LUZERN: So ticken unsere jungen Muslime

Die Aktivitäten des Islamischen Zentralrats sind auch für junge Luzerner Muslime verlockend. Die hiesigen Moscheen haben hingegen grosse Mühe, die Jungen zu erreichen.

Benno Bühlmann
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Junge Luzerner in einer Moschee in Emmenbrücke (von links): Jasmir (22), Milaim (19) und Vatan (23). (Bild: Benno Bühlmann)

Junge Luzerner in einer Moschee in Emmenbrücke (von links): Jasmir (22), Milaim (19) und Vatan (23). (Bild: Benno Bühlmann)

Benno Bühlmann

Es ist Mittwochabend, 19.30 Uhr. Drei Jugendliche muslimischen Glaubens haben sich in einer Moschee in Emmenbrücke eingefunden und nehmen gemeinsam am Abendgebet teil. Ein gutes Dutzend Männer viele davon sind mehr als 50 Jahre alt – sprechen das traditionelle «Allahu akbar» (Gott ist gross) und verbeugen sich in Richtung Mekka. Milaim (19), Jasmir (22) und Vatan (23) haben bereits als Kind oft mit ihrem Vater die Moschee besucht und schätzen es, beim regelmässigen Gebet etwas vom Alltagsstress abschalten zu können. Die drei Jugendlichen sind in der Schweiz aufgewachsen, gut integriert und wollen auch beruflich etwas erreichen: Milaim besucht die Fachmittelschule in Luzern, Jasmir will die Berufsmatura in Medizintechnik absolvieren, und Vatan arbeitet als Personalberater in der Stellenvermittlung. Ihre Freizeit verbringen sie oft gemeinsam in der Natur, gehen grillieren oder fahren Snowboard.

«Aufregung um Film übertrieben»

Die drei muslimischen Jugendlichen hatten auch via Facebook mitbekommen, dass der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) am 9. November in Kriens Dreharbeiten für einen Werbefilm im Vorfeld der geplanten Jahreskonferenz des IZRS plante. «Da ich selber gerne Filme mache, fühlte ich mich von diesem Angebot ebenfalls angesprochen und beteiligte mich deshalb an dieser Aktion», erklärt Vatan. «Die ganze Aufregung rund um diesen Film ist völlig übertrieben», meint Jasmir und betont, dass der Film lediglich das Zusammengehörigkeitsgefühl der Muslime in der Schweiz zum Ausdruck bringen wolle und überhaupt nichts mit der IS-Propaganda zu tun habe. Das sieht auch Milaim so: «Wir distanzieren uns von den Gräueltaten, die IS-Aktivisten im Norden Iraks begehen. Diese haben im Islam keine Basis.»

Kinder lernen Respekt und Toleranz

Die drei Jugendlichen, die sich an diesem Abend zum Meinungsaustausch in der Bibliothek der Moschee eingefunden haben, gehören nicht zum Durchschnitt der muslimischen Jugendlichen im Kanton Luzern. Denn es sind weit weniger als 10 Prozent, die regelmässig die Moschee besuchen und dort an Gebeten teilnehmen.

Das bestätigt auch Izeta Saric, die zusammen mit zwei weiteren Personen für den Religionsunterricht der muslimischen Kinder verantwortlich ist. «Wöchentlich nehmen in unserer Moschee etwa 100 Kinder im Alter von 6 bis 15 Jahren am Islamunterricht teil. Wir erzählen ihnen viele Geschichten, lernen Verse aus dem Koran und möchten ihnen auch wichtige Werte vermitteln, wie beispielsweise den Respekt gegenüber allen Lebewesen, die Gott geschaffen hat Menschen und Tiere.» Auch die Einübung der Toleranz gegenüber anderen Religionen sei ein wichtiges Anliegen in ihrem Unterricht, betont die junge Muslimin aus Horw, die selber dreifache Mutter ist. Mit ihrem Unterricht erreiche sie vor allem Kinder im Primarschulalter, die aus stabilen Familienverhältnissen stammen und einen «gemässigten Islam» praktizieren.

Bedeutend schwieriger sei es hingegen, Jugendliche im Alter von 15 bis 25 Jahren zu erreichen: «In unserer Moschee hatten wir vor zehn Jahren noch einen aktiven Jugendclub mit regelmässigen Veranstaltungen, doch seit etwa zwei Jahren ist da leider nicht mehr viel los.»

«Vakuum» bei der Jugendarbeit

Diese Entwicklung beobachtet auch Jürgen Endres vom Zentrum für Religionsforschung (ZRF) der Universität Luzern: Das heute vorhandene «Vakuum» in der Jugendarbeit der lokalen Moscheevereine biete dem Islamischen Zentralrat Schweiz eine Gelegenheit, um den Kontakt zu den Jugendlichen zu intensivieren, meint Endres: «Der IZRS macht sehr professionelle Öffentlichkeitsarbeit und ist vor allem auf sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Youtube, die bei Jugendlichen beliebt sind, sehr präsent.» Diese Auftritte seien in ihrer Ausgestaltung durchaus vergleichbar mit Freikirchen im christlichen Kontext, die bei ihrer Werbung ebenfalls Elemente der modernen Jugendkultur einbeziehen und so ihre eher konservativ ausgerichteten Inhalte in «moderner Verpackung» präsentieren können.

Auch Samuel Behloul, der in den vergangenen Jahren ebenfalls an diversen Forschungsprojekten der Uni Luzern zum Thema «Junge Muslime in der Schweiz» beteiligt war, sieht in der aktuellen Entwicklung einige Herausforderungen, die ernst zu nehmen seien: «Seit dem 11. September 2001 haben wir viel in die Sicherheit und in die Überwachung investiert, aber zu wenig in die Jugendarbeit und damit in die Prävention. Man kann nicht genug betonen, wie viel zum Beispiel Jugendarbeit in den Moscheen bewirken kann», meint Behloul: «An der Uni Luzern haben wir ein Projekt über die Aktivitäten muslimischer Jugendgruppen in der Schweiz durchgeführt. Dabei haben wir gesehen, wie viel Sozialkapital beteiligte Imame, Präsidenten von Moscheevereinen und engagierte Jugendliche generieren und wie viel Integrationsarbeit gratis geleistet werden kann, ohne dass der Staat oder der Kanton davon Notiz nimmt.»

Arbeit der Moscheen anerkennen

Behloul fügt hinzu: Wenn einer zunehmenden Radikalisierung innerhalb des Islam entgegengewirkt werden soll, dann müsse diese Arbeit der lokalen Moscheen endlich anerkannt und auch unterstützt werden auch von Seiten der Politik. «Und es braucht in Zukunft eine noch stärkere Kooperation auf Gemeindeebene», zeigt sich Behloul überzeugt.