Luzern träumt von der «Smart City» – die Stockholmer machen es vor

Ob bargeldlos bezahlen, elektronische Patientendossiers beim Arzt oder Fahrzeitberechnung statt Zonen im ÖV: Die Schweden sind in Sachen Digitalisierung führend.

Simone Hinnen aus Stockholm
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Schweden – hier die Hauptstadt Stockholm – gilt als Vorreiter in Sachen Digitalisierung.

Schweden – hier die Hauptstadt Stockholm – gilt als Vorreiter in Sachen Digitalisierung. 

(Bild: Keystone/Dagmar Schwelle)

«Digitalisierung ist mehr als einfach möglichst viele Informationen und Dienstleistungen der städtischen Verwaltung im virtuellen Raum abzuwickeln.» So oder ähnlich lautet die Kritik an der Strategie zur Digitalisierung der Stadt Luzern, die in einem Zeitraum von 10 Jahren realisiert werden soll und insgesamt 14 Millionen Franken kosten darf. Die ambitiöse Zielsetzung des Luzerner Stadtrates: Luzern soll mit seiner Strategie Vorbildfunktion für andere Städte übernehmen.

Luzern will digital an die Spitze

Anfang 2019 hat der Luzerner Stadtrat seine Digitalstrategie für die nächsten zehn Jahre vorgestellt. Dabei gibt es insbesondere zwei Schwerpunkte: Die Kommunikation zwischen Bürgern und Stadtverwaltung soll künftig einfacher und unabhängig von Schalteröffnungszeiten erfolgen. Mit einem eigenen Benutzerkonto sollen Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Luzern alle wichtigen Amtsgeschäfte online erledigen können. Weiter soll die Vision einer «Smart City» vorangetrieben werden, also die Digitalisierung des öffentlichen Lebens in der Stadt. Diesbezüglich gab es allerdings heftige Debatten, weil die Digitalstrategie in den Augen vieler Kritiker nicht genügend weit geht. Ein wichtiger Schritt war vor kurzem die Ernennung von Stefan Metzger als Chief Digital Officer (CDO): Er wird ab nächstem Frühling die neu geschaffene Dienstabteilung für Digitalisierung leiten. (rk)

Während das Bestreben an sich mehrheitlich positiv zur Kenntnis genommen wurde, waren sich die Kritiker einig, dass die Stadt Luzern offensichtlich den Fokus zu einseitig auf das Übertragen von bestehenden Daten und Prozessen in die virtuelle Welt gelegt hatte. Mit anderen Worten: Die Vorteile einer Smart City, also das Gestalten des digitalisierten Raums als eine Einheit, wurden zu wenig angepeilt. «So werden wir eher das Schlusslicht bleiben», monierten beispielsweise die Grünen.

Ein Blick in andere Länder lohnt sich – allen voran nach Schweden und hier in die Hauptstadt Stockholm mit ihren knapp 2 Millionen Einwohnern. Das skandinavische Land im Norden gilt in Bezug auf die Digitalisierung als Vorreiter. Während andere Länder erst jetzt oder kürzlich damit begonnen haben, ihre Digitalstrategie zu forcieren, ist Schweden seit Jahren daran, digitaler zu werden. Dies zeigt Wirkung. In den letzten Jahren waren die Schweden im Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft der EU stets auf einem der drei vordersten Plätze. Aktuell sind sie auf Platz 2 hinter Finnland. (Die Schweiz ist als Nicht-EU-Staat nicht abgebildet.)

Der Grund für diese Entwicklung ist insbesondere im Firmenmix zu suchen, glaubt Ola Henriksson, der für die Kundenerfahrung bei der Zeitung «Svenska Dagbladet» zuständig ist. Schweden gilt als Mekka der Start-up-Szene, gleichzusetzen mit der Szene in Paris oder Berlin. Hier haben Spotify oder Skype ihre Teams angesiedelt und sind zwei der weltweit bekanntesten Computergames entwickelt worden: Minecraft und Candy Crush. Grösste Einflussnahme auf diese Entwicklung hatte aber mit ziemlicher Sicherheit der Telefonanbieter Ericsson, der insbesondere in den 1990er-Jahren mit seinen Mobiltelefonen weltweit eine Vorreiterposition innehatte.

Mit der Kreditkarte auf die Toilette

Die Folge davon: Stockholm wurde davon infiltriert. Und dies mittlerweile so stark, dass man ohne Kreditkarte und den Gebrauch von Apps kaum noch am Alltagsleben teilnehmen kann. Oder anders gesagt: Wer mit Bargeld bezahlen kann, darf sich glücklich schätzen. Selbst für den Gebrauch einer Toilette im Restaurant muss möglicherweise eine Kreditkarte verwendet werden. Der Überblick zeigt, wie weit die Digitalisierung in Schweden fortgeschritten ist:

Geld: Schwedinnen und Schweden bezahlen praktisch nur noch mit Kreditkarte oder via einem der anderen bargeldlosen Zahlungsverkehrsmittel wie Klarna oder Swish. Wer mit Bargeld bezahlen möchte, kann dies in den allermeisten Fällen zwar tun. Doch kann es vorkommen, dass das Bargeld abgelehnt wird. Dies führt insbesondere bei Schweizer Touristen immer wieder zur Erkenntnis, nun habe man vergeblich Schwedische Kronen gewechselt. Touristen können zwar auch mit EC-Karten bezahlen, allerdings fallen dann Gebühren an. Bis 2030 will Schweden vollständig bargeldlos sein.

Gesundheit: Wer zum Doktor muss, weist seine persönliche ID vor. Elektronische Patientendossiers sind üblich. Damit der Patient weiss, was mit seinen Daten passiert, gibt er selber grünes Licht, wenn er diese seinem Arzt übermitteln will. Rettungswagen sind mit IT-Systemen ausgerüstet, damit Arzte die Vitaldaten direkt an die Spitäler versenden können und somit Zeit gewinnen. Es gibt mittlerweile virtuale Care-Rooms, die ohne physische Anwesenheit des Arztes funktionieren.

Schule: In schwedischen Schulen wird flächendeckend an allen Schulen ab der ersten Klasse mit Tablets gearbeitet. Hausaufgaben werden online versandt und eingesandt. Elternkommunikation findet online statt. Statt Wandtafeln gibt’s Whiteboards.

Autoverkehr: Parkuhren bedient man mittels Kreditkarte. Oder aber man lädt sich die gewünschte App hinunter, stellt Parkzeit und Parkzone ein und bezahlt direkt per Kreditkarte. Sollte man die Parkzeit verlängern wollen, kann man dies von überall her tun und muss sich nicht in der Nähe befinden. Um Staus auf Autobahnen zu verhindern, wird das Tempolimit bei Staugefahr umgehend gedrosselt. Die Autobahnen sind grosszügig mit Digitalanzeigen ausgerüstet, sodass unmittelbar reagiert werden kann. So kommt es trotz hohem Verkehrsaufkommen selten zu Rückstaus.

Öffentlicher Verkehr: Wer ÖV benutzt, hat eine ÖV-Karte ähnlich dem Swisspass. Dabei gibt es kein kompliziertes Zonennetz. Vielmehr wird nach Fahrzeit abgerechnet. Sind 75 Minuten vorüber, gilt es, neue Fahrzeit zu bezahlen. Wer nicht mehr genug Geld auf der Karte hat, lädt Geld auf. Wer es noch bequemer haben will, lädt sich die entsprechende App hinunter und wählt die Zahl der mitfahrenden Personen sowie die entsprechende Abfahrtszeit. Diese Art der Bezahlung ist allerdings teurer als die herkömmliche mit der Karte. Der passende digitale Fahrplan ist einfach zu bedienen. Egal von wo aus man startet, die entsprechenden ÖV-Routen werden berechnet. Ersichtlich sind Fahrstrecke inklusive Umsteigezeit und Wegstrecke, Fahrplan und möglichem Tarif. Wer möchte, kann sich das dazu gehörige Ticket direkt kaufen.

Basis aller Digitalisierungsbestrebungen ist die Personal-ID. Darauf sind sämtliche Daten einer Person vermerkt. Einmal im Besitz einer solchen ID, verschwindet sie nicht einfach in der Tasche für den Notfall. Ob beim Gang zum Arzt, zur Bank, zum Postamt oder dem Anmelden eines der vielen Kursangebote in der Gemeinde, ja selbst für die Kinderbetreuung oder den Erwerb eines Saisonabonnements in einem Fitnessclub: Stets gilt es, die ID-Nummer anzugeben. Wer keine oder noch keine hat, kann nur halbwegs am öffentlichen Leben teilnehmen. Das Prinzip dahinter: Die Personal-Nummer soll den Alltag des Bürgers vereinfachen. Im Gegenzug ist dieser mehr oder weniger gläsern, weil der Staat quasi über jeden Schritt in der Gesellschaft informiert ist. Ola Henriksson sagt denn auch: 

«Die Digitalstrategie Stockholms erachte ich als erfolgreich hinsichtlich der Tatsache, dass viele Alltagshandlungen einfach via Smartphone erledigt werden können.»

Es gebe aber auch eine Kehrseite der Medaille. Die Schwedinnen und Schweden hätten hierfür einen Grossteil ihrer privaten Daten preisgeben müssen. Zudem sei die Gefahr von Sicherheitslücken vorhanden. Doch genau wie er wissen viele, dass eine Rückkehr keine Option darstellt. Entsprechend gelte es, wachsam zu sein. Und seine Daten so gut wie möglich zu schützen.

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