LUZERN SÜD: See soll neuen Stadtteil heizen

Die neuen Grossüberbauungen in Luzern Süd sollen mit Seewasser geheizt werden. Doch noch gibt es viele offene Fragen. Deshalb setzen die Bauherren vorläufig auf andere Heizmethoden.

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So funktioniert die Wärmegewinnung aus dem See. (Bild: Grafik Neue LZ)

So funktioniert die Wärmegewinnung aus dem See. (Bild: Grafik Neue LZ)

Robert Knobel

Luzern Süd, das Gebiet zwischen Eich­hof, Schlund und Horwer Seebecken, besteht heute zu einem grossen Teil aus Industriegebieten und grünen Wiesen. In wenigen Jahren wird das Gebiet nicht wiederzuerkennen sein. Riesige Areale sollen neu überbaut, Tausende neue Bewohner und Arbeitskräfte sollen sich in Luzern Süd niederlassen. Dieser Boom soll in geordnete Bahnen gelenkt werden. So zumindest lautet das Ziel der betroffenen Gemeinden Luzern, Horw und Kriens, welche das Gebiet zusammen mit dem Verband Luzern Plus entwickeln wollen. So soll beispielsweise der Autoverkehr trotz der enormen Bautätigkeit nur wenig zunehmen (Ausgabe vom 24. November).

Energieverbrauch soll sinken

Ein ähnlicher Spagat ist im Energiebereich vorgesehen – mit geradezu kühnen Zielvorgaben. Der Energieverbrauch in Luzern Süd soll nämlich im Vergleich zu heute sinken. Im Jahr 2012 betrug der Wärmeverbrauch im ganzen Gebiet rund 170 GWh. Bis zum Jahr 2035 soll dieser Wert auf 130 GWh sinken. Wie soll das möglich sein, wo doch die Zahl der Wohnungen und Büros bis dahin geradezu explodieren wird?

Das Zauberwort heisst Energieeffizienz. «Der heutige Gebäudepark, vor allem ältere Gebäude, braucht bis zu zehnmal mehr Energie als vergleichbare energieeffiziente Neubauten», sagt Thomas Glatthard, Gebietsmanager von Luzern Süd. Allein dadurch, dass alte Gebäude saniert oder durch neue ersetzt werden, könne also enorm viel Heizenergie gespart werden. So schaffe man es, dass der Gesamtverbrauch sinkt, obwohl die Zahl der Gebäude stark zunimmt.

Wärme abgezwackt

Doch nicht nur in absoluten Zahlen soll Luzern Süd zur umweltfreundlichen Vorzeigesiedlung werden. Auch die Art der geplanten Energieversorgung tönt geradezu futuristisch. Statt auf Öl- oder Gasheizungen zu setzen, sollen die Siedlungen grösstenteils mit Seewasser geheizt werden. Das funktioniert, indem dem Seewasser mittels Wärmepumpe einige Grad «abgezwackt» werden. Ein Kubikmeter Seewasser reicht aus, um einen Quadratmeter Bürofläche zwei Tage lang zu beheizen. Anschliessend fliesst das verbrauchte, um ein paar Grad kältere Wasser wieder zurück in den See. Möglichst alle neuen Überbauungen in Luzern Süd sollten auf diese Weise mit Wärme versorgt werden. So zumindest heisst es im Energiekonzept für das Gebiet, das die drei Gemeinden gemeinsam verabschiedet haben.

Verhandlungen laufen noch

Es sind zwei grosse Player, welche die Nutzung von Seewasser vorantreiben wollen. Zum einen handelt es sich um die EWL, welche vom Luzerner Seebecken aus Teile der Innenstadt sowie Luzern Süd versorgen will. Die Planungen dazu kommen allerdings nicht ganz so schnell voran wie ursprünglich erhofft. So war zuerst geplant, dass die EWL eine Seewasserleitung über das ehemalige Zentralbahn-Trassee Richtung Luzern Süd führt. Die Verlegung der Leitung hätte gleichzeitig mit den Bauarbeiten für den neuen Velo- und Fussweg auf dem ehemaligen Bahntrassee erfolgen sollen. Doch inzwischen hat sich die EWL von diesen Plänen zurückgezogen, da man sich noch nicht auf eine definitive Linienführung festlegen will (Ausgabe vom 11. Juli). Ebenfalls ein Seewasser-Projekt verfolgt die Seenergy AG aus Horw. Sie plant die Energieversorgung von der Horwer Bucht aus, ebenfalls Richtung Luzern Süd. Zurzeit sind EWL und Seenergy in Verhandlungen über eine Zusammenarbeit im Gebiet Luzern Süd. «Wir gehen davon aus, die Verhandlungen noch in diesem Jahr abzuschliessen», sagt EWL-Spre­cherin Nicole Reisinger. 2016 soll dann konkretisiert werden, welche Gebiete genau mit Seewasser versorgt werden sollen.

Grundwasser statt Seewasser

Für diejenigen Bauprojekte in Luzern Süd, welche bereits in Ausführung sind oder kurz vor Baubeginn stehen, ist dies allerdings zu spät. So beispielsweise für den Mattenhof, wo die Firma Mobimo ab 2016 eine neue Wohn-, Büro- und Geschäftsüberbauung realisiert. «Wir hätten uns dem Seewasser-Projekt gerne angeschlossen», sagt Claudia Siegle, Projektleiterin bei Mobimo. Doch angesichts der unsicheren Ausgangslage hat Mobimo ein eigenes Energiekonzept erarbeitet. Die Beheizung der Überbauung mit 300 Wohnungen, Büros und einem Hotel erfolgt zwar ebenfalls mit umweltfreundlichen Wärmepumpen. Statt Seewasser kommt aber nun Grundwasser zum Einsatz. Die Konzession zur Grundwasserentnahme hat Mobimo bereits erhalten. Wäre eine spätere Umnutzung für Seewasser denkbar? Das wäre nicht ganz einfach, räumt Claudia Siegle ein. Denn Grundwasser ist wärmer als Seewasser – was ganz unterschiedliche technische Einrichtungen erfordert. «Bei einer allfälligen zweiten Bauetappe würde das Seewasser aber sicher wieder aktuell», sagt Claudia Siegle.

Öl- oder Gasheizungen seien im Mattenhof hingegen nie ein Thema gewesen. «Das entspricht nicht der Nachhaltigkeitsstrategie von Mobimo.» Zudem wären fossile Heizquellen laut Mattenhof-Gestaltungsplan auch gar nicht erlaubt.

Gasheizung als Rückversicherung

Bereits im Bau ist der Schweighof, wo in den nächsten zehn Jahren 600 Wohnungen und 1500 Arbeitsplätze entstehen werden. Auch dort setzen die Bauherren vorläufig auf Grundwasser. Dieses wird auf dem Areal selber hochgepumpt und nach der Nutzung für die Heizung wieder zurück in den Boden geleitet. Wie ergiebig die Grundwasserenergie sein wird, ist im Moment allerdings noch nicht exakt abschätzbar. «Deshalb planen wir als Ergänzung auch eine Gasheizung, um die Spitzenzeiten abzudecken», sagt Guido Cavelti, Projektkoordinator für den Schweighof. Das ganze Heizsystem werde so gebaut, dass eine spätere Umnutzung für Seewasser möglich ist.