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LUZERN: Sitzenbleiben wird zum Notfall

Immer weniger Schüler repetieren eine Klasse. Grund: Der Nutzen wird stark bezweifelt. Künftig will der Kanton keinen Notenschnitt mehr vorschreiben, um in die nächste Klasse zu kommen.
Roseline Troxler/Mitarbeit: Alexander von Däniken
Schwache Primarschüler (Symbolbild) sollen im Kanton Luzern ab dem Schuljahr 2017/18 auch mit Noten unter 3,5 in die nächste höhere Klasse steigen können. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Schwache Primarschüler (Symbolbild) sollen im Kanton Luzern ab dem Schuljahr 2017/18 auch mit Noten unter 3,5 in die nächste höhere Klasse steigen können. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Roseline Troxler

Noch vor wenigen Jahren gehörte das Repetieren einer Klasse zum Schulalltag. Die Zahl der Schüler, die eine Klasse wiederholen, ist aber rückläufig, wie es bei der Dienststelle Volksschulbildung heisst. Leiter Charles Vincent sagt auf Anfrage: «Die Repetitionsquote beträgt im Kanton Luzern für öffentliche und private Schulen 1,7 Prozent.» Vor zehn Jahren befand sich die Zahl noch bei 2,5 Prozent. Mit 1,9 Prozent ist die Quote der wiederholenden Luzerner Primarschüler höher als die der Sekundarschüler mit 1,4 Prozent. Unter die Quote der Sekundarschule fallen auch die Wechsel des Anforderungsniveaus. Generell repetieren mehr Knaben als Mädchen.

Ausnahme: Krankheit oder Unfall

Charles Vincent sagt zur Entwicklung der Repetitionsquote: «Die Zahl der Repetenten wird weiter zurückgehen. Die Repetition soll nur noch in Ausnahmefällen wie bei längerer Krankheitsabwesenheit oder bei einem Unfall erfolgen.» Untersuchungen hätten aufgezeigt, dass eine Klassenwiederholung in der Regel nicht viel bringe. «Nach kurzer Zeit ist die Leistungssituation wieder gleich, wenn nicht zusätzliche Förderungsmassnahmen eingesetzt werden.»

Dem pflichtet Annamarie Bürkli, Präsidentin des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbands, bei: «Beim Repetieren macht das Kind zu Beginn noch motiviert mit. Dies lässt aber bald nach, weil doch schon vieles bekannt ist und fast kein Leistungszuwachs aus der Wiederholung resultiert.» Hanni Lötscher von der Pädagogischen Hochschule Luzern verweist auf eine Untersuchung zu Klassenwiederholungen in der ganzen Schweiz: «Dabei wurde festgestellt, dass der Vorsprung von Repetierenden bereits am Ende des Repetitionsjahres nicht mehr vorhanden ist und sich bis zum Ende des nächstfolgenden Jahres gar in einen Rückstand verwandelt.»

Lernziele noch stärker anpassen

Statt ein Jahr zu wiederholen sollen künftig bei Schülern, die ihren Kollegen hinterherhinken, noch vermehrt die Lernziele angepasst werden. Dies geschieht laut Vincent bereits heute bei rund einem Kind pro Klasse. Davon ausgenommen sind Schüler mit integrierter Sonderschulung. «Die Reduktion der Lernziele ist in den einzelnen Fächern unterschiedlich ausgeprägt.» Sie komme vor allem in den Fächern Mathematik, Deutsch und den Fremdsprachen vor. Die Idee stammt nicht aus Luzern, sondern aus einem unverbindlichen Konzept der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz, die auch Neuerungen für den Kindergarten vorsieht (siehe Box).

Wenn bei einem Kind die Lernziele angepasst werden, arbeitet es laut Bürkli in diesem Fach mit Hilfe einer Lehrperson für Integrierte Förderung auf seinem Niveau an den Grundfertigkeiten. «Das Kind wird in seinem Selbstwertgefühl gestärkt, weil es mehr Erfolgserlebnisse in seinem schwächsten Fach hat.» Es könne sich besser auf die übrigen Anforderungen konzentrieren. Ein weiterer Vorteil: Das Kind bleibe in seiner Klasse. Zu den Folgen für die Lehrer sagt Bürkli: «Sind die Lernzielanpassungen gesprochen, ist dies einerseits eine Entlastung für die Lehrperson, andererseits müssen Extraprogramme in Zusammenarbeit mit der Förderlehrperson bereitgestellt werden, was zu Mehrarbeit führt.» Der Weg bis zur Anpassung von Lernzielen sei lang und setze mehrere Elterngespräche voraus. «Meist wird das Kind dann zunächst beim schulpsychologischen Dienst abgeklärt.»

Kein bestimmter Schnitt mehr nötig

Künftig will der Kanton noch einen Schritt weiter gehen. «Das Festlegen einer Steignorm ist nicht mehr vorgesehen. Sie steht bereits heute nicht mehr im Zentrum des Entscheids», sagt Vincent. Eine grössere Rolle würden die geeigneten Fördermassnahmen spielen, wenn ein Kind Probleme im Unterricht habe.

Steignorm heisst: Heute muss ein Primarschüler einen Notenschnitt von 3,5 erreichen, damit er in die nächste Klasse kommt. In der Sekundarschule liegt der Schnitt bei der Note 4,0. Erreicht ein Sekundarschüler diesen Schnitt nicht, muss er in der Regel nicht wiederholen, sondern kommt in ein tieferes Anforderungsniveau – etwa ins Niveau B statt A.

«Steignorm überflüssig»

Auf die Einführung des Lehrplans 21 soll die Verordnung zur Steignorm angepasst werden. Der Lehrplan 21 wird auf der Primarstufe im Schuljahr 2017/18 eingeführt. «Statt eines bestimmten Notenschnitts wird in der Verordnung festgeschrieben, dass bei Schülern mit ungenügender Leistung die Lernziele angepasst werden», erklärt Vincent. Annamarie Bürkli begrüsst, dass die Steignorm geändert wird. «Wenn ein Kind nicht mehr in allen Fächern Noten erhält, kann der Durchschnitt nicht mehr ermittelt werden. Die punktuelle Entlastung des Kindes durch integrative Förderung macht eine Steignorm überflüssig und ist heute schon Realität.» Hanni Lötscher sagt: «Mit der Abschaffung der Steignorm wird wohl deutlich gemacht, dass ein Promotionsentscheid nicht an das Zusammenzählen und Durchschnittsberechnen von Zahlen delegiert werden kann.»

Kritik von SVP und Gewerbe

Die Pläne des Kantons stossen aber nicht überall auf Zustimmung. SVP-Kantonsrätin Barbara Lang (Hellbühl) hat sich 2013 für eine Erhöhung des Notendurchschnitts für Primarschüler von 3,5 auf 4 starkgemacht – ihr Postulat wurde vom Parlament allerdings abgelehnt. Lang sagt zur neusten Entwicklung: «Das hilft weder den Kindern noch den Eltern oder den Lehrern.» Letztere würden durch das verstärkte individuelle und integrierte Fördern noch mehr gefordert, befürchtet Lang. Sie weiss zudem von Eltern, die sich für die Entwicklung ihrer Kinder in der Schule Zeit lassen wollen. Diese Zeit fehle durch die Reformen auch den lernstarken Kindern, weil die Lehrer ihre Aufmerksamkeit immer mehr auf lernschwache Kinder richten müssen. «Spätestens nach der Oberstufe werden die Kinder von der Realität eingeholt. Denn bei Lehrbetrieben und Berufsschulen gilt das Leistungsprinzip. Um dieses zu beurteilen, braucht es klare Beurteilungen.»

Auch Roland Vonarburg, Präsident des kantonalen Gewerbeverbands, schüttelt ob der angekündigten Reformen den Kopf: «Damit wird der Weg des geringsten Widerstands eingeschlagen. Nur hört der Weg spätestens bei Lehrbeginn auf. Denn die Berufsbildung ist leistungsorientiert wie die Berufswelt. Wenn die Jugendlichen erst jetzt mit leistungsorientierten Beurteilungen konfrontiert werden, kann das zu grossen Problemen führen.» Die Berufswelt könne sich nicht auf die Schule einstellen. «Darum muss sich die Schule nach den beruflichen Bedürfnissen ausrichten.»

Mitarbeit: Alexander von Däniken

Konzept: Zeugnisse für Kindergärtler

avd. Nicht nur bei Primar- und Sekschülern soll der Hebel angesetzt werden. Geht es nach einem Konzept der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren, könnten künftig auch Kindergärtlern Zeugnisse ausgestellt werden. Allerdings soll es dabei erst um eine Bestätigung des Besuchs und nicht um eine Beurteilung gehen. Denkbar wäre aber auch die frühe Aufzeichnung von Verhaltensweisen der Mädchen und Knaben, wie die «NZZ am Sonntag» berichtet. Der Vorschlag habe keine Verbindlichkeit, betonen die Erziehungsdirektoren. Für die Gestaltung der Zeugnisse sollen weiterhin die Kantone verantwortlich sein.

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