LUZERN: Suche nach Ursachen der Gewalt

Die Fachstelle Agredis hilft Männern, die der Gewalt abschwören wollen. Der neue Geschäftsleiter Thomas Jost erklärt, wie das funktioniert.

Lena Berger
Merken
Drucken
Teilen
In den Beratungen von Agredis lernen gewalttätige Männer, wie sie verhindern können, dass eine Streitsituation eskaliert. (Symbolbild Keystone)

In den Beratungen von Agredis lernen gewalttätige Männer, wie sie verhindern können, dass eine Streitsituation eskaliert. (Symbolbild Keystone)

Lena Berger

Die Gewalt in den eigenen vier Wänden stoppen – das ist das Ziel von Thomas Jost. Seit Juni ist er Geschäftsführer des Vereins Agredis, seit fast zehn Jahren berät er Männer, die gegen ihre Partnerinnen gewalttätig geworden sind.

Herr Jost, was muss passieren, dass ein Mann bei Ihnen im Beratungsraum landet?

Thomas Jost:Der Grund, weshalb sich die Männer bei uns melden, ist fast immer ein besonders schlimmer Konflikt. Es kommt aber auch vor, dass Männer von Behörden angewiesen werden, bei uns in die Beratung zu kommen. Ziel ist es, durch eine Bearbeitung des Delikthergangs eine Verhaltensänderung zu bewirken.

Letztere sehen vielleicht gar nicht ein, warum sie eine Beratung brauchen. Wie gehen Sie damit um, wenn ein Mann der Partnerin die Schuld gibt, dass er sie geschlagen hat?

Jost:Beim ersten Gespräch weisen fast alle – auch die Freiwilligen – die Verantwortung von sich und bagatellisieren ihre Taten. Ich gehe darauf aber nicht ein, sondern weise sie darauf hin, dass ihre Partnerin jetzt nicht da ist, wir also darüber sprechen sollten, wie sie die Eskalation erleben. Wenn wir die Tatabläufe Schritt für Schritt durchgehen, erkennen sie anhand des Geschilderten meistens selbst ihren Teil der Verantwortung.

Es stimmt aber, dass ein Streit selten im luftleeren Raum entsteht. Oder?

Jost: Ein Streit hat immer eine Geschichte. Oft versuchen beide, ihre Meinung mit allen Mitteln durchzusetzen – mit Drohungen, Vorwürfen und Beleidigungen. Strafrechtlich relevante Verhaltensweisen zeigen die Männer aber klar öfter.

Wenden sich auch Männer an Sie, die nicht nur Täter sind, sondern Opfer von häuslicher Gewalt wurden?

Jost: Ja, immer öfter trauen sich die Männer zu sagen, dass sie geschlagen werden. Auch dort hilft es zu wissen, mit welchen Kommunikationsstrategien eine Situation entschärft werden kann. Mit den betroffenen Männern rede ich darüber, wo sie im Alltag Hilfe bekommen können. Eine zentrale Rolle spielen dabei Freundschaften. Ich nutze da gerne folgende Metapher: Eine Beziehung ist wie der Daumen an der Hand. Zweifellos ist er sehr wichtig. Aber um sich festhalten zu können, braucht der Mensch vier weitere Finger – und das sind die Freunde. Leider werden diese oft über Jahre vernachlässigt.

Wie kann ein Mann konkret verhindern, dass eine Streitsituation eskaliert?

Jost: Ein erster Schritt ist, sich bewusst zu machen, welche Gefühle in der Situation aufkommen. Aggression ist eine wichtige Emotion, ein Alarmsignal dafür, dass etwas nicht stimmt. Der Versuch, sie zu unterdrücken, führt zu impulsivem Verhalten. Besser ist es, herauszufinden, woher sie kommt. Oft steckt ein Gefühl der Ohnmacht oder der Angst dahinter. Wenn sie das erkennen, können die Männer diese Emotionen verbal ausdrücken – und die Partnerin hat die Chance zu verstehen, was genau los ist. Das Gespräch kommt so auf eine ganz andere Ebene.

Wer schlägt, ist als Kind selber geschlagen worden. Ist das mehr als nur ein Klischee?

Jost:Es gibt viele solche Fälle. Es gibt aber auch Männer aus einem intakten Elternhaus, die nie gelernt haben, Konflikte auszutragen. Das hat mit der Überzeugung vieler Eltern zu tun, nicht vor den Kindern zu streiten. Wenn Vorbilder fehlen, kann es zu Schwierigkeiten in der Partnerschaft kommen. Das fängt oft mit Beleidigungen an. Aber wenn diese Schwelle überschritten ist und ein verbaler Angriff nicht mehr den gleichen Effekt hat, geht es immer weiter – bis zu groben Gewalttätigkeiten.

Gewalt in einer Partnerschaft ist oft mit eingeschliffenen Verhaltensmustern verbunden. Macht es da überhaupt Sinn, den Mann als Einzelperson zu beraten?

Jost:Davon bin ich überzeugt. Ich lehne es ab, mit der Partnerin eines Klienten zu reden. Wenn der Mann sein Verhalten ändert, überträgt sich das sofort auf die Partnerschaft. Hat er zum Beispiel neue Möglichkeiten entwickelt, auf Beleidigungen zu reagieren, fühlt er sich der Situation weniger ausgeliefert – und schlägt nicht mehr mit den gleichen Mitteln zurück. Wenn er aus den Mustern aussteigt, wird sie auch nicht gleich weitermachen wie bisher.

In welchen Situationen empfehlen Sie die Trennung von der Partnerin?

Jost:Es gibt Fälle, in denen es gelingt, die Gewaltspirale zu durchbrechen und die Beziehung weiterzuführen. Ich habe schon erlebt, dass Männer so intensiv an sich gearbeitet haben, dass es ihnen gelungen ist, das Vertrauen ihrer Partnerin wieder zu gewinnen. Aber es gibt Momente, in denen ich jedem zu einem temporären Kontaktunterbruch rate. Etwa bei einer Wegweisung.

Warum?

Jost:Wenn ein Mann von der Polizei aus der Wohnung gewiesen wird, hat er meist hundert Fragen. Er möchte so schnell wie möglich zurück, will wissen wie es weitergeht, vielleicht seine Kinder sehen. Wenn er das aber versucht, bewirkt er damit das genaue Gegenteil. Der Druck, den er bei seiner Familie auslöst, schadet ihm möglicherweise massiv.

Wie sieht die richtige Reaktion aus?

Jost: Wichtig ist, dass sie sich um eine Unterbringung kümmern, in der sie ihre Situation in Ruhe analysieren können. Wenn ein Mann seine Wohnung verlassen und vielleicht sogar in seinem Auto übernachten muss, befindet er sich in einer hochexplosiven Ausnahmesituation.

Das Motto von Agredis ist: «Gewaltberatung von Mann zu Mann». Solidarisieren Sie sich mit Gewalttätern?

Jost: Nein. Wir verurteilen den Menschen zwar nicht, wohl aber sein gewalttätiges Verhalten. Die Delikte stehen im Zentrum unserer Beratung. Wir schauen die Vorfälle genau an, wollen herausfinden, wie es so weit kommen konnte. Es geht in den Gesprächen darum, dass die Männer die Fähigkeit entwickeln, sich in ihr Gegenüber einzufühlen. Sie sollen verstehen, wie bedrohlich es wirkt, wenn sie ein gewisses Verhalten an den Tag legen. Die Täterberatung ist gleichzeitig eine Opferprävention.

HINWEIS

Thomas Jost (47) ist Sozialpädagoge. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Triengen.

Fachstelle Agredis

ber. Die acht Agredis-Mitarbeiter haben in den letzten zwei Jahren 272 Männer beraten. Ihre 3-jährige Ausbildung basiert auf dem Hamburger Modell nach Oelemann und Lempert. Über die Hälfte melden sich über die Hotline (078 744 88 88). Pro Stunde kostet die Beratung für Freiwillige 100 Franken. Die Beratungen werden in sieben Sprachen angeboten – im Bedarfsfall wird ein Übersetzungsdienst aufgeboten.

www.agredis.ch