LUZERN: So stark steigen die Schulkosten

Die Kosten für die Volksschule sind in 20 Jahren um fast 300 Millionen Franken gewachsen. Und das bei gleich bleibender Schülerzahl. Teuer sind die vielen Standorte für Sekundarschulen.

Lukas Nussbaumer
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Die Bildungsausgaben und Schülerzahlen von Kanton und Gemeinden. (Bild: Lustat Statistik Luzern/ Grafik Janina Noser)

Die Bildungsausgaben und Schülerzahlen von Kanton und Gemeinden. (Bild: Lustat Statistik Luzern/ Grafik Janina Noser)

Lukas Nussbaumer

Die Zahlen sind eindrücklich: 1992 wendeten Kanton und Gemeinden für die obligatorische Schule zusammen etwas mehr als 500 Millionen Franken auf. Inzwischen sind es über 800 Millionen (siehe Grafik). Neuere Zahlen als jene aus dem Jahr 2011 gibt es nicht. Die seit 1992 angelaufene Teuerung von rund 20 Prozent abgerechnet, ergibt sich eine Kostensteigerung von 230 Millionen Franken – bei einer gleich bleibenden Schülerzahl von rund 43 000.

Gründe für diese massive Zunahme der Ausgaben gibt es viele, wie Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern, erklärt. Die vier wichtigsten sind:

  • Klassengrössen: Diese liegen momentan bei 17 bis 18 Schülern. 1992 zählte eine durchschnittliche Klasse noch über 20 Schüler. Laut Vincent können Lehrer heutzutage aus verschiedenen Gründen nicht mehr gleich unterrichten wie vor 20 Jahren, was die Reduktion der Schülerzahlen rechtfertige. Vincent: «Die Kinder müssen individueller betreut werden. Das steigert die Qualität des Unterrichts und zeigt, dass wir eine attraktive und aktuelle Volksschule sind.»
  • Lehrerlöhne: Eine Lohnerhöhung von durchschnittlich 1 Prozent verursacht pro Jahr Kosten von rund 6 Millionen Franken. Im aktuellen Jahr beträgt die Lohnzunahme 0,8 Prozent. Es gab allerdings Jahre, wo die Löhne um bis zu 2,5 Prozent wuchsen. Laut Vincent hat sich dadurch seit 1992 eine Kostensteigerung von etwa 120 Millionen Franken ergeben. Die Lehrerlöhne im Kanton Luzern bewegen sich auf einem ähnlichen Niveau wie im Kanton Schwyz. Im Vergleich zum Kanton Zug liegen sie deutlich tiefer. An der Besoldung der Luzerner Lehrer zu sparen, wäre deshalb falsch, findet Vincent. So verdienen Luzerner und Schwyzer Primarlehrer im elften Berufsjahr rund 98 000 Franken brutto pro Jahr. Im Kanton Zug beträgt der Lohn nach gleich vielen Dienstjahren 111 000 Franken, im Kanton Zürich 110 000 Franken.
  • Lehrerstellen: Nach oben entwickelt hat sich auch die Zahl der Vollzeit-Lehrerstellen auf der obligatorischen Schulstufe. Sie beträgt aktuell gut 3600. Vor 20 Jahren waren es 270 Stellen weniger.
  • Neue Unterstützungsangebote: Es wurden Tagesstrukturen, die Schul­sozialarbeit oder die integrative Sonderschulung eingeführt. Das hat Mehrkosten von etwa 25 Millionen verursacht.

Sonderschulen zahlt neu der Kanton

Zu einem Kostenschub führte 2008 auch eine Änderung der Finanzierung bei den Sonderschulen. Diese wurde im Zusammenhang mit dem neuen Finanzausgleich den Kantonen übertragen. Im Kanton Luzern ergaben sich daraus Mehrkosten von 45 Millionen Franken.

Bessere Auslastung in Obwalden

So eloquent Vincent die Kostenexplosion bei den Volksschulen begründet und so nachvollziehbar diese erscheinen: Im Vergleich mit anderen Kantonen gibt Luzern für die Bildung viel aus, nämlich rund 30 Prozent der Gesamtausgaben. Im Kanton Obwalden etwa beträgt der Anteil der Bildungsausgaben bloss 25 Prozent.

Für Vincent sind diese kantonalen Unterschiede gut erklärbar. So könne Obwalden seine Schulen mit lediglich sieben Gemeinden viel besser auslasten als Luzern mit 82 Schulgemeinden. Dazu komme, dass die Strukturen auf der Sekundarstufe im Kanton Luzern vergleichsweise grosszügig seien. Konkret: 45 Gemeinden führen Sekundarschulen. Zudem habe Obwalden eine wesentlich tiefere Quote an zweisprachigen Kindern.

Wyss krebst zurück

Charles Vincent ortet denn auch insbesondere bei den Strukturen auf der Sekundarstufe Sparpotenzial. Schliesslich haben sich die Kosten für die Sekundarstufe in 20 Jahren verdoppelt (siehe Grafik). Dort wollte auch Vincents Vorgesetzter, Bildungsdirektor Reto Wyss, den Hebel ansetzen. So sagte der CVP-Magistrat bei der Präsentation des neuen Legislaturprogramms am 24. September vor den Medien: «Die Begrenzung der Strukturvielfalt an den Sekundarschulen hat absolute Priorität.»

Jetzt, etwas mehr als drei Wochen später, sagt Wyss auf Anfrage: «Die Beschränkung der Sek-Standorte steht derzeit nicht zur Debatte und muss allenfalls in einem ganzheitlichen Konzept beurteilt werden.» Er wolle diese Idee zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter kommentieren. Und: «Zudem will ich nicht leichtfertig von der Konsolidierungsphase in der Volksschule abweichen und neue Reformen umsetzen.»

SVP und FDP: «Strukturen prüfen»

nus. Die sechs im Kantonsrat vertretenen Parteien beurteilen die Kostenexplosion bei der obligatorischen Volksschule unterschiedlich, wie die Umfrage unserer Zeitung zeigt.

CVP

Parteipräsident Pirmin Jung bezeichnet die Bildung als «unser grösstes Gut, das auch etwas kosten darf». Er gehe davon aus, dass die Kosten bei der Volksschule begründet seien. Neue Angebote wie der zweijährige Kindergarten, Tagesstrukturen und der frühe Fremdsprachenunterricht seien durch Parlaments- oder Volksentscheide demokratisch beschlossen worden. Er sei sicher, dass die Kosten in den letzten 20 Jahren auch bei anderen Aufgaben gewachsen seien.

SVP

«Das Problem der unglaublich gestiegenen Kosten liegt mit Sicherheit bei den Strukturen. Seit Jahren herrscht bei den Schulen eine wahre Reformitis», sagt Parteipräsident Franz Grüter. Eine Entschlackung des Bildungsapparats sei «zwingend notwendig, da die Kosten klar zu hoch sind». Dazu brauche es eine entschlossene Führung durch die Regierung. «Eine Senkung der Kosten heisst nicht, dass die Bildung der Schüler schlechter wird», findet Grüter.

FDP

Parteipräsident Peter Schilliger vermisst schon seit langem eine Grundsatzdiskussion über Strukturen. Jedes Unternehmen habe die Verpflichtung, effizienter zu werden – das gelte auch für den Kanton. Schilliger: «Die Kosten für die Volksschule sind tendenziell zu hoch. Die Gleichung ‹weniger Geld heisst schlechtere Bildung› unterschreibe ich jedenfalls nicht. Die Strukturen auf der Volksschule müssen überprüft werden.»

SP

SP-Präsident David Roth ist anderer Meinung als Peter Schilliger. Die angebotenen Leistungen seien demokratisch beschlossen worden – «damit sind auch die Kosten gerechtfertigt». Die Struktur der Schulen zu verändern, würde für Roth einen Rückschritt bedeuten. Bei den Lehrerlöhnen sei Luzern «bald nicht mehr konkurrenzfähig mit vergleichbaren Kantonen».

Grüne

Für Co-Präsidentin Katharina Meile ist klar: «Die Kosten für die Bildung sind bezogen auf das, was man von ihr fordert, eher tief angesetzt.» Neue Angebote wie der zweijährige Kindergarten oder der frühe Fremdsprachenunterricht seien nicht gratis zu haben. Die Kosten dafür seien gerechtfertigt. «Wir wollen eine gute Bildung, sie ist unsere Ressource», sagt Meile.

GLP

Präsidentin Laura Kopp würde eine strukturelle Überprüfung des Bildungsbereichs begrüssen. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass Bildung unsere einzige Ressource sei und dass die Anforderungen an die Volksschule gestiegen seien. Klar ist für Kopp: «Die Ausgaben für die Volksschule sind gerechtfertigt. Sparpotenzial gibt es im universitären Bereich.»