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LUZERN: «Sie hätten nie Kinder haben sollen»

Der Autor Dominik Riedo hat ein Buch über seinen pädophilen Vater geschrieben. Im Gespräch erklärt er, was ihn dazu bewogen hat.
Pirmin Bossart
Der Luzerner Schriftsteller Dominik Riedo hat ein Buch über seinen pädophilen Vater geschrieben. (Bild: PD)

Der Luzerner Schriftsteller Dominik Riedo hat ein Buch über seinen pädophilen Vater geschrieben. (Bild: PD)

Dominik Riedo, welche Gefühle kommen auf, wenn Sie heute an Ihren Vater denken?

Dominik Riedo: Mehrheitlich warme. Ich schätze ihn für alles, was er bis zur Scheidung meiner Eltern und teilweise noch danach für mich getan hat. Allerdings sind diese Gefühle immer wieder durchmischt von leichter Wut oder einem Kopfschütteln über viele seiner Schritte.

Wie haben Sie erfahren, dass ihr Vater pädophil gewesen ist?

Riedo: Er hat es meinem Bruder und mir erst gesagt, als er aus seiner einzigen Untersuchungshaft wieder zu Hause war, 1992. Da war ich achtzehn Jahre alt. Bis dahin habe ich nichts vermutet. Höchstens erspürt. Aber es war ein grosser Schock. Und ich habe entsprechend reagiert.

Sie haben die Geschichte ihres Vaters in Ihrem aktuellen Buch verarbeitet. Sie hätten diesen Stoff auch zu einem Roman fiktionalisieren können: Wa-rum entschieden Sie sich dagegen?

Riedo: Ich wollte ganz bewusst in dieser momentanen Gefühlslage, die sich dann auch in der Sprache niederschlagen sollte, ein Buch machen. Es ist zudem aus einer konkreten Situation heraus entstanden: der Rede, die ich nach seinem Tod bei der Aschenbeisetzung gehalten habe. Von zusätzlichem Vorteil war, dass ich all die Materialien, die mein Vater hinterlassen hat, direkt verwenden konnte. Das ist bei anderen Büchern über Pädophile nicht oder selten vorzufinden.

Hatten Sie Skrupel?

Riedo: Mein grösster Skrupel galt meinem Vater gegenüber und der Frage: Durfte ich all das zitieren? Ich hatte aber schon Jahre vor seinem Tod mit ihm darüber gesprochen, dass ich in irgendeiner Form ein Buch über ihn schreiben werde. Er wusste, dass ich seit Mitte der 1990er-Jahre Material gesammelt hatte. Er versorgte mich mit Zeitungsausschnitten und Berichten über seine Kindheit. Nach seinem Tod fand ich dann seinen an mich gerichteten Umschlag mit einem intimen Lebensrückblick.

Sie geben Einblicke in Ihre Familienverhältnisse, schildern Ihre Gefühle, exponieren sich auch: War Ihnen das alles nicht zu intim?

Riedo: Es war und ist schon so. Aber stellen Sie sich vor, ich hätte alles verschwiegen. Gerade Opfer von sexueller Gewalt verdrängen alles oder, schlimmer noch, werden von der Gesellschaft dazu gedrängt, alles unter den Teppich zu kehren. Ich möchte diesen Menschen sagen, dass man darüber reden soll. Es hilft.

Haben Sie auch Empörung erfahren?

Riedo: Und wie. Schon in den 1980er-Jahren, als mein Vater Primarlehrer war, gab es einen bestimmten Vorfall. Damals wurde von den Behörden alles vertuscht. In diesen Anfängen hat er wohl weniger Ablehnung erlebt als ich mit diesem Buch. Schon nur auf die Ankündigung hin bekam ich Dutzende von Hassmails und -anrufen, die mir vorwarfen, über so etwas schreibe man gefälligst nicht.

Wie haben Freunde, Bekannte und Kollegen auf das Buch reagiert?

Riedo: Von ihnen habe ich glücklicherweise nur Positives gehört. Das zeigt mir auch, dass es mir trotz einiger Sozialkompetenzschädigungen mithilfe von Psychologen gelungen ist, schöne Freundschaften aufzubauen. Autoren-Kollegen haben das Werk gelobt. Was mich am meisten freut, sind Zuschriften von Opfern von Pädophilen oder von anderen Sexualdelikten. Teilweise konnte ich schon ähnlich gelagerte Fälle zu gegenseitigen Treffen ermutigen – was allen Beteiligten bislang neuen Lebensmut gegeben hat.

Fühlten Sie sich verstanden?

Riedo: Ja und nein. Vor allem von Pädophilen kenne ich nun solche, die immer noch denken, sie würden keinem Kind schaden, solange es alles ‹freiwillig› mitmache. Dass umgekehrt von gewissen Menschen kein Verständnis kommt, weil sie schon im Voraus meinen, ich würde alle Pädophilen freisprechen – das überraschte mich nicht. Auf alle anderen, die mit mir diskutieren wollen, lasse ich mich sehr gerne ein. Da fühle ich mich ernst genommen.

Ist das Buch eine reine Selbsttherapie?

Riedo: Wenn es so wäre, hätte ich es nicht veröffentlichen müssen. Eine meiner Hauptabsichten ist aufzuzeigen, dass nicht alles so einfach ist und die Pädophilen immer nur die Bösen sind: Mein Vater wuchs von 1942–1946 im Waisenhaus auf, obwohl seine Eltern lebten. Er wurde auch später massiv traumatisiert. Dazu kommt, dass ein Leben mit dieser Neigung nie einfach ist. Andererseits hat er, wie viele Pädophile, lange nicht gesehen, welchen Schaden er anrichtete bei seinen ‹kleinen Freunden›. Allerdings konnte auch er zum Opfer dieser Jungs werden, die ihn teils erpressten. Wieder andere sind ihm über den Tod hinaus sehr dankbar. Es sind alles individuelle Lebenswege, jenseits einer scheinbaren Normalität.

Geht unsere Gesellschaft adäquat mit den Pädophilen um?

Riedo: Pädophile, die sich nichts zuschulden kommen lassen, sollten alle Hilfe erhalten, damit sie sich ein Leben einrichten können, das trotzdem lebenswert ist. Gerade weil sie sich dafür entscheiden, nicht noch mehr Leiden zu verursachen. Ersttätern müsste man ganz deutlich bewusst machen, was sie anrichten. Erst danach würde ich persönlich bei Tätern viel härter durchgreifen. Wichtig wäre es, in der Gesellschaft, gut hinzuschauen, nichts zu vertuschen, aber umgekehrt auch nicht hysterisch zu sein.

Sie widersprechen im Buch Ihrem Vater heftig, aber manchmal sind Sie auch versucht, ihn in Schutz zu nehmen. Was macht diese Ambivalenz aus?

Riedo: Ich war und bin tatsächlich hin- und hergerissen. Zwischen dem, was er erleiden musste und ihm oft ohne Kenntnis der Sachlage vorgeworfen wurde, und dem, was ich eben dann doch nicht verstand: Dass er so naiv war zu glauben, eine Familie würde ihn ‹heilen›; dass er lange ebenfalls glaubte, die Kinder nähmen nie Schaden, solange sie zu nichts ‹gezwungen› würden; dass er uns so lange nichts gesagt hat; dass er uns anderen Pädophilen ausgeliefert hat und sogar zugelassen hätte, dass sie mit uns Sex gehabt hätten, falls wir das auch ‹gewollt› hätten. Ganz anderer Art ist meine Verständnisschwierigkeit bei seinem Esoterik-Gefimmel und den Verschwörungstheorien. Ich kann es höchstens als Weg einer Sinnsuche deuten, die in seinem Leben so wichtig geworden war. Er war ausgestossen von der Gesellschaft.

Sie selber sind nie ein sexuelles Opfer Ihres Vaters geworden. Haben Sie ihn als guten Vater erlebt?

Riedo: Hinterher fragt man sich natürlich schon, ob er überhaupt je ein guter Vater hat sein können. Aber man darf sich nicht allzu verrückt machen und sich die schönen Erinnerungen alle nehmen lassen. Trotz allem habe ich von ihm mehr menschliche Wärme erfahren als von meiner Mutter. Oft denke ich: Eigentlich hätten sie beide nie Kinder haben sollen.

Interview Pirmin Bossart

Der Autor

Luzern pb. Dominik Riedo (41) ist im Raum Luzern aufgewachsen. Er lebt und arbeitet als Schriftsteller in Bern. Er hat bisher 18 Bücher veröffentlicht und mehrere Auszeichnungen erhalten. In seinem aktuellen Buch «Nur das Leben war dann anders» setzt er sich mit seinem pädophilen Vater auseinander. Schonungslos und betroffen, aber auch unsicher und fragend versucht er, Licht in diese Thematik zu bringen und sich zu vergewissern, was aus ihm selber geworden ist.

Hinweis
Nur das Leben war dann anders. Nekrolog auf meinen pädophilen Vater. Offizin Zürich Verlag GmbH, 2015, 267 Seiten. www.dominikriedo.ch

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