LUZERN: Stier Zambo mischt Bauer Amreins Kuhherde neu auf

Vor fünf Jahren hat sich Landwirt Urs Amrein auf die Haltung von Rätischem Grauvieh eingelassen. Damit hat er sich nicht nur seine wirtschaftliche Basis geschaffen, sondern sorgt auch für den Erhalt einer einst fast ausgestorbenen Rasse.

Thomas Heer
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Urs Amrein vom Neuhof zusammen mit seinem Stier Zambo – einem Rätischen Grauvieh. (Bild: Manuela Jans-Koch (Hildisrieden, 20. Januar 2017))

Urs Amrein vom Neuhof zusammen mit seinem Stier Zambo – einem Rätischen Grauvieh. (Bild: Manuela Jans-Koch (Hildisrieden, 20. Januar 2017))

Monokulturen gehören zum Trostlosesten, was in der Agrarindustrie von Menschenhand geschaffen wird. Zu erleben ist das bei einschläfernden Fahrten entlang von gigantischen Sojafeldern in Brasilien oder in Gebieten von Ölpalmfarmen in Indonesien – mit Ausdehnungen so gross wie Schweizer Gemeinden.

Der Trend zur Vereinheitlichung machte lange Zeit auch vor der Tierzucht keinen Halt. Produziert wurden und werden auch heute vielerorts noch immer jene Rassen, die schnell wachsen und möglichst viel Fleisch abwerfen. Seit einigen Jahren aber ist eine Veränderung in der Tierhaltung zu beobachten. Das stellt auch Stefan Heller, Geschäftsführer des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbandes, fest. Heller sagt: «Im Vergleich zu früher sind die Bauern heute flexibler und interessieren sich auch für andere Rassen, die pflegeleichter und je nach Betrieb standortgerechter sind und sich daher besser eignen. Das ist eine positive Entwicklung.» Kommt hinzu, dass die Haltung seltener Rindviehrassen – vergleichbar mit Herstellern rarer und alter Käsesorten – ihren Besitzern eine Aura von Exklusivität, aber auch Traditions- bewusstsein verleiht.

Die Vorteile des Rätischen Grauviehs

Geht es um den Erhalt und die Aufzucht seltener Nutztiere, kommt im Kanton Luzern dem Hildisrieder Landwirt Urs Amrein eine Pionierrolle zu. Denn vor zirka fünf Jahren zogen auf seinem Hof die ersten Exemplare der Gattung Rätisches Grauvieh ein. Eine Rasse, die in der Schweiz bis vor rund 30 Jahren gänzlich ausgestorben war.

Heute leben auf Amreins Hof 60 Tiere, Kühe, Rinder, Kälber und ein Stier. Schweizweit sei der Bestand mittlerweile wieder auf knapp 2000 Tiere angewachsen, wie Philipp Ammann, Bereichsleiter Tier bei Pro Specie Rara, zufrieden feststellt. Diese Stiftung setzt sich seit Jahren dafür ein, gefährdete Nutztierrassen und Kulturpflanzen vor dem Aussterben zu bewahren.

Die Mutterkuhhaltung bildet heute die solide wirtschaftliche Basis für den Bauern Amrein. Seine Kunden bedient er direkt ab Hof. Mit dem Rätischen Grauvieh machte der Luzerner bislang viele positive Erfahrungen. Seine Herde wird nicht mit Kraftfutter und Mais auf Schnellwachstum getrimmt, wie dies mit vielen Leistungsrassen geschieht. Amreins Tiere liefern auf Basis von hofeigenem Gras- und Heufutter sehr zartes Fleisch. Das hat auch kulinarische Auswirkungen: «Aufgrund des langsameren Wachstums bildet sich zudem ein guter Fleischgeschmack», so der Bauer. Weiter sei das Rätische Grauvieh, so ergänzt Amrein, eine robuste Rasse. Will heissen wenig krankheitsanfällig, was die Kosten für veterinärmedizinische Interventionen tief hält.

Nicht nur das Aussehen, auch der Charakter zählt

Entscheidend für den Erfolg des Rätischen Grauviehs, das zu Beginn der 1980er-Jahre vom Schweizer Hans-Peter Grünenfelder im österreichischen Oberinntal entdeckt und hierzulande wieder angesiedelt wurde, ist wie bei anderen Rassen die Qualität des Stiers. Seit wenigen Wochen lebt der zehn Monate alte Zambo auf Amreins Hof. «Um Inzucht zu vermeiden, wird der Stier alle rund 18 Monate ausgewechselt», sagt Amrein. Die Kühe sind durchaus anspruchsvoll: Die Stiere müssen nicht nur durch ihr Äusseres überzeugen, sondern auch charakterlich ohne Fehl und Tadel sein.

 

Thomas Heer

thomas.heer@luzernerzeitung.ch