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LUZERN: Siedlungen verdrängen Landwirtschaft

In nur 24 Jahren sind im Kanton neue Siedlungsflächen von fast der Grösse des Zugersees entstanden. Die Bevölkerung wächst weiter – und braucht mehr Platz als früher.
Alexander von Däniken
Ein Blick auf Sursee: Zwischen 1967... (Bild: ETH-Bibliothek Zürich/Hans Krebs/Somorjai Zsolt)

Ein Blick auf Sursee: Zwischen 1967... (Bild: ETH-Bibliothek Zürich/Hans Krebs/Somorjai Zsolt)

Alexander von Däniken

Es wird enger in der Schweiz: Alleine in den letzten 24 Jahren hat die Siedlungsfläche um knapp einen Viertel zugenommen. Das entspricht der Grösse des Genfersees, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) schreibt. Zur Siedlungsfläche gehören Wohn- und Arbeitsgebäude, Strassen, Gleise oder auch Industrieareale. Im kantonalen Vergleich besonders stark «zersiedelt» worden ist der Kanton Luzern: Hier wuchsen die Siedlungsflächen zwischen 1982 und 2006 um 31,7 Prozent an (siehe Grafik), was 34,6 Quadratkilometern oder knapp der Fläche des Zugersees entspricht.

Bild: Quelle: BFS / Grafik: Lea Siegwart

Bild: Quelle: BFS / Grafik: Lea Siegwart

Das überdurchschnittliche Wachstum erklärt Sven Zeidler, Leiter der kantonalen Dienststelle Raum und Wirtschaft, mit der geografischen Lage: «In den Wachstumsjahrzehnten ab 1960 hat die Dynamik zuerst in den Metropolitanräumen Zürich, Genfersee-Region, Basel und im Mittelland eingesetzt. In einer zweiten Entwicklungsphase ab 1990 ging der Siedlungsdruck zunehmend auch in angrenzende Kantone über, darunter auch Luzern.» Aus volkswirtschaftlicher Sicht sei diese Entwicklung durchaus erfreulich.

Immer mehr grosse Bauernhöfe

Dem Siedlungswachstum fiel allerdings in erster Linie die Landwirtschaftsfläche zum Opfer. Diese schrumpfte um knapp 33 Quadratkilometer oder 4 Prozent. Die Folge: Weil auch die Zahl der Bauernhöfe seit Jahren um rund 1,5 Prozent pro Jahr abnimmt, gibt es immer mehr grosse Bauernbetriebe. Dadurch steigt der Druck auf die Betriebsleiter, wie Stefan Heller, Geschäftsführer des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands, in der «Zentralschweiz am Sonntag» vom 18. Juli erklärte: «Vielerorts schmeisst ein Bauer seine Liegenschaft im Alleingang. Das führt auch zusehends zur Isolation.»

Immerhin nehmen Böden für Obst-, Reben- und Gartenbau, Äcker, Naturwiesen und Alpen mit 53,4 Prozent noch immer den Grossteil des Luzerner Bodens ein. Es folgen Wälder mit 30 Prozent (kaum verändert), die Siedlungsflächen und unproduktive Flächen wie Seen oder Flüsse mit 7 Prozent der Gesamtfläche. Laut Zeidler hat durch das Siedlungswachstum aber auch das Landschaftsbild gelitten, weil etwa neue Strassen gebaut wurden.

Raumplanung vernachlässigt

Hat der Kanton die Zersiedelung zu nachlässig verfolgt? Christoph Hauser, Professor für Standortpolitik an der Hochschule Luzern: «Es mag sein, dass generell in der Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten die Grundsätze der Raumplanung zu wenig beachtet worden sind – etwa wegen des Föderalismus.» Zu den Grundsätzen zählen namentlich die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Kanton und Bund, aber auch die Abstimmung mit dem öffentlichen Verkehr. Sven Zeidler bestätigt Hausers Eindruck: «Weil die Überbauungs- und Bebauungsweise in den Gemeinden vor allem in den 80er- und den 90er-Jahren eher ‹locker› war – Stichwort: Einfamilienhauszonen –, hat sich dies direkt auf das Wachstum der Siedlungsfläche ausgewirkt.»

In den letzten Jahren hat laut Zeidler und Hauser jedoch ein Umdenken stattgefunden; die Zusammenarbeit der staatlichen Organe funktioniere besser, der kantonale Richtplan sieht Neueinzonungen nur in Ausnahmefällen vor. «Darum gehe ich davon aus, dass die Siedlungsfläche in den nächsten Jahren stagnieren wird», so Hauser. Der Richtplan sieht unter anderem vor, dass zentrale, gut erschlossene Gemeinden stärker wachsen dürfen als ländlicher gelegene Gemeinden. Als Ausgleich müssen die ländlichen Gemeinden ihre Siedlungen weniger stark verdichten. «Dass in einem Dorf ein Hochhaus steht, ist auf längere Sicht ausgeschlossen.»

Bald über 400 000 Einwohner

Damit ist das Problem aber nicht gelöst. Denn die Bevölkerung im Kanton Luzern ist zwischen 1982 und 2006 um einen Fünftel auf rund 360 000 Einwohner gewachsen. Und das Wachstum geht weiter, wie Lustat Statistik Luzern berechnet hat. In 20 Jahren dürften über 430 000 Einwohner im Kanton leben. Das von Raumplanern und Behörden propagierte Zauberwort heisst «inneres Verdichten». Bestehende Wohn- und Arbeitszonen sollen besser ausgelastet werden, indem entweder in die Höhe gebaut oder Ein- in Mehrfamilienhäuser umgewandelt werden.

Doch gerade beim letztgenannten Punkt sind Fachleute skeptisch. Die Nachfrage nach Einfamilienhäusern mit Garten ist trotz gestiegener Preise noch immer sehr hoch. Christoph Hauser vermutet, dass der Wunsch nach einem eigenen Haus kulturell begründet ist. Und: «Eigentlich kommen viele in der Nachkriegszeit geborene Personen, die in einem Haus leben, seit den letzten Jahren in ein Alter, in welchem sie aus praktischen Gründen in eine Wohnung ziehen könnten. Dieser Effekt macht sich aber noch nicht bemerkbar.»

Platzbedarf steigt

Noch etwas bereitet den Fachleuten Sorgen: Es gibt nicht nur immer mehr Einwohner, sie brauchen auch immer mehr Platz. Alleine der Platzbedarf für das Wohnen stieg pro Kopf in den letzten 20 Jahren um rund 12 auf 45 Quad­ratmeter. Wird auch der Platzbedarf von Strassen und Arbeitsplätzen dazugerechnet, stieg dieser im Kanton Luzern pro Person von 363,2 Quadratmetern im Jahr 1982 auf 398,7 Quadratmeter im Jahr 2007.

«Für die nächsten Jahre gibt es noch Reserven. Es ist nun die grosse Frage, wie dieser Trend langfristig weitergeht», erklärt Hauser. Wann der Kanton Luzern an seine Kapazitätsgrenzen stösst, kann er nicht beantworten: «Dafür ist der Zeithorizont für die wichtigen Richtpläne zu kurz, und die künftige Entwicklung der Einwohnerzahl ist noch unklar. Sicher ist, dass sich spätere Generationen noch stärker mit der Raumplanung befassen müssen.» Gemeindefusionen spielen laut Hauser dabei eine eher unbedeutende Rolle. Raumplanerisch würden sie nur Sinn machen, wenn die Gemeinden schon zusammengewachsen sind. «In solchen Fällen wird aber schon jetzt gut zusammengearbeitet.»

Reserven für 70 000 Einwohner

Laut Zeidler reichen die Reserven in den bereits ausgeschiedenen Wohnzonen noch für 60 000 bis 70 000 Einwohner. «Das erwartete Bevölkerungswachstum kann damit grundsätzlich in den bestehenden Reserven aufgefangen werden.» Der neue kantonale Richtplan verpflichte die Gemeinden zudem, die rechtskräftig ausgeschiedenen Bauzonen besser auszunutzen und eine verdichtete Bauweise umzusetzen. «Im Kanton wird somit der Platz nicht ausgehen, zumal in gut erschlossenen und zentralen Lagen neue Einzonungen bei Bedarf auch unter dem neuen Raumplanungsgesetz möglich und zweckmässig sind.» Der Richtplan wird diesen Herbst dem Kantonsrat vorgelegt. Stimmt das Parlament zu, muss der Richtplan auch vom Bund genehmigt werden, was wohl 2016 der Fall sein wird.

...und 1993 hat sich die Siedlungsfläche stark vergrössert. (Bild ETH-Bibliothek Zürich, Hans Krebs/Somorjai Zsolt)

...und 1993 hat sich die Siedlungsfläche stark vergrössert. (Bild ETH-Bibliothek Zürich, Hans Krebs/Somorjai Zsolt)

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