LUZERN: Spital lässt weiteren Lieferanten fallen

Die Rothenburger Firma Schürch Getränke AG verliert einen der grössten Kunden: das Luzerner Kantonsspital. Dennoch gibt der Firmeninhaber nicht auf.

Yasmin Kunz
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Blick in die Mensa des Kantonsspitals in Luzern: Hier stehen immer weniger Produkte von regionalen Lieferanten. (Bild Eveline Beerkircher)

Blick in die Mensa des Kantonsspitals in Luzern: Hier stehen immer weniger Produkte von regionalen Lieferanten. (Bild Eveline Beerkircher)

Yasmin Kunz

Nach über 20 Jahren ist Schluss: Der Getränkehändler Schürch Getränke AG aus Rothenburg darf das Luzerner Kantonsspital (Luks) künftig nicht mehr beliefern. Dies zeigen Recherchen unserer Zeitung. Das ist nicht das erste Mal, dass sich das Spital von einem regionalen Anbieter trennt. Erst kürzlich machte unsere Zeitung publik, dass das Luks auch der Mineralquelle Bad Knutwil AG und der Pistor AG in Rothenburg den Auftrag entzog.

Der Familienbetrieb Schürch Getränke AG lieferte während über 20 Jahren Süssgetränke und Mineralwasser für die Kantine des Luzerner Kantonsspitals am Standort Luzern. Künftig bezieht das Spital die Getränke jedoch vom Schweizer Grosshändler Stardrinks AG. Stardrinks ist ein Teil der holländischen Heineken-Gruppe und beliefert seit einigen Jahren bereits die Spital-Standorte Sursee und Wolhusen.

Schürch ist enttäuscht

Toni Schürch, der den 18-Mann-Betrieb seit 2009 mit seinem Bruder Stefan Schürch führt, ist enttäuscht: «Es ist bedauerlich, dass einem nach über 20 Jahren der Auftrag entzogen wird. Schliesslich spielt doch das Vertrauen in den Lieferanten eine grosse Rolle.» Weiter sagt Schürch, dass der Familienfirma mit dem Verlust des Spitalauftrags ein grosser Kunde verloren geht. Ge­-mäss unseren Recherchen muss die Schürch AG Einbussen von einem jährlich sechsstelligen Betrag hinnehmen. «Wir wollen dem Verlust aber nicht nachtrauern, sondern positiv in die Zukunft blicken.» Damit meint Schürch, dass sie sich bei der nächsten öffentlichen Ausschreibung – die gemäss Spital in etwa drei bis vier Jahren wieder stattfinden wird – anders positionieren wollen. Wie genau, lässt Schürch offen.

Laut Schürch hätte der Verlust des Grosskunden für den Familienbetrieb Folgen gehabt. Doch dank des konstanten Wachstums in den letzten Jahren – die Schürch AG konnte in der Region Luzern einige Betriebe gewinnen – ist das «Klumpenrisiko etwas abgefedert worden», wie Schürch erklärt.

Preis entscheidet über Zuschlag

Wie das Beispiel des Getränkehändlers Schürch zeigt, entscheidet letztlich der Preis über den Zuschlag. Das betonte auch Marco Stücheli, Leiter Kommunikation des Luzerner Kantonsspitals, letzthin gegenüber unserer Zeitung. Es gelte, «bei einer Ausschreibung jeweils das wirtschaftlichste Angebot auszuwählen» (Ausgabe von gestern).

Gemäss Recherchen unserer Zeitung hat der neue Lieferant, der Schweizer Getränkehändler Stardrinks, weniger verlangt. Wie viel Geld allerdings gespart werden kann, gibt das Spital nicht preis. Marco Stücheli: «Generell veröffentlichen wir keine Details zu einzelnen Geschäften wie Kosten, Konditionen und Einsparungen. Dies liegt unter anderem auch im Interesse aller Anbieter im Beschaffungsverfahren.» Unsere Zeitung weiss: Der Faktor Preis wird bei der Ausschreibung mit 25 Prozent gewichtet. Spitaldirektor Benno Fuchs begründet die Wechsel der drei Anbieter mit dem öffentlichen Beschaffungsrecht (siehe Kasten). Mit der Ausschreibung von Aufträgen soll gewährleistet werden, dass der Markt für alle offen ist.

Auch wenn man bei der Schürch Getränke AG über den Verlust dieses Grosskunden enttäuscht ist, steht für die Geschäftsleitung fest: «Wir wollen bei der nächsten Ausschreibung den Auftrag zurückgewinnen und als lokaler Kleinbetrieb die langjährige gute Partnerschaft weiter pflegen.» Urs Frei, Kommunikationsleiter von Heineken Switzerland, der Muttergesellschaft von Stardrinks, freut sich über den «Ausbau der Partnerschaft mit dem Kunden». Er erklärt, dass Stardrinks schon vorher ein Lieferant des Luzerner Kantonsspitals am Standort Luzern war. Nun habe man den Auftrag noch ausweiten können.

Spitaldirektor: «Entscheidend ist das Gesetz»

Interview Lukas Nussbaumer

Laut Spitaldirektor Benno Fuchs ist der Spielraum bei der Vergabe von Aufträgen sehr klein. Der 54-Jährige begründet im Interview, warum die Spitalleitung Grossanbieter statt regionale Lieferanten wie die Mineralquelle Bad Knutwil AG, die Pistor AG oder den Getränkehändler Schürch AG aus Rothenburg berücksichtigt (Ausgabe von gestern).

Benno Fuchs, für die Leitung des Luzerner Kantonsspitals zählt bei der Vergabe von Aufträgen offensichtlich nur noch der Preis.
Benno Fuchs:
Das ist in keiner Art und Weise so. Aber wir unterstehen als öffentlich-rechtliche Anstalt dem Gesetz über die öffentlichen Beschaffungen.

Der Preis ist aber nur eines von vielen Kriterien.
Fuchs: Das ist so. Andere Kriterien wie Nachhaltigkeit, Qualität oder Regionalität fliessen bei der Vergabe von Aufträgen ebenfalls in die Beurteilung mit ein. Aber sehen Sie: Je vergleichbarer ein Produkt ist, desto höher muss der Preis gewichtet werden. Als Beispiel: Coca-Cola ist nun einmal Coca-Cola, und dann bleibt vor allem der Preis als Unterschied.

Spitalsprecher Marco Stücheli sagte unserer Zeitung vorgestern, die Regionalität und die lokale Verbundenheit der Lieferanten würden «eine wichtige Rolle spielen». Sie beweisen mit der Nichtberücksichtigung von drei hiesigen Firmen gerade das Gegenteil.
Fuchs:
Wir versuchen, wenn immer möglich, regionale Anbieter zu berücksichtigen. Und wir setzen nach wie vor auf ganz viele lokal verankerte Unternehmen. Aber im Rahmen des beschaffungsrechtlichen Grundsatzes der Nichtdiskriminierung dürfen wir regionale Anbieter im Vergleich zu anderen ohne sachliche Gründe nicht bevorzugen.

Ist das die Erklärung dafür, dass gleich drei lokale Firmen eminent wichtige Aufträge des Spitals verloren haben?
Fuchs:
Wir haben uns im letzten Jahr vorgenommen, bei der Gastronomie die 100 umsatzstärksten Produkte auszuschreiben. Das haben wir umgesetzt – und das Gesetz lässt uns bei der Vergabe eben nur einen ganz kleinen Spielraum. Wer mit der Vergabe von Aufträgen nicht einverstanden ist, kann das Rechtsmittel ergreifen. Doch das tut fast niemand, weil die Rahmenbedingungen genau bekannt sind. Vielmehr schreiben uns nicht berücksichtigte Anbieter, dass sie dies bedauern und verlorene Aufträge bei der nächsten Ausschreibung zurückgewinnen wollen.

Können Sie die Empörung der Gewerbler nachvollziehen?
Fuchs
:
Ich verstehe sehr gut, wenn jemand über den Verlust eines Auftrags enttäuscht ist. Ich stehe dem Gewerbe selber sehr nahe. Aber wir können gar nicht anders, als uns an das Gesetz zu halten.

Das Image des Luzerner Kantonsspitals leidet doch, wenn das lokale Gewerbe Grossaufträge verliert.
Fuchs:
Wir können bei der Vergabe von Aufträgen nicht auf unser Image schielen – entscheidend ist das Gesetz.

Das Spital investiert in den nächsten Jahren mehr als 2 Milliarden. Da sind für Sie ein paar tausend Franken doch Peanuts – im Gegensatz zu Kleinfirmen mit weniger als 20 Angestellten.
Fuchs:
Wir müssen uns an die gesetzlichen Vorgaben halten.