LUZERN SÜD: So soll Kollaps verhindert werden

Tausende neue Wohnungen und Büros werden im Dreieck Kriens–Luzern–Horw gebaut. Damit der Verkehr nicht zusammenbricht, sollen die Bewohner auf ÖV und Velo setzen.

Robert Knobel
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Bild: Grafik Neue LZ/Oliver Marx

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Robert Knobel

Luzern Süd – hinter dem nüchternen Namen versteckt sich eine spektakuläre Entwicklung. In dem Gebiet zwischen Eichhof, Allmend, Schlund und Horw wird in den nächsten Jahren kein Stein auf dem anderen bleiben. So sollen dort gegen 2000 neue Wohnungen entstehen. Dazu Tausende Büros, Läden und Hotels sowie eine neue Saalsporthalle.

Passagierzahlen verzehnfacht

Klar, dass durch diese Entwicklung auch die Mobilität massiv zunehmen wird. So wird für die S-Bahn-Station Mattenhof ein Passagieraufkommen von bis zu 10 000 Personen pro Tag erwartet – zehnmal mehr als heute. Für die Region Luzern Süd ist ein Verkehrskonzept in Erarbeitung, das Anfang 2016 in die Parlamente der drei betroffenen Gemeinden Luzern, Kriens und Horw kommt. Und dieses Konzept wird wohl viel zu reden geben. Denn das Verkehrskonzept sieht vor, dass die starke Verkehrszunahme nicht durch Kapazitätsausbauten bewältigt werden soll. Im Vordergrund steht vielmehr das Mobilitätsverhalten der Leute. Einerseits sollen die Siedlungen so gestaltet werden, dass sie möglichst wenig Mehrverkehr generieren – beispielsweise, indem auf besonders verkehrsintensive Nutzungsarten verzichtet wird. Andererseits soll der Verkehr, der trotzdem entsteht, möglichst mit Bus, Zug und Velo abgewickelt werden. Der Autoverkehr soll hingegen in Grenzen gehalten werden. «Die Strassenkapazität in Luzern Süd ist bereits heute nahe am Limit», sagt der Krienser Gemeindepräsident Cyrill Wiget (Grüne). Und ein Ausbau ist gemäss Kanton, der für die Hauptstrassen zuständig ist, kein Thema und ist im Entwicklungskonzept auch nicht vorgesehen. Diese Tatsache, verbunden mit dem enormen Wachstum in dem Gebiet, sei eine «riesige Herausforderung», wie Cyrill Wiget sagt. Kein Wunder, ist im Verkehrskonzept von einem grundsätzlichen Paradigmenwechsel die Rede und von einem «Mehrgenerationenprojekt» mit dem Ziel, das Mobilitätsverhalten der Leute zu ändern.

Weniger Parkplätze

Was dies konkret bedeutet, zeigt sich im Mattenhof, wo die Planungen weit fortgeschritten sind. Die Grossüberbauung, welche die Firma Mobimo ab 2016 dort realisiert, soll mit wenig Parkplätzen auskommen. Für die Überbauung, in der künftig 2000 Menschen wohnen und arbeiten, sollen insgesamt 830 Parkplätze zur Verfügung stehen. Das ist deutlich weniger als für Überbauungen dieser Grösse üblich (Ausgabe vom 17. Oktober). Deshalb sollen möglichst Mieter ohne Auto einziehen, und die neuen Läden sollen Waren verkaufen, die man nicht mit dem Auto transportieren muss. Auch im Nidfeld, auf dem ehemaligen Areal des Pilatusmarkts, wurde die Zahl der neuen Parkplätze deutlich tiefer angesetzt. Und für die geplante Saalsporthalle Pilatus-Arena sind sogar so gut wie keine eigene Parkplätze vorgesehen. Besucher von Veranstaltungen sollen möglichst mit dem ÖV anreisen. Und wer trotzdem mit dem Auto kommt, soll auf der Allmend parkieren. Angedacht ist zudem, dass die Besucher der Saalsporthalle auch die Parkplätze der Mattenhof-Überbauung nutzen dürfen.

Alle siebeneinhalb Minuten ein Zug

Gleichzeitig soll das Angebot des öffentlichen Verkehrs in Luzern Süd verbessert werden. In der S-Bahn-Station Mattenhof soll ab 2021 alle siebeneinhalb Minuten ein Zug halten. Der Bahnhof Mattenhof soll zum Einfallstor nach Luzern Süd werden. Gemäss den Vorstellungen der Planer soll der grösste Teil der Besucher auf diesem Weg ins Quartier kommen. Für die Feinverteilung sind dann die Busse zuständig, welche vom Bahnhof Mattenhof beispielsweise Richtung Nidfeld oder Schweighof fahren. Kommt hinzu, dass die meisten der grossen Neuüberbauungen nicht mehr als 200 Meter vom Bahnhof entfernt sind. Eine Änderung gibt es zudem bei der VBL-Linie 14 (Würzenbach–Horw). Diese soll künftig über die Arsenalstrasse Richtung Südpol fahren. Damit entfällt der Umweg rund um den Autobahnknoten Kriens. Auch die Velofahrer sollen künftig bequemer nach Luzern Süd gelangen. So soll auf mehreren Strassen die Sicherheit für Velofahrer erhöht werden. Ein wichtiger Schritt wird 2017 die Eröffnung des Velowegs auf dem ehemaligen Zentralbahn-Trassee, der den Mattenhof mit der Luzerner Innenstadt verbinden wird. Der Autoverkehr soll möglichst kanalisiert werden. Zu einer Hauptschlagader soll die Südallee werden. Damit ist der Abschnitt der Nidfeldstrasse zwischen Südpol und Mattenhof gemeint. Dieser Abschnitt soll so ausgebaut werden, dass Autos und Busse je ihre separate Spur haben. Auch ein Velo­streifen ist geplant. Zudem soll die Strasse mit Bäumen bepflanzt werden und so den Charakter einer Allee erhalten. Die Detailplanung dazu soll 2016 starten.

Mattenhof-Kreisel am Anschlag

Klar ist, dass trotz allen Bestrebungen, den ÖV zu fördern, auch der Autoverkehr zunehmen wird. Vor allem die Zufahrten in Richtung des neuen «Stadtzentrums» zwischen Südpol und Mattenhof werden deutlich mehr belastet. Betroffen sind insbesondere die Ringstrasse und der Mattenhof-Kreisel. Die zusätzlichen Autos kommen einerseits vom Autobahnanschluss Luzern-Horw, andererseits aus dem Gebiet Kriens-Roggern über den Kreisel Vorderschlund. Deshalb wird im Rahmen des Verkehrskonzepts geprüft, ob man die Kapazität allenfalls mit kleineren Anpassungen etwas erhöhen könnte – beispielsweise mit einer separaten Busspur auf der Ringstrasse. Auch ein Ausbau des einspurigen Kreisels Mattenhof auf zwei Spuren wird vom Kanton ins Auge gefasst.

Bedenken wegen des Mattenhof-Kreisels hat auch Patrick Müller, Vizepräsident des Krienser Gewerbeverbands und Initiant des Komitees Staufreies Kriens. «Wenn der Verkehr weiter zunimmt, wird er auf dem Kreisel kollabieren.» Ein Teil des Problems ist gemäss Müller die Tatsache, dass heute viele Autos vom A-2-Anschluss Horw via Mattenhof-Kreisel nach Kriens fahren. Dies, weil es gar keinen anderen Weg nach Kriens gibt. Um den Autofahrern diesen Umweg zu ersparen, würde es genügen, den Einbahnabschnitt der Motelstrasse auf zwei Spuren auszubauen. Dann könnte man von der A-2-Ausfahrt über die Ringstrasse und dann links Richtung Motelstrasse und per Horwerstrasse nach Kriens. Eine Öffnung der Motelstrasse würde gemäss Müller eine neue attraktive Verbindung zwischen Kriens und Horw schaffen – während das Gebiet Mattenhof grossräumig umfahren wird. Von dieser Idee hält Cyrill Wiget allerdings nichts: Auch wenn die Motelstrasse heute noch auf einer grünen Wiese liegt, befindet sie sich in unmittelbarer Nähe der künftigen Siedlung Schweighof. «Dort werden künftig bis zu 3000 Leute wohnen. Da wäre es völlig falsch, eine neue Hochleistungsstrasse mitten in ein neues hochattraktives Wohnquartier zu bauen», sagt Wiget.

Gemeinsame Raumplanung

red. 25 Gemeinden in der Region Luzern haben sich 2010 zum Verband Luzern Plus zusammengeschlossen. Ziel ist es, Projekte, welche über die Gemeindegrenzen hinausgehen, gemeinsam voranzutreiben. Der wichtigste Bereich ist dabei die Raumplanung. So ist Luzern Plus massgeblich an der Entwicklung der Gebiete Luzern Süd (Eichhof–Schlund–Horw, Luzern Nord (Seetalplatz–Reussbühl), und Luzern Ost (Rontal) beteiligt. Im Zentrum steht dabei jeweils die Frage, welche Nutzungen man an welchen Orten will.

Büros statt Industriegebiet

Oft geht es auch darum, nicht oder nicht mehr genutzte Areale neu zu entwickeln. Oder man strebt ganz bewusst eine Neuausrichtung eines Gebiets an. Das ist insbesondere bei Luzern Süd der Fall. Die drei Gemeinden Kriens, Luzern und Horw sind sich einig, dass das bisherige Industriegebiet einer neuen, dichteren Nutzung zugeführt werden soll. Im Zentrum stehen Wohn- und Büroüberbauungen sowie Dienstleistungsbetriebe. Zu diesem Zweck wurde 2013 ein Entwicklungskonzept für Luzern Süd verabschiedet.

Zehn Jahre Bauzeit

Zu Luzern Süd gehört auch das Teilgebiet Allmend, das mit Swissporarena, Messe, Sportgebäude und Hochhäusern bereits abgeschlossen ist. Kürzlich begonnen wurde mit den Bauarbeiten für den Schweighofpark, 2016 folgt die Überbauung Mattenhof (siehe Grafik). Bis das ganze Gebiet Luzern Süd neu gebaut ist, wird es mindestens zehn Jahre dauern.

 www.luzernplus.ch