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Wenn man beim Lesen von offiziellen Dokumenten nur Bahnhof versteht

Die Stadtluzerner SP möchte die Verwaltungssprache vereinfachen.
Wie nötig ist dieses Begehren?
Stefan Welzel
Die amtliche Sprache auf der Verwaltung und in offiziellen Dokumenten stellt so manch einen Bürger vor eine Herausforderung. Symbolbild: Christian Beutler/Keystone

Die amtliche Sprache auf der Verwaltung und in offiziellen Dokumenten stellt so manch einen Bürger vor eine Herausforderung.
Symbolbild: Christian Beutler/Keystone

«Wenn Betreuungstage in der schulergänzenden Betreuung von den Eltern abgelehnt werden, können für entsprechende Betreuungstage in der Kindertagesstätte keine Betreuungsgutscheine gewährt werden.»

Liest man Sätze wie diese eher flüchtig und unkonzentriert durch, geht es vielen Bürgerinnen und Bürgern gleich: Sie verstehen das Beamtendeutsch kaum auf Anhieb. Dabei gehört dieses Beispiel aus einem Merkblatt der Stadtluzerner Dienststelle «Kinder Jugend Familie» noch zu den Harmloseren. Und wir geben gerne zu – es ist aus dem Zusammenhang gerissen. Dennoch: Es kommt oft vor, dass Behördenschreiben umständlich und in Fachjargon gehalten sind. An solchen, meist unnötig komplizierten Sätzen in amtlichen Dokumenten stört sich die SP der Stadt Luzern. Die Grossstadträte Simon Roth und Adrian Albisser reichten deshalb ein Postulat ein. Sie fordern Massnahmen, um in der «gesamten Verwaltung für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit eine möglichst einfach verständliche Sprache zu verankern». Dazu gehören Merkblätter, Steuererklärungen oder Prospekte.

«Recht auf angepasste Information»

«Fast ein Sechstel der Bevölkerung hat grosse Probleme mit dem Verständnis einfacher Texte. Bei Texten im Verwaltungsdeutsch sind es wohl noch etliche mehr», sagt Postulant Roth. Dazu gehören bei weitem nicht nur Menschen, die aufgrund ihres Migrationshintergrunds mit dem Problem der Sprachbarriere kämpfen. Die genannte Zahl geht aus einer vom Bund in Auftrag gegebenen Studie hervor. Dort steht unter anderem, dass «Personen, die lediglich das tiefste Verständnisniveau erreichen, benachteiligt sind. Im Lesen zusammenhängender Texte trifft dies in der Schweiz auf 16 Prozent der 16 bis 65-jährigen Bevölkerung zu». In manchen Schweizer Gemeinden hat man das Problem erkannt und geht es an. Denn nur Bürgerinnen und Bürger, die Amtsschreiben vom Merkblatt bis zum Gesetzestext verstehen, sind auch mündige Mitglieder einer Demokratie. Die Konzepte verständlicherer Formulierungen tragen den simplen Namen «Leichte» beziehungsweise «Einfache Sprache». Bei Ersterer geht es ganz konkret um eine «barrierefreie» Sprache für Menschen mit Behinderung. Bei diesem Vorgehen wird pro kurz gehaltenen Satz immer nur eine Information vermittelt.

So gibt die verantwortliche Bundesstelle in Bern ein Beispiel wider:

«Wir sind das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Die Abkürzung für unser Büro ist: EBGB. In diesem Text erklären wir, was unser Auftrag ist. Ein Auftrag ist eine Aufgabe. Etwas, das man machen muss.»

Texte in «Einfacher Sprache» haben kürzere Sätze, simplere Satzstrukturen und weniger Kommata als gewöhnliche. Die Schweizer Bürgerinnen und Bürger haben ein «Recht auf angepasste Information», betont Jeannette Dietziker von Pro Infirmis Zürich. Dort ist sie unter anderem für das Büro für Leichte Sprache verantwortlich. Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2014 hat sich die Schweiz verpflichtet, Verständnisbarrieren auf sprachlicher Ebene abzubauen. Nur hapert es bei der Umsetzung. Zwar ist in der Bundeskanzlei das Thema angekommen und erste Schritte in Leichter Sprache sind gemacht, aber dennoch wird ein Grossteil behördlicher Schreiben nach wie vor in typischem Beamtendeutsch verfasst. Im Februar dieses Jahres hat der Bundesrat eine Motion der Grünen, die Leichte Sprache in Abstimmungserläuterungen verlangte, zurückgewiesen. Die Landesregierung bemühe sich bereits um eine möglichst verständliche Sprache für alle. Und: «Diese Texte lassen sich nicht beliebig vereinfachen. Eine amtliche Übertragung solcher Texte in Leichte Sprache ist mit erheblichen Schwierigkeiten und Risiken verbunden.»

Selbst eine Germanistin hat Probleme

Dietziker hat wenig Verständnis für diese Begründung. Zunächst hält sie fest, dass «selbst ich Abstimmungsunterlagen mehrmals lesen muss, um sie zu verstehen. Und ich habe Germanistik studiert». Natürlich hänge der Schwierigkeitsgrad der Übertragung in Einfache Sprache vom Niveau des Ausgangstextes ab. «Aber grundsätzlich lässt sich jeder Text übertragen.» Vereinzelt leisten Behörden auf Gemeindeebene Pionierarbeit. In der Stadt Basel zum Beispiel werden Informationsschreiben der Schule an die Eltern in Einfacher Sprache gehalten. Sätze wie eingangs zitiert werden vermieden. Auch in Städten wie Bern oder Uster ist man schon etwas weiter. In Luzern möchte sich die Verwaltung aufgrund des hängigen Postulats nicht eingehender zur Problematik äussern, wie die Kommunikationsstelle der Stadt mitteilen lässt. «Uns geht es in erster Linie darum, das Bewusstsein im Verwaltungsapparat zu schaffen», erklärt Simon Roth. Letztendlich handle es um Dienstleistungen, und die sollen kundenorientiert gestaltet werden. Auch Roths Parteikollege Albisser möchte zunächst einfach die Diskussion um das wenig beachtete Thema anschieben. Und: «Über konkrete Massnahmen müsste man nach erfolgter Antwort seitens des Stadtrates reden.» Gemäss Albisser könnten Massnahmen relativ einfach umgesetzt werden. «Oftmals würde es schon reichen, den Mitarbeitern in den Verwaltungsbüros einen Leitfaden mitzugeben und bestimmte Begrifflichkeiten zu kategorisieren.» Zunächst müsste man aber erheben, in welchen Bereichen die Einführung einfach verständlichen Sprache sinnvoll ist. «Beim Bürgerrechtswesen, wo es um Einbürgerungen und entsprechende Verfahren geht, ist eine klare und einfache Formulierung natürlich wichtig. Das ist auch eine Frage der Integrationspolitik. Bei anderen Stellen wie zum Beispiel dem Geoinformationszentrum ist davon auszugehen, dass sich Kommunikation sowieso meist auf Experten-Ebene abspielt und es keine Übersetzungen in Einfacher Sprache braucht», so Albisser. Für Jeannette Dietziker von Pro Infirmis ist klar, dass ein vielfältiges Instrumentarium je nach Ausgangslage nötig ist. Eine Administration könne ihre Angestellten schulen oder bei Bedarf auch eine professionell besetzte Stelle extra hierfür einrichten. Wenn grössere Projekte anstehen wie die Ausgestaltung einer Gemeinde-Website zum Beispiel, empfiehlt sie, «dass dies von einem professionellen Übersetzungsdienst gemacht wird».

Vielerorts gibt es bereits Hilfe und Beratungsstellen, wo städtische Mitarbeiter Menschen mit Verständnisproblemen helfen. So unterhalten unter anderem die Sozialen Dienste Luzern einen Schreibhilfedienst, bei dem man die Unterstützung von Mitarbeitern der Stadt erhält, wenn eine Antwort auf einen Behördenbrief verfasst werden muss. Davor besteht meist schon ein Problem beim Textverständnis. «Im ersten Trimester 2019 haben 68 Personen den Dienst genutzt. Gemäss der zuständigen Mitarbeiterin ist dabei zu beobachten, dass die Behördensprache nicht immer verstanden wird», so Stefan Liembd, Leiter der Sozialen Dienste. Bei drei Vierteln der Personen, die zum Schreibdienst kommen, handle es sich um Personen mit Migrationshintergrund. Der Rest seien Menschen mit Muttersprache Deutsch. Das sei aber lediglich eine Schätzung, erfasst nach jenem Kriterium hat die Stadt Luzern diese Zahlen nicht. «Doch wenn die Deutschkenntnisse zu mangelhaft sind, bleiben auch einfach formulierte Dokumente eine Herausforderung», so Liembd. Bereits heute werden in bestimmten Fällen Übersetzer beigezogen oder von verschiedenen Stellen bei Verständnisproblemen unter die Arme gegriffen.

Frage nach dem finanziellen Aufwand

Wie die politischen Chancen stehen, eine vereinfachte Sprache konsequent und im ganzen Verwaltungsapparat der Stadt einzusetzen, hänge gemäss Albisser vom finanziellen Aufwand ab, der sich je nach Strategie unterscheidet: «Wenn sich hohe Kosten bei einer Implementierung abzeichnen, werden die Bürgerlichen wohl eher dagegen sein. Wir von der SP sind aber bereit, dafür Geld in Hand zu nehmen.» Der Stadtrat hat gemäss Regelung bis Ende Januar 2020 Zeit für eine Stellungnahme zuhanden des Parlaments.
Zurück zu unserem eingangs erwähnten Beispiel aus einem Behördenschreiben. Pro Infirmis Zürich schlägt für das schwer verständliche Konstrukt folgende Übersetzung vor:

«Hat Ihnen die Schule für gewisse Tage in der Woche die Betreuung im Hort angeboten? Haben Sie dieses Angebot abgelehnt? Dann können Sie für diese Tage keine Gutscheine beantragen für die Betreuung in der Kindertagesstätte.»

Nun, alles klar?

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