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LUZERN: Start des Blue Balls: Spektakulär Unspektakulär

Xavier Naidoo eröffnete am Freitagabend im KKL das 25.Blue Balls Festival in Luzern. Er überzeugte dabei mit einem sehr reduzierten Set.
Spielte knapp zwei Stunden ein sehr solides Konzert: Xavier Naidoo (45). (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 21. Juli 2017))

Spielte knapp zwei Stunden ein sehr solides Konzert: Xavier Naidoo (45). (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 21. Juli 2017))

Michael Graber
michael.graber@luzernerzeitung.ch

Was ist nicht alles geschimpft worden über diesen Xavier Naidoo. Ein Verschwörungstheoretiker sei er und weit aussen rechts sowieso. In Interviews musste sich das Blue Balls rechtfertigen, wieso der deutsche Sänger überhaupt eine Plattform erhält an diesem Festival. Am Freitagabend endlich das Konzert. Und siehe da: Es war vor allem spektakulär unspektakulär. Naidoo hat weder zum Umsturz des Systems aufgerufen, noch hat er einen seiner umstrittenen Songs gesungen. Unter dem Strich war es vor allem einfach ein gutes Konzert.


In der ganzen Diskussion um die vermeintlichen Ansichten von Naidoo ging nämlich ganz vergessen, was für ein guter Sänger der Mann ist. Am Eröffnungskonzert des Blue Balls trat er im Trio auf: Nur Piano und Gitarre begleiteten ihn. Und sie schafften durch diese Reduktion eine sehr dichte Stimmung. Nie legte es Naidoo auf eine Explosion an, sondern hielt die Stimmung konstant auf dem Level einer Andacht. Keine Mitklatsch- und Mitsingspiele, kein Firlefanz. Einfach Naidoo und seine Songs aus seiner knapp zwanzig Jahre langen Karriere.

Ein beeindruckendes Volumen

Aus dem vermeintlichen Hassprediger wurde im Konzertsaal des KKL ganz einfach ein Prediger. Viel wurde die Liebe, der Glaube und der Glaube an die Liebe beschworen. Politisch wurde Naidoo nur ganz kurz, als sich gegen den Einsatz der deutschen Bundeswehr in Afghanistan positionierte. Eben: spektakulär unspektakulär. So konnte man den Soul des 45-Jährigen ganz entspannt geniessen. Dabei zeigte er einmal ein beeindruckendes Volumen und konnte selbst in diesem sehr reduzierten Setting den Konzertsaal ausfüllen.

Es gab sogar ein paar richtig ergreifende Momente. Etwa, wenn er kurzerhand den Songtext von «so schön wie früher wird’s nicht mehr» zu «so schön wie früher wird’s wieder» umdichtet. Da hatte das eigentlich sehr überraschungsarme Set fast schon eine spirituelle Kraft. Und genau das dürfte das Anliegen des Predigers Naidoo gewesen sein.

Seven mit Gastauftritt

Ein anderer Höhepunkt war der Gastauftritt des Luzerner Soulsängers Seven. Dieser verdankt Naidoo seine neu aufgepowerte Karriere. Der Deutsche hatte Seven mit seiner Fernsehsendung einem breiten Publikum bekannt gemacht. Im KKL sangen sie zusammen «A Change Is Gonna Come». Berührend und kraftvoll. Es ist irgendwie fast schade, dass der Gastauftritt nicht über diese Nummer hinausging. Stimmlich ergänzen sich Seven und Naidoo hervorragend. Ebenfalls sehr schön war das Cover von «Amoi seg’ ma uns wieder» von Andreas Gabalier. Diese Ballade über Verlust des österreichischen Volksrock-’n’-rollers erhält in der Naidoo’schen Variante eine beachtliche Tiefe. Es ist beachtlich, wie viel Kraft der Sänger auch in ruhigere Momente stecken kann. Das macht viel vom Zauber des Xavier Naidoo aus.

Verzaubert hat er sowieso alle. Er hatte es aber auch leicht. Das Publikum war ihm komplett ergeben. In so einem intimen Rahmen erlebt man einen Naidoo selten (diesen Winter kommt er ins Hallenstadion). Und durch das Eindampfen auf die Essenz schaffte er es tatsächlich, dass auch bei ausverkauftem KKL eine familiäre Stimmung entstehen konnte.

Zugabe mit Tanz

Erst am Schluss des Konzerts schlug die andächtige Stimmung dann in Begeisterung um. Die Leute erhoben sich aus den Sitzen, und bei der Zugabe ermunterte Naidoo dann sogar «etwas zu tanzen. Aber erst am Schluss des Songs.» Die Leute folgten dem Prediger bis auf den vierten Balkon, wofür sie laut Naidoo eigentlich «eine Gefahrenzulage» verdient hätten.
Nach zwei Stunden war dann aber endgültig fertig. Vorher hatte Naidoo noch darauf hingewiesen, dass er «sehr gerne» wieder komme und man «sich sicher bald wieder sieht». Ganz ehrlich: Das wäre erfreulich.

Tipps der Redaktion fürs Blue Balls Festival


Neben dem Hauptprogramm im KKL bietet das Festival weitere, viele Entdeckungen. Wir haben für jeden Veranstaltungstag einen Tipp herausgesucht.

Täglich The Rolling Stones Olé, Olé, Olé!, 22 Uhr, KKL


Nein, Sie haben nichts verpasst: Die Rolling Stones kommen nicht ans Blue Balls. Aber auf der Leinwand kann man sie bewundern: Der Dokumentarfilm «The Rolling Stones Olé, Olé, Olé!» über ihre Tour durch Südamerika feiert am Blue Balls Schweizer Kinopremiere. Dabei kann man euphorisierte Fans und die Altrocker in beeindruckender Form erleben. Ein Besuch im Kino erscheint uns gerade für den Sonntagabend ideal. Wer die Stones übrigens wirklich live sehen will: Am 20. September kommen sie in den Zürcher Letzigrund.

Freitag, 21. Juli Avender, 18 Uhr, Seebar

Im allgemeinen Trubel rund um das Luzerner Seebecken bildet die Bühne vor der Seebar beim KKL die Ruheinsel. Dort auf der «Young Talent Stage» spielen Jazzstudenten von verschiedenen Hochschulen aus der Schweiz. Eröffnet wird diese Bühne mit Luzerner Beteiligung: Sängerin Despina Corazza hat soeben die hiesige Jazzschule abgeschlossen, und Kontrabassist Jonas Künzli stammt aus Büron. Zusammen machen sie eine auf die Essenz eingedampfte Musik, die viel Wärme und Gefühl ausstrahlt. Genau das Richtige, um kurz innezuhalten, bevor man sich wieder ins grosse Getümmel stürzt.

Samstag, 22. Juli Taktattackers, 23 Uhr, Schweizerhof

Die Blue-Balls-Nächte im Hotel Schweizerhof sind lange, intensiv und heiss. Manchmal, so behaupten böse Zungen, käme es gar nicht so drauf an, wer denn auf der Bühne im Zeugheersaal Musik macht – die Nacht generell und diverse kalte Getränke sorgen sowieso für Party. Im Fall der Taktattackers aus Deutschland ist dem Festival aber eine gelungene Wahl für den Samstagabend geglückt. Ihr mit viel Reggae versetzter Hip-Hop hat genügend Punch, um die Temperatur im altehrwürdigen Saal noch einige Grade höherzuschrauben.

Montag, 24. Juli Belly Hole Freak 18 Uhr, Schweizerhof

Von seinen Anfängen als Blues Festival sind beim Blue Balls heute nur noch Spuren übrig geblieben. Doch es gibt den Blues immer noch. Etwa der Belly Hole Freak aus Italien, der ab Montag drei Tage vor dem Hotel Schweizerhof spielt. Als Ein-Mann-Band spielt er den Blues in seiner dreckigen, knorrigen Variante, versetzt ihn aber auch mit Trompete und sonstigen Groovern. Man hört der Musik die Strasse an, das ist ein schöner Kontrast zu all den glatt geschliffenen Popsternchen dieser Tage.

Dienstag, 25. Juli GeilerAsDu, 18 Uhr, Pavillon

Nicht nur der Blues ist am Blue Balls nicht gerade übervertreten, auch Luzerner Künstler sind eher die Ausnahme. Mit GeilerAsDu steht aber etwas vom Besten aus der Region auf der Pavillonbühne. Das ist Rap mit Haltung, Mut und einem eigenen Flow. Die Texte sind weit weg vom Hedonismus von anderen Schweizer Rappern und oftmals dunkel und abgründig. Aber keine Angst: Das wird kein trauriger Anlass. Auch als Liveact sind GeilerAsDu ausgezeichnet und finden den richtigen Mix zwischen Party und Aussage. Und Herumhüpfen kann man auch nach dem Konzert genug: Dann kommt der Bieler Nemo auf die Bühne. Der ist deutlich jünger und tanzbarer.

Mittwoch, 26. Juli Wildwood Kin, 18 Uhr, KKL Plaza

Die drei Frauen (darunter zwei Schwestern) von Wildwood Kin haben gerade einen Lauf. Soeben spielten sie am grossen Glastonbury-Festival (auf einer Nebenbühne), und im August erscheint ihr Debütalbum auf einem Unterlabel von Sony. Sie spielen einen oftmals dreistimmigen und harmonieverliebten Folk. Das erfindet zwar das Rad der Musik nicht unbedingt neu, ist aber äusserst eingängig, hat viele schöne Melodien und macht gute Laune.

Donnerstag, 27. Juli Voodo Jürgens, 20 Uhr, Pavillon

Musik aus Österreich hat derzeit Hochkonjunktur. Wanda und Bilderbuch gehören zu den angesagtesten Acts im deutschsprachigen Raum. Ganz so weit ist Voodo Jürgens noch nicht. Aber vielleicht schon bald. In breitestem Wiener Dialekt erzählt er über reichlich rumpligen Sound allerlei groteske Geschichten. Das ist vielleicht nicht wirklich durchgehend mehrheitsfähig, aber steckt so voller Charme, Witz und einer Schrägheit, dass man einfach fast hinhören muss.

Freitag, 28. Juli Tash Sultana, 20 Uhr, Pavillon

Es gibt dieses Video von Tash Sul­tana. «Jungle» heisst es und wurde in der Stube ihres Elternhauses in Melbourne aufgenommen. Die damals 20-Jährige hat in dem sonst schon recht überstellten Zimmer viel Material aufgebaut. Gitarre, Mischpult, Computer und einen ganzen Haufen Effektgeräte. Dann beginnt Sultana den Song langsam aufzuschichten, Riff um Riff und Beat um Beat, dazu singt die Dame und tanzt, als wäre es gerade morgens um drei in einer Disco.

Ganz allein entwickelt sie dabei ­einen Sog und eine Energie, die anderen Bands auch in der Grossbesetzung abgehen. Es ist ein hypnotischer Mix aus Reggae, Folk und recht rockigen Passagen. Ihre musikalische Technik ist dabei deutlich weniger imposant als ihr Gespür für den Song: Selbst das knapp achtminü­tige «Jungle» wird eigentlich nie langweilig – allen Spielereien und Ausufereien zum Trotz. Auf Youtube wurde der Song bereits drei Millionen Mal geklickt. Das wird ein Ereignis.

Samstag, 29. Juli Abay, 20 Uhr, Pavillon

Aydo Abay war auch schon in Luzern. 2006 spielte er mit seiner damaligen Band Blackmail in der Schüür. Blackmail waren eine prägende Band in der deutschen Gitarrenrock-Landschaft. Ende 2008 gingen Band und Abay getrennte Wege. Der Sänger hat aber nie aufgehört, Musik zu machen. Unter anderem mit Ken oder nun mit Abay. Pop mit einem gewissen Hang zum Pathos, der aber auch vor krachigeren und druckvolleren Passagen keine Angst hat. Ein würdiger Schluss des Festivals.

Michael Graber
michael.graber@luzernerzeitung.ch

Blue Balls Festival beim KKL zum Auftakt am Freitag. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 21. Juli 2017))

Blue Balls Festival beim KKL zum Auftakt am Freitag. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 21. Juli 2017))

Samm Henshaw trat am Freitag im KKL auf. (Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey)

Samm Henshaw trat am Freitag im KKL auf. (Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey)

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