualifizierte Personen, die öffentlich in Erscheinung treten. Dazu kommt, dass die muslimische Gemeinschaft in der Schweiz sehr stark auf die jeweiligen Herkunftsländer ausgerichtet ist und es nur wenige Vertreter gibt, die in der westlichen Welt sozialisiert sind, sich in unserer Sprache ausdrücken können und sich in muslimischen Fragen auskennen.

Smajli: Es müssen nicht gleich Gelehrte sein, die sich nach innen oder aussen über den Islam unterhalten. Religion ist ein Teil der Gesellschaft. Hier sind alle Akteure zur Mitdiskussion gefordert. Muslime müssen aber auch lernen, sich mit den Vorurteilen auseinanderzusetzen, die man ihnen gegenüber hegt.

El Ashker: Die Mehrheit der Muslime in der Schweiz sind einfache Arbeiter, die einfach aufnehmen, was Imame predigen. Diese Leute zu erreichen, ist eine grosse Herausforderung. Das geht nicht nur über die Moschee. Das Trennen von Politik und Religion muss auch gelernt werden.

Nimmt die IGL ihre Rolle als Dachorganisation genügend wahr?

El Ashker: Die IGL hat den muslimischen Friedhof im Friedental erreicht. Seither wurde es ruhig. Auch da mangelt es an Geld und Strukturen, wie ich gehört habe.

Smajli: Die IGL muss mehr in die Pflicht genommen werden, ganz klar.

Stichwort «professionelle Strukturen»: Welche Rolle haben die Imame?

Smajli: Imame sollten in verschiedenen Fragen aufgeklärt sein und aufklärend wirken. Sie haben eine wichtige Rolle, und dafür müssen sie Verantwortung übernehmen. Tatsache ist, dass in der Schweiz viele ausländische Imame für drei Monate in die Schweiz geflogen werden. Ihnen fehlt der hiesige kulturelle Kontext.

El Ashker: Das sollte man so rasch als möglich unterbinden. Und die Schweizer Behörden müssten auch kontrollieren, was hier gepredigt wird. Solche Leute sprechen zwar dieselbe Sprache wie die Muslime hier, etwa Arabisch oder Bosnisch. Von den Schweizer Werten haben sie aber oft wenig bis keine Ahnung. Umso wichtiger wäre eine Schweizer Imamausbildung, wobei jeder Imam alle sechs oder zwölf Monate obligatorische Weiterbildungen absolvieren muss. Warum sollte es nicht einen Schweizer Islam geben? Geprägt von einem moderaten Islam, verbunden mit Schweizer Werten und Tradition.

Ist das wirklich realistisch?

El Ashker: Ich denke, schon. Es braucht viel Arbeit und Zeit, auch von Schweizer Seite her. Integration ist keine Einbahnstrasse. Dafür braucht es aber auch die finanziellen Mittel, zum Beispiel über eine öffentlich-rechtliche Anerkennung und damit verbunden die Möglichkeit, Steuern zu erheben.

Smajli: Ich bin der Meinung, dass die Mehrheit der Muslime in der Schweiz nicht gut integriert ist – das zeigt sich auch an der niedrigen Einbürgerungsquote. Leider ist auch darum eine solche Anerkennung derzeit nicht realistisch, und sie zu fordern, wäre im Moment eine Provokation. Bis dahin liegt es an den Moscheen, sich zu öffnen. Aber auch die Schweizer Gesellschaft ist in der Pflicht.

Die öffentlich-rechtliche Anerkennung ist im Kanton Luzern im Sand verlaufen. Warum?

El Ashker: Offensichtlich war das politisch nicht durchsetzbar.

Der IZRS-Videodreh in Kriens hat gezeigt, dass viele Jugendliche für radikale Strömungen offen sind.

Smajli:Fundamentalistische Kreise wie der IZRS sind sehr gut organisiert. Sie drängen die Jungen in eine Opferrolle und vermitteln so ein Gemeinschaftsgefühl. Dabei spielt die Religion nur eine Nebenrolle. Serviert wird ein Einheitsbrei aus Koranversen ohne historischen Kontext. Die Ursache des Problems liegt wohl in einer Identitätskrise, die viele junge Muslime der zweiten Generation hier bei uns haben. Ich beobachte eine Reethnisierung: Früher war man Albaner; heute ist man Muslim mit albanischen Wurzeln und hier aufgewachsen.

El Ashker: Umso wichtiger ist es, wenn die muslimischen Kulturvereine den Jugendlichen den nötigen Halt geben. Das Freizeitangebot ist ja vielfach schon da. Man muss es nur aktivieren.

Ist also in erster Linie Basisarbeit gefragt?

El Ashker: Nicht nur. Ich würde es sehr begrüssen, wenn die höchsten Vertreter aller Weltreligionen eine Vereinbarung unterschrieben, sich für den Weltfrieden einzusetzen. Das wäre ein starkes Signal.

Smajli: Zuerst muss der innerislamische Frieden hergestellt werden. Muslime müssen eine Kultur der Selbstkritik entwickeln und sich fragen, warum unsere Religion von Radikalisten und Extremisten missbraucht wird. Mir hat aber imponiert, wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Attentat in Paris alle muslimischen Würdenträger in Deutschland aufgerufen hat, sich einem kritischen innerislamischen Diskurs zu stellen.

Valentina Smajli

Die Vizepräsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam ist Muslimin mit albanisch-kosovarischen Wurzeln. Valentina Smajli (31) ist Luzerner SP-Politikerin und Gewerkschaftssekretärin der Syndicom. Die Frage nach der eigenen religiösen Ausrichtung lässt sie offen, das sei «eine intime Angelegenheit».

Ahmed El Ashker

Der gebürtige Ägypter (61) zog vor knapp 40 Jahren in die Schweiz. Ahmed El Ashker hat in Grosswangen eine Zahnarztpraxis. Der Schweizer war Mitbegründer/Präsident der Luzerner Initiative für Frieden und Sicherheit und hat sich politisch engagiert (FDP/BDP). Er bezeichnet sich als «moderat praktizierenden Muslim».

Rund 13 000 Muslime und sechs Moscheen in Luzern

Gemäss dem Bundesamt für Statistik leben 328 000 Muslime in der Schweiz. In der Zentralschweiz gibt es rund 25 600 Personen muslimischen Glaubens (ab 15 Jahren). Das entspricht einem Anteil von rund 4 Prozent – das sind anteilsmässig gleich viele wie im Kanton Luzern, wo rund 13 000 Muslime gezählt werden.

Die Luzerner Muslime stammen unter anderem aus dem Kosovo, aus Mazedonien, Bosnien-Herzegowina, der Türkei oder Nordafrika. Wie bei anderen Religionen auch gibt es bei den hier lebenden Muslimen einen hohen Anteil, der nicht praktizierend ist. Die anderen nutzen Angebote von Moschee- und Kulturvereinen, die sich jeweils an eine Bevölkerungsgruppe richten. So gibt es zum Beispiel ein Zentrum für bosnische Muslime, einen albanischen Verein oder eine Gemeinschaft für arabisch sprechende Muslime aus Nordafrika. Es bestehen sechs Moscheen, die sich in der Agglomeration von Luzern befinden.

«Wir verurteilen Extremismus»

Dachorganisation der Luzerner Muslime ist die Islamische Gemeinschaft Luzern (IGL). Sie versteht sich als Koordinationsplattform von islamischen Organisationen, Moscheen und Vereinen mit dem Ziel, ein besseres Verständnis zu ermöglichen und gemeinsame Aktivitäten durchzuführen. IGL-Präsident ist Yussuf Sabadia.

Nachdem unsere Zeitung Videodreharbeiten des umstrittenen fundamentalistischen Islamischen Zentralrats Schweiz im Eigenthal und wiederholte Auftritte von Zentralratspräsident Nicolas Blancho in der Stadtluzerner Moschee Barmherzigkeit publik gemacht hatte, reagierte die IGL nach einigen Tagen mit einer Mitteilung. Darin hiess es unter anderem: «Wir verurteilen und distanzieren uns von jeglichen Formen von religiösem, ideologischem und politischem Extremismus, Fanatismus und Gewalt, welche im Namen der Religionen hier und weltweit ausgeübt werden.» Folgende Moscheen und Kulturvereine sind im Kanton Luzern aktiv:

  • Emmenbrücke: Islamisch-Albanische Kulturgemeinschaft (Moschee).
  • Emmenbrücke: Dzemat der Islamischen Gemeinschaft (Moschee).
  • Ebikon: Nur al Huda Verein (Moschee).
  • Luzern: Islamischer Kulturverein – Barmherzigkeit (Moschee).
  • Luzern-Reussbühl: Eyüb-Moschee und Schiitische Gemeinschaft (Gebetsraum).
  • Kriens: Moschee Dar as-Salam.
  • Kriens: Islamischer Frauenverein Luzern.

Harzige Debatte um Anerkennung

Gemäss der Luzerner Kantonsverfassung von 2008 ist es möglich, dass auch nicht-christliche Religionsgemeinschaften öffentlich-rechtlich anerkannt werden. In der Folge wurde die Diskussion um die Anerkennung der islamischen Gemeinschaften analog der drei christlichen Landeskirchen lanciert. Den bis 2011 angekündigten Gesetzesentwurf gab es aber nie. Die Diskussion verlief im Sande – bis sie im März 2014 wieder aufflammte: Das Anerkennungsanliegen wurde mit einem Rechtsgutachten der Universität Luzern gestützt. Die Reaktion der Luzerner Muslime: «Die öffentlich-rechtliche Anerkennung ist nach wie vor ein grosses Ziel von uns», sagte Petrit Alimi, ehemaliger Vizepräsident und heutiger Berater der IGL, im Kontext des Gutachtens.

Die Religionszugehörigkeiten im Kanton Luzern (Stand 2012). (Bild: Grafik Loris Succo / Neue LZ)

Die Religionszugehörigkeiten im Kanton Luzern (Stand 2012). (Bild: Grafik Loris Succo / Neue LZ)