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LUZERN: Spitex unterstützt süchtige Senioren

Mit steigendem Alter nimmt die Häufigkeit des Alkoholkonsums zu – ein Problem, das die Mitarbeiter der Spitex Luzern schon länger kennen. Jetzt wollen sie aktiv werden – und begeben sich damit auf schwieriges Terrain.
Lena Berger
Die Pensionierung ist eine kritische Lebensphase, die in eine Sucht führen kann. (Symbolbild Getty/Chris Fertnig)

Die Pensionierung ist eine kritische Lebensphase, die in eine Sucht führen kann. (Symbolbild Getty/Chris Fertnig)

Frau Frühling sitzt wie üblich dösend auf dem Sofa. Auf ihrem Tisch hat sie Schokolade, Tee und Biskuits, auf dem Boden steht eine Flasche Wein. Ihre Stricksachen liegen seit Wochen unangetastet im Korb. Sie wirkt ungepflegt. Auch die Nacht verbringt sie auf dem Sofa, der Fernseher läuft rund um die Uhr. Im Gang sind drei Harassen mit leeren Weinflaschen aufgestapelt. Sie ist verärgert, dass ihre Putzfrau längere Zeit in den Ferien ist. Und sie fragt die Spitex-Mitarbeiterin immer wieder, ob sie ihr eine Flasche Wein besorgen könnte.

Sucht im Alter war ein Tabuthema

Wie kann oder soll die Spitex in einem solchen Fall reagieren? Wie können betagte Menschen unterstützt werden, wenn sie wie im geschilderten Fallbeispiel (das übrigens von der Spitex selber stammt) ein Suchtproblem haben? Antworten bietet ein neuer Leitfaden, der dieses Jahr von der Spitex der Stadt Luzern erstmals umgesetzt wird. «Schwere Rauschzustände, besonders von alkoholabhängigen Klienten, sind bei uns schon länger ein Problem. Bisher wurde darüber zwar intern geredet – aber eben nicht mit den Betroffenen selbst. Das wollen wir ändern», erklärt Barbara Hedinger, Bereichsleiterin Prozess- und Qualitätsmanagement. Die Pflegefachpersonen hätten vorher oft erst reagiert, wenn es «richtig schlimm» wurde. «Mit dem neuen Ins­trument sollen sie nun früh und möglichst objektiv entscheiden können, ob der Konsum problematisch ist.»

Die Spitex-Mitarbeiter schreiben Beobachtungen – etwa Flaschendepots oder eine «Fahne» – anhand einer Checkliste auf. «Dabei geht es nicht darum, Beweise zu sammeln und die Klienten und Klientinnen auszuspionieren.» Es wird im Rahmen des normalen Pflegeberichts dokumentiert. Dieser ist für die Betroffenen jederzeit einsehbar und dient primär der Leistungsabrechnung. Auffälliges Suchtverhalten wird im Team besprochen, bevor ein Klient darauf angesprochen wird. «Das Erstgespräch ist nicht einfach, denn vielen Menschen ist das Eingeständnis, von einer Substanz abhängig zu sein, nach wie vor peinlich», räumt Hedinger ein. Für manche sei es aber auch eine grosse Entlastung, ihre Sucht vor der Spitex nicht mehr verstecken zu müssen.

Die Grenzen der Privatsphäre

Bei der Entwicklung des Leitfadens galt es aber auch, interne Widerstände zu überwinden. «Die Grundfrage war, ob wir uns in ein Suchtproblem einmischen sollen oder ob es Privatsache ist», so Barbara Hedinger. Bei der Spi­tex der Stadt Luzern hat man sich darauf geeinigt, das Problem anzusprechen – aber sofort zu akzeptieren, wenn die Klienten nicht darüber reden oder nichts ändern möchten. «Wir wollen nicht mehr die Augen verschliessen – aber auch niemanden erziehen.» Man akzeptiere die Selbstbestimmung, deshalb sollen lediglich Hilfsangebote aufgezeigt werden. Nur wenn ein Klient eine Gefahr für sich oder andere darstellt, muss eine Meldung an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) gemacht werden. «Sie ist die letzte Instanz, wenn wir alles andere ausgelotet haben.»

Entscheidet sich eine Klientin oder ein Klient gegen eine Verhaltensänderung, wird dies schriftlich festgehalten. Wenn möglich sollen sich die Klienten ihre Suchtmittel selber beschaffen. «An Alkoholabhängige, die nicht mehr mobil sind, vermitteln wir aber einen Alkohollieferservice.» Die Mengen werden mit den Betroffenen festgelegt, um die Entsorgung der Flaschen kümmert sich die IG Arbeit. Macht sich die Spitex damit zu Handlangern von Alkoholikern? Barbara Hedinger verneint. «Es kam schon vor, dass sich ein betagter Klient mitten in der Nacht im Unterhemd auf die Strasse begab, um Alkohol zu besorgen. Die Polizei griff ihn schliesslich mit Unterkühlungssymptomen auf. Solche Situationen wollen wir verhindern.» Ziel sei es, Entzugssymptome sowie Exzesse zu vermindern und Stabilität in den Alltag zu bringen.

Pro Senectute Luzern unterstützt dieses Vorgehen. Mediensprecher Jürg Lauber bezeichnet das Konzept als «vorbildlich und richtungsweisend». Es sei richtig, dass aktiv Hilfe zur Bewältigung von Suchtproblemen angeboten werde. «So wird die Eigenverantwortung der Senioren ernst genommen. Klar, ist es eigentlich nicht Aufgabe der Spitex, Alkohol zu beschaffen. Aber Sucht ist eine Krankheit, die auch im Alter begleitet werden muss.»

7 Prozent chronische Trinker

In den nächsten Jahren dürfte die Zahl älterer Menschen mit Suchtproblemen steigen. Grund: Der Substanzkonsum von Menschen, die nach 1945 geboren wurden, ist überdurchschnittlich hoch – und meist werden Konsummuster beibehalten. Wie der Bericht «Suchtmonitoring Schweiz 2013» zeigt, nimmt ausserdem die Konsumhäufigkeit von Alkohol mit steigendem Alter zu. Knapp 7 Prozent der 65- bis 74-Jährigen gehören zu den chronischen Trinkern (siehe Kasten). Doch nicht nur der Alkohol macht Experten Sorgen. Barbara Hedinger dazu: «Die Medikamentensucht ist ein noch grösseres Problem, auch wenn diese Klienten weniger auffällig sind.»

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