LUZERN: Sie holten Heimkinder vor die Kamera

Ein neuer Dok-Film zeigt den Alltag im Kinderheim Titlisblick. Dafür brauchte die Regisseurin viel Geduld.

Natalie Ehrenzweig
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Filmregisseurin Ursula Brunner (links) und Heimleiterin Judith Haas in einem der Kinderzimmer des Kinderheims Titlisblick. (Bild Pius Amrein)

Filmregisseurin Ursula Brunner (links) und Heimleiterin Judith Haas in einem der Kinderzimmer des Kinderheims Titlisblick. (Bild Pius Amrein)

«Was machsch du do?», fragt das kleine Mädchen, das im Esszimmer des Kinderheimes Titlisblick sitzt. «Die Kinder sind neugierig. Und sie haben ganz schnell die Kamera vergessen», erzählt Dok-Filmerin Ursula Brunner. Sie hat im Kinderheim den Film «Ein Zuhause auf Zeit» gedreht. «Wir möchten den Film vor allem für Öffentlichkeitsarbeit benützen, zum Beispiel für Studierende, wenn neue Mitarbeitende anfangen oder wenn Spender das Kinderheim besuchen kommen», erklärt Heimleiterin Judith Haas.

Zuerst ohne Kamera gekommen

Ursula Brunner hat schon im Februar 2014 mit dem Projekt angefangen, indem sie viel Zeit mit den Kindern verbrachte, ohne die Kamera dabei zu haben. «Im Kinderheim Titlisblick leben meistens 28 Kinder im Alter von 4 Tagen bis 7 Jahre», erläutert Judith Haas. Die Kinder kommen oft in den Titlisblick, weil die Eltern unter Suchtproblemen oder psychischen Krankheiten leiden und nicht genug Kraft haben, sich um die Kinder zu kümmern.

Im Film wird der Alltag im Kinderheim gezeigt. «Wir haben drei Kinder ausgewählt, die sozusagen die Protagonisten sind. Wir wollten möglichst unterschiedliche Kinder, mit deren Geschichte wir möglichst viele der Aspekte des Lebens im Kinderheim zeigen konnten», erzählt Ursula Brunner.

Wenn Ursula Brunner ihre Dok-Filme dreht, sind gewöhnlich Kameramann und Tontechniker dabei. Im Kinderheim machte sie alles selber. «Ich habe noch nie so oft meine Linse geputzt», meint sie. «Ich habe mir extra ein Stativ besorgt, das ich auf die Höhe der Kinder einstellen konnte. Da haben sie gern reingefasst.» Viele Überraschungen hat die Regisseurin im Titlisblick nicht erlebt, denn sie hat schon Filme für das Frauenhaus und das Jugendheim Utenberg gedreht. «Ich war beeindruckt von der Arbeit, die die Betreuer leisten. Was für ein ‹Chrampf› das ist.»

Eins-zu-eins-Betreuung

«Wenn die Kinder eintreten, machen wir ein Foto von ihnen und nehmen die Signalemente auf für den Fall, dass ein Kind entführt würde. Oft müssen wir einen Monat später ein neues machen», sagt Judith Haas und zeigt zwei Bilder des gleichen Jungen. Auf dem einen ist ein blasser kleiner Bub zu sehen, der einen leeren Blick hat. Auf dem zweiten Bild hat er eine viel gesündere Hautfarbe, die Haare sind geschnitten und gekämmt, und die Augen haben wieder einen Glanz. «Bei Kindern in diesem Alter kann man mit guter Betreuung noch viel erreichen. Deshalb haben wir einen sehr guten Betreuungsschlüssel. Auf zwei bis drei Kinder kommt eine Betreuungsperson, bei sehr auffälligen Kindern bieten wir zeitweise eine Eins-zu-eins-Betreuung», betont die Heimleiterin.

Die Kinder werden praktisch alle durch Behörden an den Titlisblick verwiesen. Die Anfangszeit sei deshalb vor allem auch für die Eltern eine schwierige Zeit. «Unsere Mitarbeitenden setzen sich dafür ein, Eltern für eine gute Zusammenarbeit zu gewinnen», sagt Judith Haas. «Dadurch verstehen sie mit der Zeit auch, dass der Aufenthalt hier ihrem Kind guttut.»

Der Dok-Film soll künftig unter anderem bei Führungen durchs Kinderheim gezeigt werden. An der Filmpremiere am 21. Januar im Stattkino Luzern werden neben der Regisseurin auch Emil und Niccel Steinberger anwesend sein. Sie unterstützen den Titlisblick seit Jahren. Allerdings ist die Vorführung nicht öffentlich. Für die Öffentlichkeit ist der Film erst im kommenden Juni zu sehen.

Natalie Ehrenzweig