LUZERN: Sie ist das Herz des Rotkreuz-Notrufs

Erna Lütolf (60) leitet seit 30 Jahren die Abteilung Notruf beim Roten Kreuz. Sie hat rasante technische Entwicklungen und schwere Momente erlebt.

Tamara Lipp
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Erna Lütolf zeigt in ihrem Büro in Luzern ein Armband mit Notrufknopf. Vorne das zugehörige Notrufgerät. (Bild Dominik Wunderli)

Erna Lütolf zeigt in ihrem Büro in Luzern ein Armband mit Notrufknopf. Vorne das zugehörige Notrufgerät. (Bild Dominik Wunderli)

803 betagte, kranke und behinderte Menschen benutzen derzeit im Kanton Luzern die Notrufgeräte des Roten Kreuzes (SRK). Betreut werden sie von einem Büro in der Stadt Luzern aus. Seit der Gründung 1984 mit dabei ist Erna Lütolf, die Leiterin der Luzerner Notruf Abteilung des SRK. Mit einem herzlichen Lächeln und einem festen und doch sanften Händedruck empfängt die 60-Jährige ihre Kunden. Sie zeigt den Interessierten die verschiedenen Notrufsysteme und berät sie bei der Suche nach der passenden Lösung. Jedes Jahr nutzen mehr Leute das SRK-Notrufsystem.

«Betreuung ist das A und O»

Seit den Anfängen 1984 hat sich vieles rasant verändert: Heute sind die Geräte kleiner und vielfältiger als früher. «Ich habe mit fünf Geräten angefangen, die drei Kilogramm wogen», erinnert sich Lütolf. Heute gibt es Geräte mit GPS, Falldetektoren, Überwachungssystem oder Bewegungsmelder. «Einem Älpler empfahl ich ein Gerät mit GPS. So kann er trotzdem noch nach seinen Guschtis schauen. Falls ihm dann etwas passiert, können wir ihn orten.»

«Für mich ist eine vollumfängliche Beratung das A und O», sagt sie. Dazu gehört auch, dass die Benutzer einmal im Monat auf den Knopf drücken müssen, obwohl kein Notfall besteht. Das sei wichtig, denn so werden die Leute an das Notrufsystem erinnert. Passiert das nicht, geht Lütolf dem nach. «Ich hatte eine Frau aus Sursee, die am Rollator umfiel und ganz vergass, dass sie den Notruf hat. Wenn die Benutzer den Knopf mehrmals benutzen, speichert das Unterbewusstsein dies ab.»

Nachts gibt es viele Notfälle

Obwohl die Notrufzentrale in Zürich domiziliert ist (siehe Kasten), hat Erna Lütolf den Überblick über alle Benutzer im Kanton Luzern. Als erstes überprüft sie am Morgen um acht Uhr ihre E-Mails. An einem Tag können bis zu 50 Meldungen bei Erna Lütolf eingehen. «Ich bekomme immer ein Protokoll der Notrufzentrale, so sehe ich, was alles über die Nacht passierte und was noch einzuleiten ist.» Nur bei wirklichen Notfällen wird in der Nacht sofort gehandelt. Bei technischen Ausfällen bietet sie am Morgen einer der zwölf Freiwilligen auf und gibt so die Arbeit weiter. «Die schlimmen Fälle passieren meistens während der Nacht. Manchmal rückt die Ambulanz bis zu viermal aus», sagt Erna Lütolf. Etwa zehn Prozent der Meldungen sind effektive Notfälle mit sofortigen Massnahmen.

Ihr Vater hat 1977 das Inserat für eine Stelle als Arztgehilfin beim Roten Kreuz entdeckt. Damals waren drei Mitarbeiter in Luzern eingestellt – heute sind es rund 30. Seither ist die Dagmersellerin mit den Sommersprossen im Gesicht dem SRK treu geblieben. Sie hatte jedoch einige Jobwechsel: Von der Blutspendezentrale über die Buchhaltung kam sie 1984 zur Notrufabteilung. Dort hat sie in den dreissig Jahren vieles erlebt.

Schweres Gerät

«Wenn ich heute nach Emmetten zum Skifahren gehe, dann fahre ich an diesem Haus am See vorbei. Da habe ich eine meiner ersten Installationen vorgenommen», erzählt Erna Lütolf. Das bliebe ihr noch heute, denn damals musste sie das grosse schwere Gerät unter dem Bett auf Knien installieren, und sie habe den ganzen Nachmittag dafür aufgewendet. Auch schwere Momente gehören zu ihrem Alltag. «Erst kürzlich ging mir ein Fall sehr nahe», sagt sie mit Blick auf den Tisch. Eine langjährige Nutzerin (91) des Notrufs kletterte kürzlich auf den Pflaumenbaum in ihrem Garten, um ein paar Früchte zu ernten. Dabei habe sie sich schwere Verletzungen zugefügt und sei kurz darauf gestorben. «Ich hatte ein schönes Verhältnis mit ihr und konnte einfach nicht verstehen, dass sie ihr Leben wegen ein paar Pflaumen aufs Spiel gesetzt hatte», sagt die gelernte Arztgehilfin.

Ihre Motivation für diese Arbeit hat eine Vorgeschichte: Ihre Eltern hatten einen Bauernhof, und sie wollten möglichst lange zu Hause bleiben. «Als meine Mutter ins Altersheim kam, verlor sie sehr schnell ihren Orientierungssinn. Zu Hause hatte sie sich immer zurechtgefunden.» Der Notruf helfe vielen Menschen, möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben, das erfreue sie.

Weihnachtspakete und Kleider

In Lütolfs kleinem Büro hängt ein Poster eines Sonnenuntergangs aus Sardinien, neben der Tür ein Kalender mit afrikanischen Bildern. Eine dezente persönliche Dekoration: Sie hat zwei Patenkinder, eines in Kenia und das andere in Uganda. Erna Lütolf reist viel und gerne. Nun steht die 60-Jährige kurz vor der Pensionierung. Doch ihre soziales Engagement wird nicht einfach enden. Bereits jetzt unterstützt sie in ihrer Freizeit verschiedene humanitäre Projekte. Momentan macht sie beispielsweise Weihnachtspakete für Bedürftige oder sammelt Kleider. «Nach meiner Pensionierung möchte ich mich darauf konzentrieren.»