LUZERN: Stadtgeschichte wird «lesbar»

Der Kanton hat sein Bauinventar für die Stadt erstellt. Jedes sechste Gebäude erachtet er als schützens- oder erhaltenswert. Das ist mehr als in jeder anderen Luzerner Gemeinde.

Hugo Bischof
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Schützenswert: eines der Eckhäuser an der Kreuzung Bruchstrasse/Klosterstrasse. (Bilder: Pius Amrein (Luzern, 4. Mai 2017))

Schützenswert: eines der Eckhäuser an der Kreuzung Bruchstrasse/Klosterstrasse. (Bilder: Pius Amrein (Luzern, 4. Mai 2017))

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

In der Stadt Luzern gibt es total 11 359 versicherte Gebäude. 796 davon sind im neu erstellten städtischen Bauinventar als schützenswert eingestuft, 1125 als erhaltenswert. Die Gebäude in der Schutzzone A der Altstadt, von denen viele unter Denkmalschutz stehen, sind da noch nicht einberechnet. Sie werden später ins Inventar aufgenommen.

Mit einem Anteil von 17,4 Pro­zent schützenswerten und erhaltenswerten Bauten ist die Stadt Luzern im kantonalen Vergleich Spitzenreiterin vor Ermensee (14,1 Prozent), Sursee (12,9), Beromünster (11,9) und Sempach (10,3). Das gaben Vertreter von Stadt und Kanton Luzern gestern an einer gemeinsamen Medienkonferenz bekannt.

«Auch im nationalen Vergleich stehen wir gut da»

«Auch im nationalen Vergleich stehen wir gut da», sagte Baudirektorin Manuela Jost (GLP). Die Vergleichszahlen der Städte Bern und Zürich etwa liegen bei 24 respektive 14 Prozent. «Nimmt man die noch nicht verzeichneten Gebäude der Altstadt dazu, erhöht sich der Wert von Luzern weiter», so Jost. Die kantonale Denkmalpflege hat den Auftrag, für jede Gemeinde ein Bauinventar zu erstellen. Das hat der Luzerner Kantonsrat 2009 entschieden. Seit Frühling 2010 wurde der gesamte Baubestand gemeindeweise erfasst, beschrieben und bewertet.

«Das Bauinventar soll auf die zahlreichen, im Alltag oft nicht wahrgenommenen Schätze unserer Baukultur aufmerksam machen», erklärte Theresia Gürtler, Ressortleiterin Denkmalpflege und Kulturgüterschutz der Stadt Luzern. Die Medienkonferenz fand im Hotel/Restaurant Drei Könige statt, seinerseits ein schützenswertes Gebäude aus dem Jahr 1909. Das dortige Bruchquartier (Bruchstrasse/Klosterstrasse) ist geprägt durch eine Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Blockrandbebauung. Die fünf- bis siebenstöckigen Gebäude, von denen die Eckbauten heute als schützenswert, die Mittelgebäude als erhaltenswert eingestuft sind, entstanden nach dem Abriss des dortigen Klosters St. Anna 1907. Namhafte Experten hätten sich kurz nach deren Bau an ihrer Nüchternheit gestört, erläuterte Theresia Gürtler auf einem Rundgang: «Heute sehen wir das ganz anders.»

Etwas früher, von 1867 bis 1875, sind die Gebäude in der benachbarten Gibraltarstrasse entstanden. Sie sind kleiner und stehen meist einzeln, sind aber ebenfalls erhaltenswert. Sie zeugen von einem anderen Zeitabschnitt. «Durch die Auseinandersetzung mit schützens- und erhaltenswerten Gebäuden wird Stadtgeschichte lesbar», so Gürtler.

Kein Bauverbot für bewertete Gebäude

Ein Grund für die grosse Anzahl schützens- und erhaltenswerter Bauten ist gemäss Stadträtin Jost «die historische Bedeutung Luzerns als politisches und wirtschaftliches Zentrum mit entsprechend vielen repräsentativen Bauwerken». Dazu komme der hohe Stellenwert des Tourismus, der «schon früh zur Wertschätzung des historischen Gebäudebestandes und auch zu einer grossen Zahl von architektonisch herausragenden Hotel- und Tourismusbauten führte». Ein weiteres Merkmal sei der hohe Anteil an kleinen Wohnbauten mit hochwertiger Architektur: «Sie sind ein Spiegel des wirtschaftlichen Erfolgs des Bürgertums.»

Was bedeutet die Inventarisierung für die Gebäudeeigentümer? «Für die bewerteten Objekte gilt kein Bauverbot», sagt Stadträtin Jost. «Umbauten, Sanierungen und Renovationen müssen aber sehr behutsam durchgeführt werden.» Bei den erhaltenswerten Gebäuden ist die städtische, bei den schützenswerten die kantonale Denkmalpflege ins Bewilligungsverfahren einzubeziehen. Bei schützenswerten Bauten gelten also etwas strengere Richtlinien als bei erhaltenswerten Bauten.

Gemäss Stadträtin Jost erhöht das Inventar die Planungs- und Rechtssicherheit für betroffene Gebäudeeigentümer. Es sei ein wichtiges Instrument im Baubewilligungsverfahren. Meist erfahre ein Gebäude mit der Inventarisierung auch eine Wertsteigerung. Betroffene Eigentümer wurden informiert und zu speziellen Informationsveranstaltungen eingeladen. Aufgrund von Rückmeldungen soll das Inventar danach bereinigt werden und im Herbst dieses Jahres in Kraft treten. Im September gibt es öffentliche Stadtrundgänge.

Das Gebäude mit dem Hotel/Restaurant Drei Könige. (Bild: Pius Amrein  (LZ) (Luzerner Zeitung))

Das Gebäude mit dem Hotel/Restaurant Drei Könige. (Bild: Pius Amrein (LZ) (Luzerner Zeitung))