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LUZERN: Taser-Selbsttest: Fünf Sekunden Ewigkeit

Die Polizei hat sich zusätzliche Taser angeschafft. Sie eignen sich gut als «Androhungsmittel» und setzen einen notfalls mit 50 000 Volt ausser Gefecht – wie ein Selbstversuch zeigt.
Alexander von Däniken
In einer zweitägigen Ausbildung lernen die Luzerner Polizisten alle Funktionen des Tasers kennen. (Bild: Dominik Wunderli (Emmenbrücke, 17. Januar 2018))

In einer zweitägigen Ausbildung lernen die Luzerner Polizisten alle Funktionen des Tasers kennen. (Bild: Dominik Wunderli (Emmenbrücke, 17. Januar 2018))

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@ luzernerzeitung.ch

Spärlich dringt das Sonnenlicht durch die Lamellen im Schulungsraum. Es fällt auf kleine gelbe ­Geräte, die in den Händen von zehn Polizisten liegen. Instruktor ­Zumkemi erklärt ihnen im Polizeistützpunkt Emmenbrücke die Handgriffe des DSG. Das steht schweizweit für Destabilisierungsgerät. Besser bekannt ist es unter dem Markennamen Taser. «Darum sagen wir intern DSG und gegenüber der Bevölkerung Taser», sagt Zumkemi den Polizisten, die am Gerät ausgebildet werden. Verwendet wird der Begriff Taser zum Beispiel bei der sogenannten verbalen Androhung; wenn also Polizisten gewaltbereite Personen auffordern, ihre Waffe nieder­zulegen oder sich zu ergeben. Auf Anfrage durfte unsere Zeitung an einem Ausbildungstag dabei sein. Ab morgen Donnerstag erhält das Korps zusätzliche Ge­räte. Wie viele, wird aus taktischen Gründen nicht kommuniziert.

Der Einsatztrainer demons­triert, was Polizisten machen müssen, wenn Gewaltbereite und Gefährliche sich von Worten und milderen Einsatzmitteln nicht beeindrucken lassen. Im Ernstfall schiessen mittels Druckgas zwei kleine Pfeile aus dem DSG. An ihnen ist je ein Draht befestigt, der 50 000 Volt und 0,0013 Ampere durch den Körper fliessen lässt – durch Kleidung hindurch. Doch wie fühlt sich das an?

Polizisten wird Selbsttest empfohlen

Die Luzerner Polizei führt eine zweitägige Ausbildung durch, vorgeschrieben wären nur sechs Stunden. Auf dem Plan stehen Theorie, Funktion und Hand­habung des Geräts, praktische Übungen – und ein Selbsttest. Er beruht aber auf Freiwilligkeit. Der Autor dieser Zeilen wagte den Versuch – aus rein journalistischer Neugier. So lange haben sich fünf Sekunden noch nie angefühlt. Das ist die Dauer eines automatischen Zyklus, welcher verlängert werden kann, wenn die gewünschte Wirkung nicht eintritt.

Statt der Pfeile und Drähte werden für Übungen Klemmen und Kabel verwendet. Die Klemmen werden am Rücken am Hemd befestigt. Einsatztrainer Zumkemi drückt den Auslöser, das Knistern beginnt.

Unglaublicher Schmerz. Alles verkrampft. Die Beine wollen nach­geben, bleiben aber standhaft. Wie lange noch? In der Kehle sammelt sich ein Schrei. Wird unterdrückt. Noch entweicht ein leises, verzerrtes Gurgelgeräusch. Wie ­lange noch? Der Schmerz ist am ­Rücken am ­heftigsten, aber sucht sich seinen Weg durch alle Muskeln. Wie lange noch? Die Augenlider wollen sich schliessen, den Schmerz aussperren. Die Augen bleiben ­offen, der Schmerz bleibt da. Wie lange noch?

Endlich, endlich hört das Knistern auf, ebbt der Schmerz ab, entspannen sich alle Muskeln. Der Puls ist hoch, die Atmung schnell, der ­rettende Stuhl nah. Nach fünf ­Minuten Sitzen und Wassertrinken ist die Normalität zurück, das Vertrauen in den Körper wieder da.

Auch im Ernstfall dürfen die Polizisten eine getaserte Person nicht im Stich lassen. Das ist eine der zig Weisungen, welche die Polizisten bei der Ausbildung und bei regelmässigen Tests verinnerlichen. Nur vage vorhersehbar sind allerdings die Reaktionen, während das sensorisch-moto­rische Nervensystem ausser Gefecht gesetzt wird. «Manche kippen um, andere schreien, andere versuchen wegzulaufen, und wieder andere fühlen sich zwei Stunden danach noch schlecht», sagt Korps­instruktionsleiter Amrein. Er beschäftigt sich schon seit 18 Jahren mit dem DSG.

Gerät schliesst Lücke zwischen Stock und Pistole

Die Elektrowaffen sind bei der Luzerner Polizei schon länger im Einsatz, allerdings nur bei der Interventionseinheit. Jetzt sollen auch einzelne Patrouillen damit ausgerüstet werden. Bei ihnen schliesst das DSG laut Amrein eine Lücke zwischen Mehrzweckstock, Reizstoffspray und Pistole: Der polizeiliche Mehrzweckstock sei zwar effektiv für die Verteidigung, wirke aber selten bedrohlich. Der Reizstoffspray sei nicht immer wirksam, während der Griff zur Pistole zwar in vielen ­Situationen notwendig sei, aber als letzte Massnahme gilt. Das DSG fällt unter das Waffengesetz, ist also für Normalbürger so verboten wie etwa Elektroschock­geräte, die vorne einen Blitzbogen für den direkten Kontakt hervorrufen.

Gerade in Fällen von häus­licher Gewalt oder bei Betäubungsmitteldelikten lasse sich schwer abschätzen, ob es ein DSG brauche, sagt Amrein. Bis ein Taser-Träger vor Ort sei, habe es bisher Zeit gebraucht. Nun könne das Gerät schneller ein­gesetzt werden. Zum Beispiel wenn ein alkoholisierter Mann mit Gewalt droht, während neben ihm seine geschlagene und verletzte Frau liegt. Oder wenn ein Drogendealer sich nicht ergeben will. Oder wenn eine psychisch kranke Person nicht zu beruhigen ist.

Tödlich ist dieser Taser übrigens nicht. Er gilt laut Instruktionsleiter Amrein als nonletales Einsatzmittel bei der Polizei und kann gegen gewaltbereite, alkoholisierte und unter Betäubungsmittel stehende Personen eingesetzt werden.

«Die Anschaffung der zusätzlichen DSG ist für uns ein Meilenstein», sagt Amrein. Dabei könne die Luzerner Polizei auch von der Erfahrung anderer Schweizer Polizeikorps profitieren. Die gelbe Farbe zum Beispiel ist bewusst gewählt, um im Einsatz eine Verwechslung auszuschliessen – obschon das DSG im Gegensatz zur Pistole über Kreuz gezogen wird.

Ein Taser kostet die Polizei knapp 1000 Franken, eine Kartusche mit Pfeilen und Drähten etwas über 40 Franken. Die Anschaffung ist über das ordentliche Budget erfolgt. Was den Taser – in diesem Fall handelt es sich tatsächlich um diese Marke – so teuer macht: Im Innern ist ein Chip eingebaut, der jede Aktivität aufzeichnet. Am Computer kann mittels Programm nachvollzogen werden, wann was mit dem Gerät gemacht wurde. «Missbrauch ist damit praktisch ausgeschlossen», erklärt Amrein.

Er geht sowieso davon aus, dass in den meisten Fällen allein die Präsenz des gut sichtbaren gelben Geräts genügt, um eine ­Situation zu entspannen. Dabei stützt er sich auf die Erfahrungen anderer Polizeikorps, welche die «präventive und deeskalierende Wirkung bestätigen». Und sonst wird es für Renitente und Gewaltbereite halt schmerzhaft.

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