LUZERN: Strassenstrich: Betreuerinnen wurden bedroht

Der Beratungscontainer Hotspot für Prostituierte ist ab sofort für unbestimmte Zeit geschlossen. Grund dafür ist die schlechte Sicherheitssituation.

Natalie Ehrenzweig
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Eine Prostituierte auf dem Strassenstrich Ibach (Symbolbild) (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Eine Prostituierte auf dem Strassenstrich Ibach (Symbolbild) (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Nachdem im September eine bulgarische Sexarbeiterin getötet wurde, sind die Prostituierten im Gebiet Ibach verängstigt und verunsichert. Davon erzählten drei der Beraterinnen, die im Container Hotspot mehrmals pro Woche den Frauen eine warme Suppe, Beratung und Zuwendung bieten, gestern an der ersten Mitgliederversammlung des Trägervereins Lisa.

Zwiespältiger Entscheid

Doch nicht nur die Sexarbeiterinnen haben Angst. «Unsere Beraterinnen, die ihre sehr anspruchsvolle Arbeit freiwillig leisten, sahen sich mit konkreten Bedrohungen konfrontiert. Deshalb haben wir uns schweren Herzens dazu entschlossen, den Container sofort zu schliessen, damit wir die Sicherheitssituation analysieren und verbessern können», sagt Ylfete Fanaj, Präsidentin von Lisa und Luzerner SP-Kantonsrätin.

Die folgende Diskussion machte den Zwiespalt deutlich, in dem sich der Vorstand mit der Entscheidung befindet. Einerseits gab es viel Dankbarkeit und Verständnis für die Anliegen der Beraterinnen. Andererseits wäre gerade jetzt, nach dem noch ungeklärten Tötungsdelikt und angesichts des nahenden Winters wichtig, die Frauen im Ibach zu unterstützen. Die Sexarbeiterinnen, die im Ibach arbeiten, waren bestürzt, als sie am Montag über die vorübergehende Schliessung informiert wurden.

Gute Zusammenarbeit mit der Polizei

«Wir müssen unsere Verantwortung gegenüber unseren freiwilligen Beraterinnen wahrnehmen und die Bedrohungen ernst nehmen», erklärt Ylfete Fanaj. Natürlich wolle man so bald wie möglich den Container wieder öffnen. Einen Zeitplan gibt es aber nicht, betont Fanaj: «Erst muss sich die Sicherheitssituation ändern.» Auch konkrete Forderungen kann der Verein noch keine machen. «Jetzt sind wir im Gespräch mit verschiedenen Fachinstitutionen, die bereits Erfahrungen gesammelt haben. Und natürlich auch mit den Beraterinnen», sagt Fanaj.

Die bestehenden Sicherheitsmassnahmen, wie etwa die Zusammenarbeit mit der Polizei, funktionierten gut. Dies bestätigte auch Justizdirektorin Yvonne Schärli. «Das Projekt ist mir ein enormes persönliches Anliegen, und ich werde intensive Gespräche führen», versprach sie und bedauerte die vorübergehende Schliessung. In der Diskussion über die Sicherheit im Ibach war – natürlich – auch der Standort ein Thema. Die Verdrängung der Sexarbeiterinnen an die Peripherie der Stadt führe auch eine Verantwortung der Stadt mit sich, diese dort zu schützen. Einen Teil dieses Schutzes würde der Beratungscontainer Hotspot bieten. «Manchmal können wir kaum aufschliessen und den Kaffee aufsetzen, da kommen die Frauen schon herein. Sie setzen sich, erzählen, manchmal haben sie Fragen», berichtet eine Beraterin von einem gewöhnlichen Abend. Doch der Container ist auch ein Raum, in dem die Sexarbeiterinnen sich untereinander austauschen, sich erzählen, einander Fotos von ihren Kindern zeigen, darüber reden, welche Freier gut sind, welche gewalttätig. Und die Beraterinnen klären auf, wie sie sich vor Krankheiten schützen und wo sie bei Problemen Hilfe suchen können. «Bei Zahnweh verteilen wir Gewürznelken und bei Bauchweh kochen wir Kamillentee», erzählen die Beraterinnen.

Der Ball liegt bei der Politik

Nachdem der Verein Lisa seit November 2013 viel Aufbauarbeit geleistet hat, läuft im nächsten Mai das Pilotprojekt Hotspot aus. Neben der Sicherheitsfrage muss deshalb ebenfalls geklärt werden, wie es dann mit dem Beratungscontainer weitergehen soll. Jetzt wird der Betrieb von Stadt, Kanton und dem Bundesamt für Gesundheit finanziert. Vorstandsmitglied Anita Schmidlin machte deutlich, dass der Ball jetzt bei der Politik liege. «Wir wollen dem Geld nicht nachrennen. Wir brauchen einen politischen Entscheid.»