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LUZERN: Tummelfeld für PR und Lästereien

Unternehmen und Politiker ändern Wikipedia-Artikel, um für sich zu werben – und halten damit die Lexikonbetreuer auf Trab.
Gabriela Jordan
Wikipedia-Manipulationen bei Luzerner Attraktionen: Der höchste Gipfel des Pilatusmassivs, das Tomlishorn, ist gemäss einem zwischenzeitlichen Eintrag 5123,6 Meter hoch. Damit wäre es der höchste Berg im gesamten Alpenraum. (Bild: Pius Amrein / Archiv)

Wikipedia-Manipulationen bei Luzerner Attraktionen: Der höchste Gipfel des Pilatusmassivs, das Tomlishorn, ist gemäss einem zwischenzeitlichen Eintrag 5123,6 Meter hoch. Damit wäre es der höchste Berg im gesamten Alpenraum. (Bild: Pius Amrein / Archiv)

Dicke Nachschlagewerke sind heute immer seltener in Bücherregalen zu finden. Wer heute etwas sucht, googelt den Begriff und landet oft als Erstes auf Wikipedia. Die mittlerweile fünfzehnjährige Online-Enzyklopädie ist im letzten Jahrzehnt rasant gewachsen. Allein in der deutschsprachigen Version finden die Besucher fast zwei Millionen Artikel. Während gedruckte Lexika aber weitgehend unbestechlich waren, ist Wikipedia anfällig für Manipulationen: Artikel erstellen oder bearbeiten kann jeder – nicht einmal eine Registrierung ist nötig.

Bereits 2014 zeigte der Journalist Marvin Oppong in seiner Studie «Verdeckte PR in Wikipedia – Das Weltwissen im Visier von Unternehmen», dass Wikipedia nicht frei von Manipulationen und Geschichtsfälschungen ist. Letzte Woche berichtete die «Nordwestschweiz» über manipulierte Artikel durch Bundes­beamte. Jetzt zeigen Recherchen unserer Zeitung: Auch Firmen aus der Zentralschweiz versuchen nicht selten, etwas Eigenwerbung in ihren Wikipedia-Artikel einfliessen zu lassen.

Spital wirbt mit Leitbild

Klickt man sich durch die Versionsgeschichte der Artikel über willkürlich ausgewählte Unternehmen, wird man fündig. Von einem Computer, der dem Luzerner Kantonsspital (Luks) zuzuordnen ist, wurde zum Beispiel letztes Jahr das gesamte Leitbild des Spitals in den Artikel eingefügt. Ausserdem wurden die medizinischen Leistungen des Luks angepriesen. Auch die Unternehmensgeschichte und die Organisation des Spitals wurden vom gleichen Nutzer detailliert beschrieben. Ebenso wurde der Artikel über die Suva durch einen unternehmenseigenen Computer beschönigt. Unter anderem wurde die «ausgewogene Zusammensetzung des Verwaltungsrates» gelobt, die «breit abgestützte und tragfähige Lösungen ermöglicht».

Wer nun denkt, dass sich Wikipedia leicht als Marketinginstrument verwenden lässt, hat die Rechnung ohne die sogenannten Wikipedianer gemacht. Die aktiven Mitarbeiter des Wikipedia-Projekts bearbeiten freiwillig Artikel und prüfen sie auf ihre Richtigkeit. Relativ häufig werden deshalb Passagen wieder herausgestrichen und in der Diskussion als «Werbung oder unobjektiv» deklariert. Ebendies geschah mit den Abschnitten zur Suva und zum Kantonsspital. Allerdings können die Wikipedianer – in der ganzen Schweiz sind es etwa 250 – unmöglich alle Artikel im Auge behalten.

«Liebe zum Detail»

In vielen Fällen lässt sich nicht sagen, wer der Nutzer hinter dem Pseudonym ist, der den Artikel aufpeppt. Ein unbekannter Nutzer aus der Region Sursee versuchte zum Beispiel, den Wikipedia-Eintrag über das Unterwäscheunternehmen Calida mit PR-Floskeln aufzuwerten: «Hochwertigste Materialien werden trendgerecht umgesetzt und stellen die Liebe zum Detail, Emotionen, Wohlbefinden und Verführung in den Vordergrund.» Hinzu kommt, dass die gleiche Person ganze Abschnitte gelöscht hat, die von der ausgelagerten Produktion nach Portugal und Ungarn und dem damit zusammenhängenden Stellenabbau handeln – also heiklen Themen. Dies wurde von Wikipedianern wiederhergestellt.

Weitere Beispiele: Im Artikel über den Milchkonzern Emmi wird ein eigenes Glace-Sortiment angekündigt, und bei der CSS-Versicherung findet man detaillierte Produktbeschreibungen vor. Die Hirslanden-Klinik St. Anna fügte eine Anfahrtsbeschreibung hinzu. Und die Concordia legt in ihrem Beitrag gar offen, dass die Concordia-Mitarbeiterin Esther Schmid für die Bearbeitung der Wikipedia-Seite verantwortlich ist. Auf Anfrage sagt Astrid Brändlin, Mediensprecherin der Concordia, dass die Aktualisierung eine Reaktion auf die «falschen und veralteten Informationen» auf der Seite war. Deshalb mache es durchaus Sinn, dass jemand aus der Firma für die Aktualisierung der Seite zuständig sei. «Wikipedia-Einträge dürfen aber meiner Meinung nach keinesfalls als Werbeplattform missbraucht werden», sagt sie.

Plattform für Politiker

Neben Unternehmen nutzen auch Politiker die Plattform für sich. Laut Samuel Kneubühler, einem 28-jährigen Wikipedianer aus Luzern, werden insbesondere vor Wahlen Artikel von national bekannten Politikern geändert. Vor allem National- und Ständeräte erhielten meist noch schnell einen Artikel vor der Wahl, aber auch kantonale Politiker. Ein Beispiel ist der Schwyzer CVP-Kantonsrat Andreas Theo Meyerhans. Der Wikipedia-Artikel über ihn wurde am 18. Dezember 2015 erstellt. Am 20. März 2016 finden in Schwyz die Regierungsratswahlen statt, für die Meyerhans kandidiert. Der Benutzername Theo Meyerhans lässt vermuten, dass der Politiker selbst dahintersteckt. Fleissig fügte er mehrere Weblinks hinzu, die auf seine Tätigkeiten hinweisen. Zur Erinnerung: Wikipedia ist gemäss den Initianten «keine Plattform für Werbung und Propaganda, und Artikel sollen einen neutralen Standpunkt einnehmen. Wikipedia ist auch keine Sammlung von Links und kein Verzeichnis.»

Meyerhans ist kein Einzelfall. Im Artikel über den Luzerner Regierungsrat Marcel Schwerzmann (parteilos) finden sich neben dem Link zu seiner Homepage sogar Links zu seiner Facebook-Seite und seinem Xing-Profil. Auch Einträge wie «erreichte ein Glanzresultat» oder «wurde mit Bravour wiedergewählt», kamen zum Beispiel bei den Regierungsräten Guido Graf (CVP) und Robert Küng (FDP) vor – und wurden von Wikipedianern wieder gelöscht.

Dass Politiker den eigenen Artikel bearbeiten, ist zwar nicht verboten, unter Wikipedianern aber verpönt. Dies bestätigt Patrick Kenel, Präsident und Pressesprecher von Wikimedia CH, dem Schweizer Förderverein von Wikipedia: «Dass Politiker oder Firmen den eigenen Artikel bearbeiten, verstösst gegen ein Grundprinzip in der Wikipedia. Persönliche Interessen sollten nicht die Neu-tralität beeinträchtigen.» Auch die Aktu­a­lisierung der Seiten sei nicht deren Aufgabe, sagt Kenel.

Hasseinträge gegen SVP-Frauen

Das mutwillige Platzieren falscher Informationen oder Beleidigungen ist freilich auch verbreitet – gerade auf den Seiten von Politikern. Der Artikel über die Luzerner Nationalrätin Yvette Estermann (SVP) wurde unter anderem wegen ihres Doktortitels aus der damaligen Tschechoslowakei regelmässig geändert und mit bissigen Kommentaren gespickt. Ein unbekannter Nutzer gab sich die Mühe, eine Art Hassgedicht gegen Estermann auf ihre Wikipedia-Seite zu schreiben und sämtliche andere Informationen über sie zu löschen. Vom gleichen Nutzer blieb auch die Zürcher SVP- Nationalrätin Nathalie Rickli nicht verschont. Auch hier fackelten die Wikipedianer nicht lange und löschten die entsprechenden Passagen.

Übrigens gibt es auch Politiker, die auf Wikipedia (noch) nicht auftreten: Paul Winiker (SVP) ist der einzige Luzerner Regierungsrat ohne Wikipedia-Eintrag.

Gabriela Jordan

Wikipedia-Manipulationen bei Luzerner Attraktionen: Falsche Bescheidenheit bei der Kapellbrücke: Diese ist gemäss einem zwischenzeitlichen Eintrag die «jüngste überdachte Holzbrücke Europas». Dabei gilt sie trotz Brand als die älteste. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Wikipedia-Manipulationen bei Luzerner Attraktionen: Falsche Bescheidenheit bei der Kapellbrücke: Diese ist gemäss einem zwischenzeitlichen Eintrag die «jüngste überdachte Holzbrücke Europas». Dabei gilt sie trotz Brand als die älteste. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Wikipedia-Manipulationen bei Luzerner Attraktionen: Das von Jean Nouvel entworfene Kunst- und Kongresszentrum Luzern wurde zwischenzeitlich zum «hässlichsten Gebäude der Schweiz» gewählt. Dabei sorgte nur das Dach für Diskussionen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Wikipedia-Manipulationen bei Luzerner Attraktionen: Das von Jean Nouvel entworfene Kunst- und Kongresszentrum Luzern wurde zwischenzeitlich zum «hässlichsten Gebäude der Schweiz» gewählt. Dabei sorgte nur das Dach für Diskussionen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Welche Fasnacht ist die grösste der Schweiz: die in Luzern oder die in Basel? Der ewige Wettstreit wird auch auf Wikipedia ausgefochten. Aktuellster Eintrag: Luzern steht auf Platz 2. Und wo ist die Fasnacht besser? (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Welche Fasnacht ist die grösste der Schweiz: die in Luzern oder die in Basel? Der ewige Wettstreit wird auch auf Wikipedia ausgefochten. Aktuellster Eintrag: Luzern steht auf Platz 2. Und wo ist die Fasnacht besser? (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

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