LUZERN: Teuflisches Spiel mit der Liebe

Kriminelle ziehen derzeit Luzernerinnen finanziell gnadenlos über den Tisch. Via Internet gaukeln sie Liebe vor, fordern und erhalten von den Frauen immense Geldbeträge. In einem Fall mehr als eine Million Franken.

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Im Internet versuchen Betrüger, das Vertrauen ihrer Opfer zu gewinnen – bevor sie teils hohe Geldbeträge fordern. (Bild: Getty)

Im Internet versuchen Betrüger, das Vertrauen ihrer Opfer zu gewinnen – bevor sie teils hohe Geldbeträge fordern. (Bild: Getty)

«Nach einer langwierigen Scheidung und dem Wegzug meiner beiden Töchter will ich mein Leben neu ordnen. Gerne würde ich mein Herz wieder einer Frau schenken, mit der ich romantische Stunden verbringen und zuversichtlich in die Zukunft blicken darf.» Solche und ähnliche Avancen verbreiten Berufskriminelle derzeit auf den entsprechenden Internet-Seiten. Dort, wo sich Männer und Frauen austauschen, wenn sie sich nach einem neuen Partner sehnen. Fühlt sich die Frau vom Text angesprochen, schreibt sie dem Unbekannten zurück. Zum Beispiel: «Auch ich glaube noch an die grosse Liebe. Nur allzu gerne würde ich Dir mein Herz schenken.» Solche Konversationen können sich über Wochen hinziehen. Manchmal läuft es auch umgekehrt. Täter melden sich auf Inserate von Frauen. Die Opfer ahnen nicht, auf was für ein Spiel sie sich dabei einlassen.

Über Skype Vertrauen aufgebaut

Täglich kommt es zum mehrfachen schriftlichen Austausch. Die nächste Stufe des gefühlsmässigen Einlullens kann via Skype stattfinden. Die vermeintlichen Turteltauben tauschen sich nun verbal aus. «Was für eine wunderbare Stimme, welch hohes Mass an Sensibilität, Emotionalität und Intelligenz», urteilt die Frau in Gedanken über ihren künftigen Traum-Partner, der in perfektem Deutsch konversiert. Die Glücksgefühle der Getäuschten haben die rote Linie längst durchbrochen. Ihre Verletzlichkeit erreicht nun ein Höchstmass. Sämtliche Warnmechanismen sind ausgeschaltet. Die Liebe lässt das Opfer erblinden. Wie hungrige Hyänen warten die Gangster auf diesen Moment. Es ist Zeit für den Angriff.

Das Leben des Verehrten nimmt nun unvermittelt eine unheilvolle Wende. Krankheiten, Unfälle, beruflicher Misserfolg oder sonst ein Schicksalsschlag führen die vom Schicksal gebeutelten in die finanzielle Bredouille. Der Absturz droht. Was liegt in einer solchen Situation näher, als bei der Angehimmelten um Hilfe zu bitten. Nicht um moralische, sondern um viel Handfesteres – Geld. Die Transfers werden zum Beispiel über Western Union abgewickelt oder direkt auf ausländische Konten überwiesen. Die Zahlungen erfolgen scheibchenweise und erreichen mitunter astronomische Höhen. Eine Frau aus dem Grossraum Luzern hat einem Betrüger jüngst mehr als eine Million Franken überwiesen. Simon Kopp, Sprecher der Staatsanwaltschaft, sagt: «Die Person leidet heute massiv darunter, dass sie skrupellos und perfide ausgenutzt wurde.»

Liebe macht blind

Auf der Klaviatur der Liebe brauen Verbrecher ein hochgiftiges Gemisch. Sie spielen mit den Gefühlen von einsamen Frauen, die sich nach Geborgenheit, Wärme und herzlicher Zweisamkeit sehnen. Sie missbrauchen all das, was Menschen eben zu Menschen macht. Die Fähigkeit nämlich, mittels Verstand, aber auch Gefühl, Respekt und tiefem Vertrauen zum Gegenüber ein Zusammenleben zu pflegen, wie es in der Natur sonst nirgends zu finden ist. Das Heimtückische an dieser Konstellation: Gerade zu Beginn einer Beziehung spielt der Verstand oft eine untergeordnete Rolle. Gefährliche Gefühlsnebelschwaden führen zu Kurzsichtigkeit und hindern das klare Denken. Exakt diese Schwachstelle nutzen Gangster gnadenlos aus. Genau hier setzen sie mit dem Geissfuss an und öffnen sich damit den Weg in die komplexen psychischen Prozesse ihrer Opfer, um sie danach Schritt für Schritt rücksichtslos auszubeuten. Die Kriminellen hinterlassen gebrochene, verletzte und oft erheblich kranke Menschen.

Intelligente Frauen

Die Frau aus dem Grossraum Luzern ist nicht der einzige Fall, mit dem sich die Luzerner Staatsanwaltschaft derzeit beschäftigt. Eine andere Frau wurde um knapp 249 000 Franken geschädigt, eine weitere um 65 000, eine Vierte liess sich 20 000 Franken entlocken. Und schliesslich ist da noch eine Person, die 15 000 Franken verlor. Gemäss Sprecher Simon Kopp handelt es sich bei den Opfern keineswegs um dumme Frauen. Unter den Betrogenen sind auch Kaderangestellte.

Die Masche der Betrüger ist immer ähnlich (siehe Kasten). Sie geben sich im Internet als Ingenieure, Architekten oder Ärzte aus. Die Fotos, die sie zu ihren Profilen stellen, zeigen ausnahmslos attraktive, sympathische Männer. Sämtliche Bilder dieser Love-Scamming-Kriminellen sind aber gestohlen.

Thomas Heer

Keine Zahlungen an Unbekannte
Prävention Bei der im Haupttext beschriebenen Betrugsmasche handelt es sich um sogenanntes Romance- oder Love-Scamming. Die Spuren der Verbrecher führen vielfach in Länder von Westafrika. Simon Kopp, Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft, geht davon aus, dass die Dunkelziffer in diesem Segment der Kriminalität hoch ist. Der Grund: Viele Opfer dürften sich vermutlich bei den Behörden nicht melden, weil sie sich für ihr Handeln schämen. Kopp sagt: «Sobald jemand Geld verlangt, ist der Zeitpunkt gekommen, die Polizei einzuschalten.» Misstrauisch muss man aber auch dann werden, wenn es nie zu einem realen Treffen kommt, und Dates immer wieder mit fadenscheinigen Begründungen abgesagt werden.
Misstrauisch bleiben
Generell ist höchste Vorsicht geboten, wenn jemand etwas von der «grossen Liebe» schwafelt, ohne dass man die Person überhaupt kennt. Aufmerksamkeit gilt es zu sein, wenn Singles im eigenen Umfeld intensiv auf den Börsen aktiv sind. Die betreffenden Personen sollten von Freunden darauf hingewiesen werden, welche Risiken sich hinter solchen Sites verbergen.