LUZERN: So viele Ziviltrauungen wie nie

In der Stadt Luzern geht 2014 als Rekordjahr in die Geschichte ein: Noch nie wurde so viel geheiratet. Den Boom spüren aber nur die Standesbeamten – die Kirchen bleiben immer häufiger unbenutzt.

Yasmin Kunz
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Ilona Tsiagas und Ralph Harvey gaben sich am 24. April im Luzerner Rathaus das Jawort. (Bild Corinne Glanzmann)

Ilona Tsiagas und Ralph Harvey gaben sich am 24. April im Luzerner Rathaus das Jawort. (Bild Corinne Glanzmann)

Genau 630 Paare haben sich im letzten Jahr in der Stadt Luzern getraut. Das sind so viele wie noch nie, wie Madlen Brunner, Leiterin des Zivilstandsamts Stadt Luzern, sagt. Und der Trend zum Heiraten geht unvermindert weiter. «In Spitzenzeiten lassen sich zwischen 10 und 14 Paare an einem Freitag im Rathaus trauen.»

Viele Auswärtige heiraten in Luzern

Und es sind längst nicht nur Luzerner, die diesen wichtigen Tag im altehrwürdigen Rathaus begehen wollen. So sind etwa Vanessa Frongillo (31) und Vittorio Vaccaro (31) am vergangenen Freitag extra aus Lugano angereist, um sich in Luzern trauen zu lassen. «Wir finden das Rathaus hier in Luzern ein derart schönes Gebäude, dass wir unsere zivile Hochzeit hier feiern wollten», sagt Vanessa Frongillo, die früher schon längere Zeit in Luzern gelebt hat. Die kirchliche Hochzeit werde dann an der Amalfi-Küste in Italien sein, erzählt ihr Mann.

Ebenfalls seit vergangenem Freitag offiziell Mann und Frau sind Ilona Tsiagas (52) und Ralph Harvey (54). Auch sie sind keine Stadtluzerner. «Die Räumlichkeiten im Rathaus gefallen uns sehr. In Emmen, wo wir wohnen, hat es keine schönen Lokalitäten», sagt Harvey.

Wird auch 2015 zum Rekordjahr?

Seit vier Jahren steigt die Zahl der zivilen Trauungen in Luzern kontinuierlich an. Auch das laufende Jahr dürfte viele neue Ehepaare bringen: Bis jetzt wurden schon etwa 130 Ziviltrauungen durchgeführt. Ob dieses Jahr das letzte toppen kann, bleibt aber noch offen. Madlen Brunner sagt dazu: «Die heiratsintensiven Monate liegen noch vor uns. Ich wage jedoch die Prognose, dass es 2015 wieder etwa 600 Trauungen geben wird.»

Die Stadt Luzern bietet Heiratswilligen nicht nur ein schönes Rathaus, sondern seit einem Jahr auch ein Schloss: So traut das Luzerner Standesamt Paare auch auf Schloss Meggenhorn in Meggen. Die Schloss-Trauungen seien aber nicht ausschlaggebend für den Heiratsrekord, glaubt Madlen Brunner. Das Angebot komme zwar gut an, doch pro Monat steht es lediglich maximal drei Paaren zur Verfügung. Die Schloss-Hochzeit kostet übrigens 250 bis 600 Franken. Eine Trauung im Luzerner Rathaus kostet 270 Franken. Wer mit den Räumen des Zivilstandsamts vorlieb nehmen möchte, zahlt sogar lediglich 75 Franken.

Immer seltener in der Kirche

Während die Zahlen der Ziviltrau­ungen in die Höhe schiessen, sinken die Zahlen der kirchlichen Hochzeiten. Gemäss dem Bistum Basel haben sich im Kanton Luzern vergangenes Jahr 458 Paare kirchlich trauen lassen. Im Jahr 2012 waren es 503 und ein Jahr zuvor sogar 557 Paare. Auch die Reformierte Kirche des Kantons Luzern zählte letztes Jahr weniger kirchliche Trauungen als in den Jahren zuvor. Die Zahl sank von 52 Trauungen (2012) auf 40 Trauungen (2013).

Simon Foppa, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts in St. Gallen, sagt: «Die Zahl der kirchlichen Trauungen ist eigentlich relativ stabil, wobei in der Tendenz eine Abnahme zu verzeichnen ist.» Aus Befragungen gehe hervor, dass ein möglicher Grund für den Rückgang bei den Verpflichtungen zu suchen sei. Will heissen: Es gibt keine Möglichkeit zur kirchenrechtlichen Scheidung und in der katholischen Kirche auch keine Möglichkeit zur Wiederverheiratung. «Manche Personen schrecken diese Bedingungen ab», sagt Foppa.

Auch Burghard Förster, Theologe und Diakon der Pfarreien St. Anton und St. Michael in der Stadt Luzern, bestätigt, dass immer seltener kirchlich geheiratet wird. In den acht Stadtpfarreien Luzerns wurden letztes Jahr 41 Trauungen vorgenommen. Darin nicht enthalten sind jene Trauungen von Pfarreiangehörigen, die ausserhalb der Pfarrei geheiratet haben. Burghard Förster, der selber Hochzeiten begleitet, sagt dazu: «Von 15 Trauungen, die ich mache, sind 12 ausserhalb von Luzern.»

«Familiärer Druck fällt weg»

Verena Sollberger, reformierte Pfarrerin in der Lukaskirche in Luzern, spürt die sinkende Zahl der Trauungen ebenfalls. Für dieses Jahr hat sie bis jetzt eine einzige Trauung geplant. Einen einzelnen Grund für die Abnahme könne nicht ausgemacht werden, so Sollberger. «Die Gründe sind vielschichtig. Ich vermute, dass heute oftmals der familiäre Druck wegfällt. Das heisst, dass das Paar selber entscheidet, wie ihr grosser Tag gefeiert werden soll.» Stefan Sägesser, Sprecher der Reformierten Kirche des Kantons Luzern, kennt einen weiteren Grund: «Die Bindung zur Kirche als Gemeinschaft ist weniger eng.»

Wald-Hochzeit mit Pfarrer

Pfarrerin Sollberger hat wie Diakon Förster Anfragen für Hochzeiten ausserhalb ihres Kirchgemeindegebiets. Die reformierte Kirche schreibt dabei vor, dass Trauungen ausserhalb eines Kirchenraums eine Bewilligung brauchen. Konkret: Will ein Paar eine Hochzeit im Wald, so muss der Pfarrer beim Synodalrat ein Gesuch einreichen. Laut Sägesser gewinnen Naturhochzeiten an Beliebtheit. «Ist der Pfarrer einverstanden, sind wir kulant, was die Wünsche der Paare angeht. In diesem Zusammenhang verstehen wir uns auch als Dienstleister.»

Dass Pfarrer heute für eine Trauung oft nach auswärts reisen müssen, hat bei den Katholiken einen naheliegenden Grund: An vielen Orten gibt es keine Priester oder Diakone mehr, die Eheschliessungen begleiten könnten. «Dann werden wir gerufen – und dies meistens erst sehr spät», sagt Burghard Förster. Er macht ein konkretes Beispiel: «Viele Heiratswillige organisieren die Kirche, das Essen und die Feier. Am Schluss – manchmal erst zwei Monate vor der Hochzeit – realisieren sie, dass es noch jemanden braucht, der sie traut.» Da gäbe es auch Situationen, in denen er ablehnen müsse. «Mir ist wichtig, dass ich genug Zeit habe, das Paar kennen zu lernen, damit der Traugottesdienst auf sie abgestimmt werden kann.»

Frauen wollen Hochzeit wie im Film

Geht es darum, ob zivil oder kirchlich geheiratet wird, dann haben Männer und Frauen oft andere Ansichten, wie Förster weiss. «Frauen haben die Vorstellung von einer Hochzeit in einer Kirche, im weissen Kleid, und sie wollen mit ihrem Vater den Gang zum Altar zurücklegen – wie es halt die amerikanischen Filme vormachen.» Zu den Männern sagt Förster: «Die sind gegenüber einer Hochzeit in der Kirche eher reserviert.»
 

Yasmin Kunz