LUZERN: Solarstrom-Potenzial ist riesig – und liegt brach

Fast 2500 Gigawattstunden Solarstrom pro Jahr könnten im Kanton produziert werden. Das entspricht dem Verbrauch von 555'555 Haushalten. Im kantonalen Schnitt werden die Möglichkeiten allerdings noch nicht einmal zu 2 Prozent ausgeschöpft.

Alexander von Däniken
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Das Potenzial an Solarstrom im Kanton Luzern. (Bild: Oliver Marx)

Das Potenzial an Solarstrom im Kanton Luzern. (Bild: Oliver Marx)

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@luzernerzeitung.ch

Die nationale Energiestrategie 2050 polarisiert: Ist es möglich, dereinst ohne fossile Energie den Strombedarf in der Schweiz zu decken? Der Abstimmungssonntag vom 21. Mai wird zeigen, was die Bevölkerung davon hält. Der Bund hat inzwischen begonnen, für jede Schweizer Gemeinde aufzuzeigen, wie gross das Potenzial zur Produktion von Solarstrom auf den Hausdächern ist. Abrufbar ist die interaktive Anwendung des Bundesamts für Energie auf www.sonnendach.ch .

Das Bundesamt hat auf Anfrage unserer Zeitung eine Zusammenstellung aller Luzerner Gemeinden geliefert. Demnach könnten auf allen geeigneten Hausdächern im Kanton pro Jahr fast 2500 Gigawattstunden Solarstrom produziert werden. Das entspricht dem durchschnittlichen Verbrauch von 555'555 Vier-Personen-Haushalten. Mit 209 Gigawattstunden schwingt die Stadt Luzern naturgemäss oben auf (siehe Grafik).

Auch in Emmen und in Kriens ist das Potenzial mit 129 respektive 80 Gigawattstunden verhältnismässig gross. Doch selbst in kleineren Gemeinden könnte die Sonne viel Energie liefern; im 2773 Einwohner zählenden Ballwil etwa würde das Potenzial von 24 Gigawattstunden reichen, um theoretisch 5333 Haushalte pro Jahr zu versorgen. Warum es sich um einen theoretischen Wert handelt, dazu später mehr.

Altbüron schöpft Potenzial am besten aus

Das Potenzial ist also gross. Doch was wird bis jetzt davon genutzt? Als Quelle dient der Gemeinde-Energiespiegel der Dienststelle Umwelt und Energie des Kantons Luzern. Hier ist für jede Gemeinde gelistet, wie viel im Jahr 2015 an Solarstrom produziert worden ist. Absolut gesehen war die Stadt Luzern am «produktivsten»: 2,8 Gigawattstunden standen hier zu Buche. Es folgen Beromünster mit 2,3 und Rothenburg mit 1,7 Gigawattstunden.

Wird nun das Potenzial mit der bisher produzierten Menge an Solarstrom in ein Verhältnis gesetzt, fällt dieses ernüchternd aus: Im kantonalen Schnitt wird gerade einmal 1,9 Prozent des Potenzials ausgeschöpft: Die knapp 43 Gigawattstunden könnten den Strombedarf von 9555 Vier-Personen-Haushalten decken. Am besten nutzen die Einwohner von Altbüron das Solarenergiepotenzial aus: nämlich zu 11,3 Prozent. Es folgen Eich mit 6,9 und Ermensee mit 4,1 Prozent. Am anderen Ende der Skala sind Dierikon, Doppleschwand, Ebikon, Honau, Romoos und Schlierbach aufgelistet; sie haben gemäss dem Energiespiegel 2015 keinen Solarstrom produziert.

Wie beurteilt der Kanton Luzern die grosse Diskrepanz zwischen Möglichkeit und Realität? Mirija Weber, Kommunikationsverantwortliche des Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartements: «Es ist richtig, dass auf unseren Dächern noch mehr Solarstrom produziert werden könnte. Da die Entwicklung in Richtung dezentrale Energieversorgung geht – Fotovoltaik-Anlagen auf Dächern sind ein Teil davon –, dürfte das Solarpotenzial aber je länger, je mehr ausgeschöpft werden.» Deshalb begrüsse der Kanton auch den Service des Bundesamts für Energie. Damit würden dieselben Ziele verfolgt wie mit dem kantonalen Solarpotenzial-Kataster. «Mittelfristig können wir uns sogar eine Verknüpfung der beiden Dienstleistungen vorstellen», sagt Weber. Die Zahlen der kantonalen Plattform und jene des Bundes lassen sich übrigens nicht vergleichen, da jeweils andere Kriterien zur Eignung eines Daches beigezogen ­wurden.

Das Ziel von Bund und Kanton ist das gleiche: Möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, die Sonne als Energiequelle zu nutzen. Der Kanton hatte dazu 2014 zum Solarjahr erklärt. Mirija Weber zieht zur Kampagne ein positives Fazit. Es habe 20 Informations- und Ausbildungsveranstaltungen gegeben. Auch sei das Solarpotenzial-Kataster 2014 mit einer durchschnittlichen Verweildauer von fast fünf Minuten gut genutzt worden. «Das Ziel der Sensibilisierung wurde damit erreicht», so Weber. Konkretere Resultate seien indes schwierig zu erfassen, vor allem weil Solaranlagen ohne Bewilligung gebaut werden können, weshalb es keine Bestandszahlen gebe.

Solarstrom abhängig von Tages- und Jahreszeit

Solarstrom als erneuerbare Energie hat auch ihre Tücken, wie Marcel Schmid auf Anfrage sagt. Er ist Mediensprecher der CKW (Centralschweizerische Kraftwerke AG). «Fotovoltaik-Anlagen produzieren nur dann Strom, wenn die Sonne scheint: tagsüber und eher im Sommerhalbjahr.»

Für die Gegner der Energiestrategie 2050 macht darum ein Ausbau von Sonnen- und auch Windkraftanlagen keinen Sinn. Es brauche riesige Stromspeicher, die es noch nicht gebe, um die Schwankungen auszugleichen. Und die Stauseen seien durch Marktverzerrungen nicht mehr konkurrenzfähig.

Laut Schmid macht es aus wirtschaftlichen Gründen Sinn, dass Besitzer von Fotovoltaik-Anlagen ihren selbst produzierten Strom wenn immer möglich selber brauchen. Das wiederum setzt voraus, dass die Energie gespeichert werden kann. Dafür gebe es immer effizientere Batterien. Aber nicht nur: «Es wird sich in den nächsten Jahren eine automatisierte Steuerung des selbst produzierten Stroms durchsetzen. Verbraucher wie Boiler oder Waschmaschinen schalten sich automatisch dann ein, wenn genügend Solarstrom vorhanden ist.» Das als «Smart Energy» bezeichnete System setzt allerdings voraus, dass deren Benutzer zum Beispiel die Waschmaschine am Morgen füllen, damit sie am sonnigen Nachmittag laufen kann.

Gefragt ist nun ein intelligentes Netz

Grosse Herausforderungen stellt die dezentrale Produktion auch an die Energieversorger. Für ein stabiles Netz muss zu jedem Zeitpunkt genau gleich viel Strom produziert werden, wie verbraucht wird, und das Stromnetz muss überall ausreichend Kapazität haben, um auch zu Spitzenzeiten den lokal produzierten Strom wegtransportieren zu können.

Die CKW investieren laut Schmid jedes Jahr rund 45 Millionen Franken in den Ausbau und die Modernisierung des Stromnetzes, das in den nächsten Jahren zu einem «Smart Grid» werden soll, also einem intelligenten Netz. Teil dieser Investitionen ist auch der Ersatz oder Neubau von Trafostationen wie etwa das neue Unterwerk in Willisau, das 2019 in Betrieb geht und ans Höchstspannungsnetz angebunden wird. «Damit werden die CKW die Versorgungssicherheit stärken und Schwankungen noch besser ausgleichen können», so Schmid.